Dunkelheit – Wird sich durch Sparmaßnahmen auch das queere Nacht-Leben ändern?

StraßenaterneUm Energie zu sparen, wird in vielen Städten derzeit damit begonnen, nächtliche Beleuchtungen abzuschalten. Was heißt das für die queere Szene, die sich ja zu einem wesentlichen Teil über das Nachtleben definiert? Künftig mehr Kaffee und Kuchen am Nachmittag anstatt Kneipenbier nachts um drei? Wie steht es um die Sicherheit? Bedeuten dunklere Wege mehr Überfälle auf Lesben, Schwule, Trans*Personen? Könnten die notwendigen Sparmaßnahmen zu verändertem Verhalten führen, durchaus auch in einem positiven Sinne?

Inspiriert sind die folgenden, unfertigen ersten Gedanken durch ein Interview mit dem Psychologen Peter Walschburger, das heute auf „rbb24“ veröffentlicht wurde. Es geht darin allgemein um das Tag-Nacht-Verhältnis in einem evolutionären Sinn, um Angst des Menschen vor der Dunkelheit, aber auch um Fragen, ob Frauen anders damit umgehen als Männer, ob es Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt.

Beim Lesen des Interviews habe ich mich gefragt, ob und welche Auswirkungen ein Abschied von der „taghell erleuchteten Nacht“ für die queere Szene haben könnte:

1. Die Dunkelheit und das Nachtleben haben immer schon eine ambivalente Rolle gespielt in der Geschichte der Homosexuellen. Das Geheimnisvolle der Nacht, das wir gerne mit rauschenden Partys, Freiheit, also einem urbanen Lebensstil der permanenten Erregung, die keine Ruhe kennt, verbinden, war und ist in vielerlei Hinsicht auch Schutz: Wir mussten und müssen unsere über Jahrhunderte kriminalisierte Sexualität heimlich ausüben, wollten und wollen nicht gesehen werden – nicht von den Nachbarn, nicht von der Polizei.

2. Wird mit einer Reduzierung der Straßenbeleuchtungen, der nächtlichen Leuchttafeln, der erhellten Gebäude die Gewalt gegen LGBTIQ+ zunehmen? Keiner kann im Moment sagen, ob in den großen Städten die Zahl der Verbrechen, der Übergriffe zunehmen wird. Etwas zynisch könnte man sagen, dass sich die Täter bislang weder von Tageslicht noch Dunkelheit haben abhalten lassen, ihre hasserfüllten Straftaten zu begehen. Es waren und sind die Wege zu „unseren“ Plätzen, Orten, die für viele zum Problem werden. Bleiben künftig U-Bahnen, Busse nachts leer? Fahren sie möglicherweise weniger oft? In Großstädten ist es auch der Umstand, dass nachts viele andere Schwärmer unterwegs sind, der eine gewisse Beruhigung bietet.

3. Mehr Homosexualität bei Tag? Erst kürzlich beklagte ein angehender Schriftsteller, man sähe in Berlin inzwischen weniger Männer Händchen halten als in polnischen Städten. Was aber spräche gegen eine Verlagerung der Stoßzeiten (ganz unpassendes Wort) in die späten Nachmittags,- frühe Abendstunden. Ausnutzen der natürlichen Helligkeit, Bier nur noch bis Sonnenuntergang? Mir persönlich käme das aufgrund meines Alters und gestiegener Trägheit, nachts noch um die Häuser zu ziehen, entgegen. Auch sonst würde ich mehr schwule Cafés mit angenehmer Flirtatmosphäre am Tag schummrigen Kneipen in der Nacht, wo sich ja dann doch alles auf das Eine nebst Alkohol reduziert (nein, ich habe keine Vorurteile im Kopf!), vorziehen. In den neunziger Jahren, meiner „wilden“ Ledermann-Zeit, hätte ich dies allerdings ganz, ganz anders gesehen!

4. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Verantwortung füreinander? Das könnte ein Weg sein, mit Ängstlichkeit aufgrund dunklerer Nächte umzugehen. Guten Freund*innen und Bekannten Bescheid sagen, wenn man loszuziehen plant. Öfter mal eine SMS schicken, dass man gut wieder zuhause angekommen ist. Fahrdienste organisieren. Im Zuge steigender Energiepreise werden allerdings auch Taxifahrten zunehmen teurer werden. Ganz kühne Idee: Vielleicht können jüngere queere Menschen den älteren anbieten, sich gemeinsam mit ihnen auf den Weg durch die Nacht zu machen?

Es ist inzwischen üblich geworden, alles von Corona bis Krieg als „Chance“ zu sehen. Hier schon mal der wichtigste Spoiler: Nein, wir werden nicht plötzlich alle zu besseren Menschen werden! Man muss sich nicht alles schönreden, was durch äußere Bedingungen/Veränderungen notwendig wird. Die Frage, wie sich mit der beginnenden dunkleren Jahreszeit Energiesparmaßnahmen auf unser queeres Leben auswirken, ließe sich weiterdenken: Wie wird/könnte/müsste sich queeres Leben unter den Erfordernissen der Klimakatastrophe / des Klimawandels anpassen – sei es durch verändertes Reiseverhalten, andere, ressourcenschonendere Formen großer Demonstrationen oder eben auch durch verändertes Ausgehverhalten aufgrund von Energiesparmaßnahmen.

Wird sicher forgesetzt. Ideen, Utopien erwünscht.


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