Sicher in Katar!

Vermutlich wird der große Ansturm von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen auf Tickets und Flüge zur Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ausbleiben, selbst jetzt, da die für Sport zuständige Innenministerin Nancy Faeser (SPD) das Terrain sondiert und für sicher befunden hat. Guten Gewissens könne sie Homosexuellen die Reise ins Emirat Katar empfehlen. Der Premierminister des arabischen Staates, Scheich Chalid bin Chalifa bin Abd al-Aziz Al Thani, habe ihr persönlich – hinter verschlossenen Türen, ohne dass Presse zugegen war – Sicherheitsgarantien gegeben, dass sich Fußball-Fans frei und ohne Angst bewegen könnten, und dies ganz unabhängig von ihrer Orientierung in sexuellen wie religiösen Angelegenheiten.

Weil alles so sicher ist, hat die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Luise Amtsberg, sicherheitshalber ihre Mitreise abgesagt. Vom Queerbeauftragten Sven Lehman war gleich gar keine Rede, ob er mitreisen sollte. Wahrscheinlich auch, weil in punkto Sicherheit ja alles klar ist und ein Schwuler vor Ort damit komplett überflüssig. Er fand es aber richtig, dass Faeser nach Katar reiste. Im Interview mit dem SWR2 sprach er davon, dass Faeser von jemanden von einem queeren Fanprojekt begleitet würde, und dies sei ein wichtiges Zeichen. Immerhin sprach Sven Lehmann vor Faesers Reise nochmals aus, was die Ministerin ihrerseits vor Ort so nicht sagen wollte (ab 0:40 im Interview): „Katar ist ein Land, wo homosexuellen, transgeschlechtlichen Menschen Folter, Freiheitsstrafe, theoretisch sigar der Tod droht. Aber auch die Situation von Frauen, von den Arbeitern auf den Baustellen ist katastrophal.“ Dies sei schon vor der Vergabe der WM bekannt gewesen, nun gelte es, „Schadensbegrenzung“ zu betreiben.

Man kann jetzt viel hin und her spekulieren, warum sich die Innenministerin nach 48 Stunden im Gastgeberland plötzlich so handzahm gibt, wo sie doch zuvor die Vergabe der Weltmeisterschaft an Katar kritisiert hatte. Dass man von Seiten Katars nicht an einem großen Presserummel, wenn es um Fragen von Homosexualität geht, interessiert ist, war auch klar. Und es ist so lange nicht her, dass Deutschland in Katar um Hilfe bei der Bewältigung der Energiekrise gebettelt hat. Da hält man besser den Fußball flach, damit wir alle es auch im nächsten Winter sicher und schön warm haben.

Gleichwohl: Die euphorische Formulierung, sie könne mit gutem Gewissen die Reise nach Katar empfehlen, wäre so nicht nötig gewesen. Sie zeigt leider einmal mehr das Verständnis der SPD von queeren Menschen als einer von oben herab zu betüddelnden Gruppe. Nancy Faeser stelllt sich damit in eine Reihe mit Gesine Schwan und dem Patriarch Wolfgang Thierse, die sich vor nicht allzu langer Zeit queere Meckerei verbeten und daran erinnert haben, wer die Mehrheit in diesem Land ist, als es queere Menschen gewagt haben, mit einer Diskussionsführung nicht einverstanden zu sein. Nun haben erneut SPD-Obere es gut gemeint und ohne uns, über unsere Köpfe und noch mehr über die der queeren Menschen in Katar hinweg, mit den Oberen in Katar entschieden: Alles gut!

In einem anderen Punkt zeigt sich eine Nähe Faesers zu einer Äußerung von Ex-Minister Sigmar Gabriel, der zum Thema Menschenrechte und Katar sinngemäß anmerkte, man sollte sich mal nicht so aufspielen hierzulande, die Kataris bräuchten halt noch ein bisschen Zeit, bis sie soweit seien wie wir. Bei Faeser heißt das, man werde Reformen in Katar auch nach der WM unterstützen, „damit sich die Lebenswirklichkeit von Wanderarbeitern und die Lage der Menschenrechte weiter verbessert“. Sicher wartet man am Persischen Golf genau darauf! Es ist schon ein wenig traurig, auf welchem Niveau sich Faesers Politikverständnis in (außenpolitischen) Sportfragen wie hinsichtlich queerer Realitäten bewegt.

Alfonso Pantisano vom LSVD hat ganz recht, wenn er Nancy Faeser auffordert, nach der Erfahrung mit den olympischen Winterspielen in Russland nicht nochmals „das Märchen zu erzählen, dass Sportereignisse in totalitären Regimen zu mehr Demokratie führen“.

Wie es zugehen könnte während der Weltmeisterschaft, das wurde Ende Oktober deutlich. Der britische Menschenrechtsaktivist Peter Thatchell zeigte in Doha, der Hauptstadt Katars, ein Plakat gegen die Diskriminierung von LGBTIQ („Qatar arrests, jails & subjects LGBTs to ‘conversion’.“) und wurde von mehreren Polizisten abgeführt, später wieder freigelassen. In der Darstellung Katars hieß es laut Eurosport, eine im Kreisverkehr stehende Person habe den Polizeieinsatz ausgelöst. Sie sei „herzlich und professionell“ gebeten worden, den Bürgersteig zu benutzen. Zweifelsohne: Sicherheit wird großgeschrieben in Katar!


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