Rot-Grün lässt Gewalt gegen queere Menschen eskalieren

Am heutigen Morgen wird klar, wie zynisch Nancy Faesers Bemerkung, sie könne Homosexuellen die Reise ins Fußball-WM-Land Katar empfehlen, war. Vielleicht hatte sie gemeint, dass queere Menschen dort allemal „sicherer“ sind als in Deutschland – als in Deutschland unter SPD-Innenministerin? Als in Hannover mit einem OB der Grünen? Als in Berlin mit einer rot-rot-grünen Regierung?

Gewalt gegen queere Menschen wird in Deutschland zur neuen Normalität.

Das weiß man auch in Hannover schon länger: „Hasskriminalität und Gewalt gegen Menschen wegen deren sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität nimmt in den vergangenen Jahren stetig zu“, heißt es in einer Pressemitteilung vom Mai diesen Jahres zum IDAHOBIT. Und weiter: „Im Durchschnitt werden in Deutschland täglich drei registrierte Fälle von queerfeindlicher Hasskriminalität begangen.“ Die Betonung liegt hier auf „registriert“, denn zum einen wird nur ein Bruchteil von Übergriffen, Straftaten angezeigt, zum anderen wird Gewalt gegen queere Menschen in Statistiken gar nicht als solche erfasst.

„Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts nehmen wir nicht hin. Straftaten werden von unseren Sicherheitsbehörden konsequent verfolgt und bestraft. Betroffene sollen sich in jedem Fall an die Polizei wenden. Die Niedersächsischen Polizistinnen und Polizisten werden schon in ihrem Studium hinsichtlich dieses Themas sensibilisiert. Zudem gibt es bereits seit einigen Jahren innerhalb der Polizei Vertretungen für LSBTI*“ Verkündet hat dies im Mai Boris Pistorius von der SPD – er wird auch künftig Innenminister des Landes Niedersachsens sein.

Ob man Hilfe von der Polizei erhält, ist wohl stark von Ort und wahrscheinlich subjektivem Einsatz einzelner Polizist:innen abhängig. In Hannover hielt es die Polizei scheinbar nicht für nötig, über Gewalt gegen Schwule zu informieren. Erst als der überfallene, 33-jährige Jan E. die Tat bei Twitter öffentlich macht und – ausgerechnet – „Bild“ nachfragt, reagiert man. (Bericht queer.de) Seit Freitag (Tage nach dem Überfall auf Jan E. und Tage nach der Attacke auf ein schwules Paar) stehen zwei Zeugenaufrufe auf dem Presseportal der Hannover Polizei.

In Niedersachsen setzt sich aktuell eine neue Landesregierung aus SPD und Grünen zusammen, die der SPD-CDU-Koalition folgt. Schon vorab rühmt man sich, dass das Bundesland nun ein Landesaktionsplan für LSBTIQ* auflegen will. Der scheint dringend nötig, noch nötiger wäre allerdings ein entschiedenes Vorgehen gegen Hassverbrechen, gegen Überfälle auf Lesben, Schwule, Trans* Personen. Wer übrigens meint, unter der Union sei es besser, der sollte Angst vor ihrem Nachwuchs haben: In Osnabrück attackierten im Oktober besoffene Besucher einer Junge-Union-Wahlparty eine trans Frau und sangen dabei die erste Strophe des Deutschlandliedes (Bericht queer.de). Der Vorfall wirft ein trauriges Licht auf das Klima der queerfeindlichen „Normalität“ in Niedersachsen.

Was hier für Niedersachsen geschildert wird, ließe sich ohne Weiteres auch für Berlin erzählen. Am 28.10. Attacke auf schwules Paar in Neukölln, am 27.10. wird eine trans Frau angegriffen, am 22.10. ein Mann in der U-Bahn homophob beleidigt und geschlagen, am 18.10. gibt es einen transphoben Übergriff am Alexanderplatz. Die Liste ließe sich allein für den Monat Oktober noch lange fortsetzen, auch bundesweit. Schon das ganze Jahr – und der Tod von Malte C. ist der traurigste Fall – werden Besucher:innen von CSD-Paraden angegriffen und mehren sich Berichte von untätig zuschauender Polizei.

