Ungewöhnliche Häufung von Infektionen mit Affenpocken in Europa

Das Auftreten von Affenpocken löst derzeit Beunruhigung, möglicherweise auch Erinnerungen an den Ausbruch der HIV-Pandemie Anfang der 1980er-Jahre aus. In Sprache und Bild werden von manchen Medien Verbindungen zu einer „Schwulenkrankheit“ geknüpft. Hier eine Zusammenstellung, was (mir) derzeit bekannt ist:

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht derzeit (Stand: 20.5.22) von 80 bestätigten Erkrankungen durch Affenpocken in mindestens 11 Ländern, darunter Europa, die USA, Kanada und Australien. In 50 weiteren Fälle laufen derzeit Untersuchungen.

Die Häufung ist ungewöhnlich, weil sie in als nicht-endemisch geltenden Ländern auftritt – anders als in West- und Zentralafrika, wo das Affenpockenvirus als endemisch gilt. Endemisch heißt: Eine Krankheit tritt in einer begrenzten Region gehäuft auf.

In Deutschland ist derzeit 1 Fall einer Infektion mit dem Affenpockenvirus bekannt. Es handelt sich, wie das bayerische Gesundheitesministerium mitteilt, um einen 26-jährigen Mann aus Brasilien, „der von Portugal über Spanien nach Deutschland eingereist ist und sich seit ca. einer Woche in München aufhält. Vor seiner Ankunft in München war er in Düsseldorf und Frankfurt“. (Ergänzung 1: Es soll einen weiteren Fall, und zwar in Berlin, geben. Das berichtet die „Berliner Zeitung“ aufgrund der Mitteilung eines Arztes aus Berlin-Schöneberg. / Ergänzung 2; 17.30 Uhr: Der „rbb“ sieht 3 Fälle in der Hauptstadt, die Berliner Gesundheitsverwaltung 2.)

Europaweit werden zudem Fälle aus Großbritannien, Spanien, Portugal, Belgien, Frankreich, den Niederlande, Italien und Schweden gemeldet.

In Belgien werden 3 Fälle mit dem schwulen Fetisch-Festival Darklands Anfang Mai in Antwerpen in Verbindung gebracht. Die Festival-Organisatoren haben auf Bitten der Behörden einen entsprechenden (Warn-)Hinweis auf ihrer Internetseite veröffentlicht.

In Madrid, Spanien wurde die schwule Sauna „Paraíso“ geschlossen, nachdem sich von 21 bestätigten Fällen eine große Zahl mit der Sauna in Verbindung bringen ließen.

Derzeit scheinen vor allem schwule und bisexuelle Männer (MSM – Männer, die Sex mit Männer haben) betroffen. Unklar ist, so die Deutsche Aids-Hilfe (DAH), ob und in wieweit Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem (etwa durch unbehandelte HIV-Infektion) ein höheres Risiko für schwere Verläufe haben könnten.

Symptome einer Erkrankung mit Affenpocken sind Fieber-, Kopf- und Muskelschmerzen sowie Ausschlag bzw. bläschenartige Hautveränderungen, ähnlich wie bei Windpocken. „Sie treten zum Beispiel im Gesicht, aber auch im Genitalbereich auf. Die Infektion heilt normalerweise von alleine aus. Schwere Verläufe kommen sehr selten vor“, schreibt die DAH.

Bei „ungewöhnlichen Hautveränderungen“ sollte man sich unverzüglich medizinisch untersuchen lassen.

Übertragungen „von Mensch zu Mensch sind selten, aber nur bei engem Kontakt möglich“, teilt das Robert Koch Institut mit. Übertragungen können „durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten oder Schorf der Affenpocken-Infizierten auftreten, vermutlich auch im Rahmen von sexuellen Handlungen“. Eine Übertragung ist dabei schon durch Tröpfcheninfektion über Atemwegssekrete möglich.

Angesichts international steigender Fallzahlen muss auch in Deutschland mit weiteren Fällen gerechnet werden.

DAH-Sprecher Holger Wicht warnt jedoch vor Panik und Angst. Die Situation sei auch nicht mit der HIV-Pandemie zu vergleichen. „Wir haben es mit einer Viruserkrankung zu tun, die unter bestimmten Bedingungen übertragen wird – nicht mehr und nicht weniger. Die Lösung ist Aufklärung, nicht Ausgrenzung.“ Der Stigmatisierung und Schuldzuweisungen gegenüber schwulen Männern und Menschen aus Afrika müsse deshalb entschieden entgegentreten, sobald sie auftreten, so Holger Wicht.

1 Antwort to “Ungewöhnliche Häufung von Infektionen mit Affenpocken in Europa”


  1. 1 Ralf Mai 22, 2022 um 11:20 am

    Ich möchte anmerken, dass von wissenschaftlicher Seite wiederholt gesagt wurde, die Impfung gegen (Menschen-) Pocken schütze auch gegen Affenpocken. Wenn das stimmt, sind die Alten mal klar im Vorteil, denn sie wurden noch gegen Pocken geimpft. Ich bin 60 und erinnere mich gut, dass die zweite (von zwei) Pflichtimpfungen in der Unter- oder frühen Mittelstufe des Gymnasiums stattfand. Klasse für Klasse des Jahrgangs musste in einem der Zeichensäle antreten und alle wurden geimpft. Ein großes Bohei gegen die immerhin verpflichtende Impfung wie heute gegen die nur freiwillige gegen Covid gab es nicht. Wer wollte schon qualvoll an den Pocken sterben? Nach meiner Erinnerung niemand.


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