Archive for the 'heterosexuell' Category

Das Ende der Geschichte

Aus meiner Jugendzeit in schwäbischen Gefilden ist mir der Spruch „Jetzt ging’s aber auch schnell!“ oder „Jetzt hat er/sie aber schnell gemacht!“ in Erinnerung. Das wurde gesagt, wenn sich ein Sterbender nicht lange mit Sterben aufhielt, sondern eben ziemlich rasch und schneller als von den Lebenden vermutet ins Jenseits wechselte.

Mit der Ehe für alle scheint es nun irgendwie auch rasch zu gehen – allerdings vom längst Totgeglaubten ins Diesseits. Es ist ja auch ein glückliches und lebensbejahendes Moment, wenn schwule und lesbische Paare endlich heiraten statt sich nur verpartnern dürfen und damit der Hetero-Ehe gleichgestellt sind. Die Kanzlerin hat mal rasch einen Schwenk in ihrer Haltung vollzogen, die SPD hat – ein kühner Schachzug, den man von den Sozis gar nicht erwartet hätte – die Drehgeschwindigkeit beschleunigt und gesagt, wieso bis nach der Bundestagswahl warten – wie es Angela Merkel wollte. Wenn der Fraktionszwang im Bundestag bei dieser Frage aufgehoben ist, dann können wir es auch gleich hinter uns bringen.

So ganz mag ich es noch gar nicht glauben, dass es nun also durch sein soll mit der Ehe … aber durch die diversen Kanälen schwappt die Euphorie und Blogger-Kollegen wie Johannes Kram klopfen im Überschwang an die Brust des kollektiven Wir, gedenken der Kämpfer und lassen das Wort „Stolz“ erschallen. Nichts gegen, auch wenn es (im Moment?) so gar nicht meine Gefühlslage treffen will.

Der Moment, in dem die Ehe für Homo- wie Heterosexuelle in Deutschland Gesetz sein wird, ist zwar tatsächlich ein Kulminationspunkt. Er wird aber – ja, ja, Höhepunkt und kleiner Tod – auch das Ende der homosexuellen Geschichte in Deutschland bedeuten. Danach kommt nichts mehr.

Natürlich werden wir noch jahrzehntelang unsere CSD-Paraden feiern, Diskriminierung beklagen und je nach Bauchgefühl die jeweils aktuelle Gewalt gegen LGBTI in anderen Ländern kritisieren. Aber wir hier haben fertig. Der Rest ist Verwaltung. Mit der Ehe für alle siegt die Folklore und setzt sich als alles durchdringende Kraft fest. Was bislang hauptsächlich dem Tourismus diente, herrscht jetzt in den homosexuellen vier Wänden. Die Ehe für alle war der letzte gemeinsame Nenner, auf den sich die Community, die tatsächliche wie die phänomenologische, einigen konnte. Eine Vision von Gesellschaft, von Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft, die über den Ehe-Wunsch hinausführt / hinausführen könnte, hat „die“ Szene, „die“ Community, „die“ Bewegung nie entwickelt. Die gerade jüngst wieder beherzt vorgebrachten Bündnis-Politiken – in all ihrer verqueeren Kompliziertheit – sind jetzt schon Schnee von gestern.

Doch, wie ich das hier so runtertippe am PC … ich freue mich! Es ist schön, dass es nun endlich die Ehe für alle geben soll, dass sie greifbar nahe ist (Bitte keine weiteren Enttäuschungen jetzt!). Wir sind da, wo die meisten hingewollt haben. Es kommt etwas zu seinem Ende. Und das ist dann auch irgendwie gut so. / ©RH

Queer Palm für Aids-Dokudrama

Auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes wurde, wie erwartet, das französische Aids-Dokudrama „120 battements par minute“ (120 Schläge pro Minute) mit der Queer Palm als Bester Film mit einem für LGBT-relevanten Thema ausgezeichnet. Schon im Vorfeld war der Beitrag des Regisseurs Robin Campillo als Favorit gehandelt worden. „120 battements“ erinnert an den Kampf von Aids-Aktivisten im Umfeld der  französische ACT UP-Gruppe im Frankreich der neunziger Jahre.
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Auf dem Weg ins neue Jahr liegt der Unerledigt-Stapel

Tick, Tick, Tick … Der Druck wächst, in den letzten Stunden des Jahres noch alles abzuschließen, den Stapel Unerledigtes wenigstens zu minimieren. Rasch noch die losen Beziehungsfäden, die wenigen, die entstanden, aufheben, verknüpfen. Dabei will ich gar nicht zurückdenken an dieses Jahr, das ein vergebliches war. Ich ignoriere den Aufschrei, das Jahr sei so schlimm gewesen, weil so viele Promis starben (schwule Ikonen von David Bowie über Prince bis George Michael). Das also ist es, was den Leuten ein Jahr verdirbt? Dann kann der Rest ja nicht so schlimm gewesen sein.

