Suchbewegung – Ralph Roger Glöcklers Novelle „Luzifers Patenkind“ über den Maler Marsden Hartley

Cover_Luzifers-PatenkindUm Leben und Werk des 1877 in Maine geborenen US-amerikanischen Malers Marsden Hartley kreist die Novelle Luzifers Patenkind von Ralph Roger Glöckler. 1912 reiste Hartley erstmals nach Europa, nach Paris, wo er nicht nur bald im Salon von Gertrude Stein verkehrte, sondern auch den jungen deutschen Offizier Karl von Freyburg kennenlernte. Hier nimmt die Erzählung ihren Ausgang und auch eines der berühmtesten Gemälde Hartleys: das „Bildnis eines deutschen Offiziers“, das aus militärischen Orden und Rangabzeichen besteht; ein ‚Porträt‘, das in seiner expressionistischen Symbolhaftigkeit zunächst wenig von Hartleys Homosexualität und seiner Liebe zu Karl von Freyburg verrät, der im 1. Weltkrieg starb.

Hartley ist ein unruhiger Geist, und die Novelle folgt ihm darin bis in die Sprachstruktur hinein. Luzifers Patenkind ist weniger Biografie als Versuch, der Person Hartleys in einer Fiktion zu begegnen. Einer Fiktion freilich, die auf gründlicher Recherche des Autors beruht, wie das Nachwort verrät. Das Buch enthält wohl bewusst keine Abbildungen von Hartleys kraftvoll-bunten, expressionistischen Gemälden, sondern streut Skizzen, Entwürfe, Studien des Künstlers ein, betont dadurch zusätzlich das Moment des Suchens, des Prozesshaften.

Glöckler entwirft das ‚Porträt‘ eines letztlich einsamen Sinnsuchers in der Kunst wie im Leben. Hartleys Sehnsucht nach dem Wesentlichen, der Versuch, die überbordenden Sinneseindrücke der Welt zu fassen, verleiht er Züge eines Mystikers. Er spart zugleich nicht die Härten aus, die das Ausleben einer zu jener Zeit verbotenen Homosexualität mit sich bringen konnte, und kontrastiert gelegentliche pseudo-religiöse (Selbst-)Erhöhungen Hartleys etwa mit dessen herablassender Arroganz Malerkollegen, den „Künstler-Karikaturen“, gegenüber.

Und mit einer durchaus seltsamen, wenngleich rührenden Apotheose schließt auch die Novelle, lässt Hartley, inzwischen endgültig in die USA, nach Maine, zurückgekehrt, vom Ende der Suche, der Wanderschaft durch die Welt träumen, „auf eine Liebe hoffend, die er, wenn es sich fügte, unter einfachen, aufrichtigen, herzlichen Männern finden würde“.

In Deutschland wurde Hartleys Werk sehr spät entdeckt. Erst 2014 nahm eine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin seine „deutschen Bilder“ (1913-1915) in den Blick. Ein wichtiger Anfang, der aber die Männerkörper, die erst im Spätwerk Hartleys auftauchen, aussparte. Mit seiner Novelle Luzifers Patenkind lotet Ralph Roger Glöckler viele Facetten des Künstlers und Menschen Masden Hartley aus, begibt sich auf die Suche nach jemandem, der selbst auf der Suche war. Damit lädt er auf literarische Weise dazu ein, selbst weiterzusuchen.

Buchinfo: Ralph Roger Glöckler: Luzifers Patenkind. Eine Marsden-Hartley-Novelle. Größenwahn Verlag 2022, 224 Seiten, 13,- €. ISBN-13: 978-3-95771-303-2

Link: S.i.e.g.T.-Rezension zu Glöcklers Novelle Die kalte Stadt (2020)


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