Vor 50 Jahren: Erste Homosexuellen-Demonstration in Deutschland

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Nicht Berlin, nicht Köln, nicht München – Münster in Westfalen und der studentischen „Homosexuelle Aktionsgruppe Münster“ (initiiert von Anne Henscheidt und Rainer Plein) gebührt das Verdienst, die erste Demonstration von Homosexuellen in Deutschland auf die Beine gestellt zu haben. Rund 200 (in „100 Jahre schwul“ von Elmar Kraushaar sind es „mehr als 400“) aus der ganzen Republik angereiste AktivistInnen trafen sich um 11.30 Uhr vor dem Schloss und marschierten dann Richtung Stadtmitte. Auf Transparenten war zu lesen „Schwulsein macht Spaß!“ und „Nieder mit dem Kapitalismus!“. Darüber hinaus gab es Infotische, Diskussionen und eine abendliche Party.

In Münster wird der Tag mit einem großen Festakt begangen, der ab 17.50 Uhr auch live übertragen wird (Aufzeichnung via YouTube). Als Redner*innen und Zeitzeug*innen sollen Halina Bendkowski, Martin Dannecker und Sigmar Fischer berichten, wie sie die Demonstration am 29. April 1972 erlebt haben. Gastredner ist Hendrik Wüst, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. Er hat in einem Gastbeitrag für queer.de das damalige Engagement gewürdigt und aufgerufen, in diesem Engagement auch heute nicht nachzulassen. „Unser Nordrhein-Westfalen ist vielfältig und bunt. Darauf sollten wir stolz sein: jeden Tag. So stolz wie auf jene Frauen und Männer, die am 29. April 1972 in Münster mutig und couragiert für eine offene und tolerante Gesellschaft auf die Straße gingen.“ Ferner spricht er sich für eine Grundgesetzänderung und eine Ergänzung des Artikels 3 Absatz 3 um das Merkmal der sexuellen Identität aus.

Ein Dokumentarfilm zur Geschichte der queeren Bewegung in Münster soll im Herbst Premiere haben.

Von „Brüder und Schwestern, ob warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!“ zum Grußwort eines konservativen Ministerpräsidenten, der seinen Stolz auf queeres Engagement ausdrückt, ist es ein weiter und in seinen Wendungen erstaunlicher Weg. So kämpferisch das eine, so pragmatisch-angepasst an bestehende Strukturen das andere. Die Hauptfrage aller Gedenktage und -veranstaltungen bleibt: Welche Bedeutung hat der Mut einer kleinen Gruppe damals für uns heute? Wie erzählen wir – die vielfältige Community in ihrer Allgemeinheit – uns unsere Geschichte(n)? Welche Menschen tauchen in den Erzählungen der Vergangenheit nicht auf und warum nicht? Sind sie heute präsent? Erwächst aus dem Damals auch eine Idee für das Morgen? / ©RH

3 Antworten to “Vor 50 Jahren: Erste Homosexuellen-Demonstration in Deutschland”


  1. 1 Ralf April 29, 2022 um 3:15 pm

    Wofür oder wogegen Herr MP Wüst sich ausspricht, ist bedeutungslos. Es kommt einzig und allein auf das Abstimmungsverhalten der von seiner Partei gebildeten Fraktion im Bundestag und der Regierung seines Landes im Bundesrat an, und da ist die Bilanz durchweg negativ, nicht nur was eine GG-Ergänzung angeht, sondern schon im Bereich der einfachen Gesetzgebung liegende Projekte wurden von seiner Partei und seinem Land abgelehnt. Es ist deshalb nicht an ihm, zu reden oder zu schreiben, sondern erstens das Abstimmungsverhalten seiner eigenen Regierung umzukehren und zweitens auf die aus seinem Land kommenden Bundestagsmitglieder hinreichend politischen Druck auszuüben, damit sie das auch tun. So lange er beides unterlässt, sollten er und die CDU von LSBTI keine Stimme bekommen. Schönredner in der CDU gibt es noch andere, Herrn Günther in Kiel zum Beispiel. Aber nur nett reden ist keine Politik.

    • 2 RH April 30, 2022 um 7:18 am

      Würde ich nicht ganz so entschieden sehen: Es ist m.E. immer noch besser, Wüst spricht sich dafür aus, als dass er öffentlich dagegen wettert. Ergänzung: Kai Bölle vom CSD Deutschland sagt in seiner Rede auf dem Festakt: „Ich habe ihn (Wüst) so verstanden, wenn er wiedergewählt werden sollte, setzt er sich natürlich an die Spitze der Bewegung! (ungefähr 2:01:00 im Video)
      PS: Es gibt sowieso noch jede Menge anderer Gründe, CDU nicht zu wählen! ;-)

      • 3 Ralf April 30, 2022 um 9:28 am

        Und genau das eben ist mein Kritikpunkt. Jetzt, kurz vor der Wahl, heißt es, wenn Herr Wüst bei passendem Wahlergebnis MP bleiben kann, werde er … usw. Er ist schon ein paar Monate im Amt. Es wäre möglich gewesen, gleich nach Amtsübernahme einen Richtungswechsel auszurufen. Hätte gut gepasst: Abgang des erzkatholischen LSBTI-Gegners, Auftritt des liberalen Menschenfreundes. Kam aber nicht. Damit bis kurz vor der Wahl warten, um damit noch schnell queere Stimmen zu fangen, ist weit weniger glaubwürdig. Zudem wissen wir an Beispielen wie SPD und FDP zur Genüge, dass im Wahlkampf Versprechen gemacht und die dann in Koalitionsverhandlungen schnell aufgegeben werden nach dem Motto, es sei halt mit dem Partner nicht zu machen. Sieht man sich den wahrscheinlichen Partner erster Kategorie an, die FDP nämlich, dann wird hoffentlich niemand vergessen haben, dass diese Partei sogar unter einem homophilen Vorsitzenden massiv gegen LSBTI Politik gemacht hat. Und jetzt bitte nicht sagen, aber die FDP will doch jetzt auch. Was diese Partei sagt und was sie macht, da ist das eine schon immer das Gegenteil vom anderen. Queerpolitik entdeckt diese Partei erst dann, wenn sie sich damit einen Posten sichern kann, siehe Bundesstiftung. Wo ist denn bitte schön Herrn Wüsts Aussage, ohne Zustimmung von NRW zu einer GG-Ergänzung im Text werde er keinen Koalitionsvertrag unterschreiben? Oh nein, so hoch will er die Sache dann doch nicht hängen… Derweil hat seine Partei ein deutliches Signal gegen den Stellenwert von Antidiskriminierungspolitik gesetzt mit der Ablehnung der Wahl des*der Antidiskriminierungsstellenvorsitzenden durch den Bundestag. Gab es da etwa laute abweichende Stimmen aus NRW? Ich hab keine gehört.


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