Nützt es, wenn man diese Vorfälle schlimm findet? Nützt es wütend zu sein? Nützt es, Gewalt gegen queere Menschen zu thematisieren, wenn alles letztlich doch zu Einzelfällen erklärt wird, wenn stets relativiert wird: die Zunahme an Gewalt scheine ja nur so groß, weil sich mehr Menschen trauen, sie zu melden (eine sehr zynische „Beruhigung“, nebenbei gesagt)? Nützt es sich daran zu gewöhnen, dass in manchen Gruppen unserer Bevölkerung Gewalt gegen „feminine“ Homosexuelle und/oder trans* Personen Teil der männlichen Sozialisation ist und als solche geduldet? Nützen pauschale Vorwürfe an die Polizei, wenn diese leider immer auch jene Polizist:innen (die Mehrzahl) treffen, die ihren Job ernst nehmen und die aufgrund ihres demokratischen Verständnisses an unserer Seite stehen? Nützt es in einer LGBTIQ*-Community, die sich lieber im Kampf ums korrekte Wording selbst zerfleischt und die Selfie-Ego-Postings mehr honoriert als Politik und gemeinsames Handeln?

Nützt der Wunsch, als schwuler Mann in dieser Republik sicher leben zu wollen, überhaupt etwas, wenn er von der rot-grünen „Aktions-Rhetorik“ verschluckt wird? Wenn Aktionspläne über die runden Tische direkt in die Schubladen wandern? Nützt Kritik, wenn man die Wut (und auch Hilflosigkeit) angesicht der Queerfeindlichkeit mit der Tatsache in Einklang bringen muss, dass eine Mehrheit in Deutschland sehr wohl queerfreundlich eingestellt ist und die Solidarität groß?

Gewalt gegen queere Menschen nimmt stetig zu – die konkreten Maßnahmen dagegen leider nicht oder bestenfalls auf dem Papier. Und Schwule, Lesben, Bisexuelle, non-binäre, trans* Menschen müssen das tun, was wir schon seit Jahrhunderten tun: mit der Gewalt gegen uns leben. / ©RH

2 Antworten to “Rot-Grün lässt Gewalt gegen queere Menschen eskalieren”


  1. 1 Schokokäse November 7, 2022 um 6:40 am

    Ich finde es immer schwieriger, mit der wachsenden Menschenfeindlichkeit hierzulande und auf der Welt klarzukommen:

    Die Berichterstattungen über die Untätigkeiten im Kampf gegen die Klimakatastrophe; die vielen queerfeindlichen Attacken, die tagtäglich allein im ach so offenen Deutschland stattfinden; und wachsende rechte Kräfte auch in der EU, die in der Politik gerade zuletzt verstärkt Mehrheiten für sich gewinnen. Die EU entfernt sich immer mehr von ihren Werten. Die menschenfeindliche und menschenrechtswidrige Asylpolitik wird somit nur noch weiter verfestigt.

    Gruselig. Wie kann mensch nur so blind und egoistisch sein?

    • 2 Schokokäse November 7, 2022 um 6:47 am

      Oh, mir war nicht bewusst, dass mit dem „Anmelden“ bei WordPress.com der Kommentar gleich abgeschickt wird. Ich wollte dem noch etwas vorneweg gestellt haben:

      Vielen Dank für diese wichtigen und leider sehr wahren Worte. Immerhin „schön“, dass es das in die Presseschau auf queer.de geschafft hat, wodurch ich dieses Blog neu entdeckt habe.


Comments are currently closed.



Archiv

Der Samstag anderswo

Der Samstag empfiehlt

Der Samstag empfiehlt


%d Bloggern gefällt das: