Archive for the 'schwul' Category

Liebesklärungen – Angelika Overaths neuer Roman „Ein Winter in Istanbul“

Wie schon unlängst Christoph Hein in „Verwirrnis“ stellt nun auch Angelika Overath die Liebe zwischen zwei Männern ins Zentrum ihres neuesten Romans. „Ein Winter in Istanbul“ (Luchterhand Verlag) erzählt von Cla, einem Deutsch- und Religionslehrer aus dem Engadin, der mithilfe des Stipendiums einer Schweizer Privatbank im heutigen Istanbul zum Dialog zwischen den Religionen forschen soll. Kern seiner Studien ist die Konstantinopel-Mission des deutschen Universalgelehrten Nikolaus von Cusanus 1437. In einem Café lernt Cla den Kellner Baran kennen und verliebt sich in ihn – im Roman einmal mit „Sekundenglücks-Erschrecken über unverhoffte Nähe“ umschrieben. Gemeinsam erkunden sie die Stadt, besuchen einen Hamam ebenso wie ein geheimes Treffen von tanzenden Derwischen. Das geradezu schwärmerische Eintauchen in die Mystik der Stadt, des Sufismus wie in die Sexualität mit einem Mann trifft auf eine von Cla schuldbewusst verdrängte Realität, als Clas Verlobte Alva zu Besuch kommt und ihn an ihre geplante gemeinsame Zukunft erinnert. Wenn es gegen Ende heißen wird „Wir waren unser Byzanz“, dann ist damit die überaus große Dimension von Eroberung und Fall umschrieben – historisch wie zwischenmenschlich.

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Queer Lion 2018 für Film aus Guatemala

Der „Queer Lion“, der queere Filmpreis im Rahmen des Filmfestivals von Venedig, geht 2018 an einen Film aus Guatemala. „José“ erzählt vom 19-jährigen Titelhelden (Darsteller: Enrique Salanic), der mit seiner 50-jährigen Mutter (Ana Cecilia Mota) in Guatemala lebt. Es ist ein hartes Leben in einem armen und stark von Religion geprägten Land. Während er die von seiner Mutter zubereiteten Sandwiches austrägt und verkauft, sucht José via Smartphone nach gelegentlichen Sex-Dates. Als er Luis (Manolo Herrera), trifft, scheint mehr daraus zu werden.

„Die enge Beziehung von Mutter und Sohn“, so der in China geborene, in den USA lebende Regisseur Li Cheng, „ist ein Schlüsselthema der Latino-Kultur – eine traditionelle Moralität, die neben extremem Machismo, Gewalt und Religiosität exisitiert.“

Die Jury begründete die Entscheidung für den Preis an „José“ so: “Einfühlsam geschrieben und wunderschön in Szene gesetzt, zeigt dieses leidenschaftliche Porträt eines jungen Mannes auf der Suche nach emotionaler Erfüllung, die Komplexität einer gleichgeschlechtlichen Beziehung vor dem Hintergrung des rauen Lebens im gegenwärtigen Guatemala.“

Link zu Trailer bei „YouTube“ / „José“ in der „IMDb“

Seit 2007 werden Filme, die das Leben von Schwulen, Lesben, Bi-, Transsexuellen, Transgender exemplarisch thematisieren, durch den Queer Lion ausgezeichnet. Frühere Preisträger waren „Danish Girl“ (2015) oder „Philomena“ (2013). / ©RH

Die gefährliche Hybris von LSVD Berlin und Hirschfeld Stiftung

Zwei aktuelle Beiträge bringen auf den Punkt, auf welche Weise man beim LSVD Berlin-Brandenburg wie bei der Hirschfeld Stiftung des Bundes zum Erstarken rechtsnationaler Kräfte beiträgt. Eitle PR-Fotos konterkarieren deren Einsatz für Rechte von Homo- und Transsexuellen. In gefährlicher Selbstüberschätzung machen sie rechtsnationale und antidemokratische Positionen bzw. deren Vertreter hoffähig.

Zunächst sei auf den jüngsten Beitrag „Die Grenellchenfrage“ von Dirk Ludigs auf „Siegessäule.de“ verwiesen:

Dirk Ludigs bezieht sich auf ein Foto von Jörg Steinert vom LSVD Berlin-Brandenburg vom lesbisch-schwulen Straßenfest in Berlin, das Jens Spahn und US-Botschafter Richard Grenell am LSVD-Stand zeigt, sowie auf ein Foto, das Jörg Litwinschuh, Geschäftsführer der Magnus Hirschfeld Stiftung, im Schulterschluss mit Richard Grenell zeigt. Letzteres ist der Aufhänger für einen Beitrag von Johannes Kram im „Nollendorfblog“:

Johannes Kram nennt das Foto „verheerend“, es sei „ein Dokument des reaktionären Zeitgeistes, ein Erfolg der Anführer der Gegen-Emanzipation“. Dem ist ebenso zuzustimmen wie der Aussage von Dirk Ludigs: „Mit diesem Verhalten zeigen Steinert, Litwinschuh und andere eine unfassbare und gefährliche Naivität im Umgang mit dem Trumpismus und der neuen amerikanischen Rechten.“

Meine Meinung zu Grenell und dass er als Botschafter in Deutschland (als Botschafter überhaupt) untragbar ist, habe ich bereits im Mai kundgetan.

An den aktuellen Beispielen zeigt sich, dass das Handeln in zentralen Community-Organisationen wie LSVD und Hirschfeld Stiftung von einer gefährlichen Hybris bestimmt wird. Insofern hoffe ich, dass die Beiträge von Ludigs und Kram – beide haben mit ihren Medien eine große Reichweite – eine Diskussion anregen und die Verantwortlichen in den beiden Institutionen dazu bringen, sich gegenüber der Basis, die zu vertreten sie vorgeben, zu erklären. / ©RH

Nachtrag: Erklärung von Jörg Litwinschuh auf seiner privaten Facebook-Seite.

Nachtrag 2 (Mo.): Der Post scheint vom FB-Profil gelöscht. Ersatzweise Notiz auf „Siegessäule.de“

 

Community – ein Kürzel mit Leerzeichen

Das Kürzel LGBT verliert seine utopische Kraft. Das lange beschworene Miteinander zersplittert, ausgelöst durch eine notwendige Emanzipation der Einzelgruppen. Die Erzählung vom grenzenlosen Miteinander der Community ist ein schöner Deckmantel geworden für die stattfindenden Abgrenzungen innerhalb der Community, die früher Ausdifferenzierungen genannt wurden, derzeit wohl eher mit Singularitäten bezeichnet werden. Verschärft wird dies durch den Ruf nach neuen Bündnissen und Solidaritäten, also nach weiteren Entgrenzungen. Zeit, viele Leerstellen im liebgewonnenen Kürzel mitzudenken.

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Der Woof zum Samstag – Big Dipper: „Lookin“

Autowaschen ist so ziemlich das heterosexuellste, was man sich vorstellen kann. Und der Wunsch, dass einem ein nackter Hingucker (gleich ob weiblich oder männlich) die Motorhaube kräftig einschäumt, ist übergreifend sexuell eine der lausigsten Fantasien. Augen zu und durch – und den Bauch kräftig dabei in Wallung gebracht. Big Dipper macht’s vor: Der Sommer kann mit CSD-Parade, Grillparty und – wer’s mag – auch mit Autowaschen im Rudel kommen. „Lookin“ liefert die hüpfenden Beats dazu und macht den Musiker aus Chicago bereits zum dritten Mal zum Woof zum Samstag. Hier der Link zum Videoclip:

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Von Zärtlichkeit und verletzter Männlichkeit – Rezension zum Film „The Rider“

Wer sich für das Thema Männlichkeit jenseits gängiger diskursiver Schlagworte wie „toxische Männlichkeit“ und „Alphatier“-Revival-Fantasien interessiert, der sollte sich „The Rider“ der Regisseurin Chloé Zhao nicht entgehen lassen: ein stiller Film mit einer eigenen Poesie und Zärtlichkeit.

„The Rider“ ist die Geschichte von Brady Blackburn, ein Rodeo-Reiter, der nach einem Sturz eine schwere Schädelverletzung erleidet. Medizinisch ist die Sache eindeutig: Er muss, wenn er gesunden bzw. weiter leben will, das Reiten aufgeben. Für Brady beginnt eine intensive Auseinandersetzung mit seiner Lebensrealität und seinen Lebensträumen. Am Schluss läuft der Film auf eine Entscheidung zu. Brady, der um seine Identität als Mann/Cowboy ringt, will wieder an einem Rodeo teilnehmen.

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Event und Ergebnislosigkeit – Warum sind die „sozialen“ Netzwerke so inhaltslos?

Der folgende, kurze Text mag etwas kryptisch sein. Er ist dem Unbehagen geschuldet, das mich hinsichtlich „sozialer“ Netzwerke und ihrer Auswirkung auf die LGBT-Community überkommt. Für gewöhnlich beklagt man sich über die Skandalisierung und die Shitstorm-Mentalität, die Plattformen wie Twitter und Facebook ermöglichen. Mit scheint es aber zunehmend so zu sein, dass Inhalt an sich verunmöglicht wird. Wenn irgendwo eine Diskussionsveranstaltung stattfand, dann finde ich bei FB zwar 30 superschöne Fotos, aber keine einzige Zeile darüber, was an Inhalt verhandelt wurde …

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