Zum Jahresende in Berlin werden wieder vermehrt Übergriffe auf Homosexuelle gemeldet. Kein Terroranschlag in diesem Jahr – allesamt auch Anschläge auf unsere, meine Art zu leben, zu fühlen, zu sehnen, zu lieben -, kein Terroranschlag lässt die Schlägertrupps des Alltags innehalten. Gewalt gegen schutzsuchende Flüchtlinge, gegen Frauen, die die Treppe zur U-Bahn hinabgehen, gegen Juden, die in Berlin nicht mehr wagen, Kippa zu tragen. Nicht erst in diesem Jahr eine Unerträglichkeit. Eine breite Mehrheit verurteilt solche Gewalt. Ein sich verfestigender Prozentsatz bejubelt allerdings die Aktionen gegen all das, „was nervt“, und schiebt den Opfern eine Mitschuld zu: Warum muss ein Mann auch Frauenklamotten tragen? Die liberale Gegenfrage – Warum auch nicht? – dringt mitunter gar nicht mehr durch gegen die dumpfe Sehnsucht nach „Ordnung“.

Also jetzt noch schnell anschreiben gegen diese Gewalt, gegen jede Gewalt, gegen eine drohende Veränderung? Anschreiben gegen die eigene Trägheit, Bequemlichkeit der letzten Monate – und diese dabei gleich den anderen unterstellen? Eine Auswahl aus dem Unerledigt-Stapel, die als „Merkzettel“ ins neue Jahr mitgenommen wird, und eine Erinnerung …

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Berlin für Orlando – Aufruf zur Mahnwache am 18. Juni 2016

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Überwintern im Dagegen – Das Referendum in Slowenien und die Lage in Deutschland

CasJeZa Die Buntheit der Kampagne für ein Ja („Za“) in Slowenien zum eigentlich bereits beschlossenen Gesetz zur Ehe-Öffnung hat leider nichts geholfen. Durchgesetzt haben sich die Gegner – selbsternannte „Kinderschützer“, die politisch-konservative Opposition und die katholische Kirche.  Slowenien verpasst eine Chance wie sie von Irland genutzt wurde – und landet mit diesem „Rückschritt“ auf dem Niveau von Deutschland, wo es partout keinen Fortschritt gibt in Sachen Ehe / Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare.
Ausführlicher im „kreuz & queer“-Blog

Battleworld ESC: Die Führer und der Weg

War Bushido eigentlich zu teuer? Immerhin ist er ja mit dem Integrations-Bambi geadelt, seine Platten laufen wie mit Geld geschmiert, er wäre also ideal für eine Botschaft fürs glückliche Miteinander. Bei der ARD, genauer: beim federführenden NDR, hat man sich aber für Xavier Naidoo als Deutschlands Vertreter beim ESC 2016 entschieden (und die Entscheidung revidiert, siehe Update am Ende des Textes!) Ist okay, zumal Xavier Naidoo besser singt als Bushido und eigentlich auch die schöneren Songs hat und von der Liebe und der Zerbrechlichkeit des menschlichen Miteinanders weiß. Leider meint der Sänger auch einige andere Dinge zu wissen, die er uns mitteilen muss.

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Jetzt aber richtig? Gedanken über den lauten Ruf nach Ehe-Öffnung zu einem Zeitpunkt, da wir es uns schon in der Hängematte bequem gemacht haben

Trautes-PaarIn Deutschland ist die Forderung nach Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben (unter dem misslichen Slogan „Ehe für alle“) zu einem zentralen innenpolitischen Thema avanciert. Den Anstoß gab aber nicht das Drängen deutscher Homosexueller, sondern ein Referendum in Irland. Um es vorneweg klarzustellen: Ja, die Ehe-Öffnung ist wichtig, richtig und sollte möglichst heute als morgen erfolgen. Gleichwohl scheint mir in der plötzlichen Hitzigkeit der Debatte innerhalb der deutschen Homosexuellen etwas zu fehlen, etwas wie eine Reflexion über die eigene Rolle am bisherigen Zustand. Die Fixierung auf die Ehe, die massive Verkürzung als Kampagnen-Thema scheint mir politisch naheliegend, aber verdrängt jede weitergehende gesellschaftliche Überlegung und jede Chance, ein Thema auf andere Optionen hin zu beleuchten …

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