Verbundenheit! „Aids als kollektives Trauma“ von Patrick Henze-Lindhorst betrachtet schwule Geschichte(n) und berührt zentrale Fragen von heute

Cover_AidsalskollektivesTraumaWas ist es, das die schwule Welt zusammenhält? Das war die Ausgangsfrage für das Büchlein (und Blog-Namensgeber) „Samstag ist ein guter Tag zum Schwulsein“; dies auch vor dem Hintergrund des Gefühls einer schwindenden Diskriminierung und wachsenden Akzeptanz von LGBT durch die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft. Was vereint uns über eine geteilte sexuelle Orientierung hinaus, wenn „der äußere Feind“ abhandenkommt?**
Positive Antworten sind bis heute rar. Umso interessanter ist es, dass Patrick Henze-Lindhorst als Anlass für seinen im Querverlag erschienenen Essay „Aids als kollektives Trauma“ die Annahme formuliert, „dass es doch etwas Kollektives geben könnte, das ‚uns‘ Schwule verbindet“.

Weiter heißt es: „Der Gedanke, dass dieses Kollektive über die sexuelle Orientierung hinausgeht, findet seine Begründung in einem tiefen Gefühl der Verbundenheit.“ Das umfasst sowohl unmittelbar geteilte Erfahrungen als auch eine historische Verbundenheit schwuler Generationen. Aids wurde zur traumatischen Erfahrung auch weil es auf eine durch Kriminalisierung und Verfolgung geprägte Gruppe traf. „Die extremen Belastungen schwuler Männer während der AIDS-Krise sind in ihren schwerwiegenden Auswirkungen nicht ohne die Stigmatisierung von Schwulen in der heteronormativen Gesellschaft denkbar.“

In seiner Analyse der Aids-Pandemie und ihrer Folgen für die damals mit Todeserfahrungen konfrontierten Schwulen und ihrer Auswirkungen auf unser Heute berührt Henze-Lindhorst zugleich grundlegende Themen. Zwischen Soziologie und Psychoanalyse pendelnd, muss er das Verhältnis zwischen Großgruppe und Individuum ausleuchten, klären, was „Trauma“ meint, Mechanismen der Weitergabe von Erfahrungen über Generationen hinweg erkunden. Letzteres deshalb so wichtig, weil die heutige Generation (zumindest in Ländern mit hinreichender medizinischer Versorgung) Aids nicht mehr als ‚Todesurteil‘ erfahren muss. Gleichwohl liegen – ein Punkt, den der Essay gern ausführlicher hätte darstellen können – die Wurzeln unserer heutigen gay community und ihrer Netzwerke und Institutionen in der Aids-Pandemie. So könnte man, über den Essay hinausgehen, den neuerdings empathisch stark gemachten Begriff der Sichtbarkeit auf seine Mehrdeutigkeit hin befragen. Nicht nur mussten ‚wir‘ aus dem Schrank kommen und öffentlich mit unseren Verbündeten der Heterowelt kämpfen, wir mussten auch sichtbar gemacht werden, damit eine Präventionspolitik überhaupt Betroffene erreichen konnte. Gerade das Waldschlösschen, wo ein Treffen, ein Vortrag Patrick Henze-Lindhorst zum Schreiben des Essays inspiriert haben, ist als Ort des gemeinsamen Kampfes gegen die existenzielle Bedrohung durch Aids gar nicht denkbar – wie es auch als Ort der Weitergabe von Erfahrungen über Generationen hinweg wichtiger denn je ist.

„Aids als kollektives Trauma“ mag zwar ein reichlich sperriger Titel sein, der seinen akademischen Hintergrund nicht verbergen will, doch er berührt einen zentralen Aspekt der Geschichte schwulen Lebens; die weiterreichende Bedeutung des schmalen Bandes liegt im Untertitel verborgen „Über eine Verbundenheit schwuler Generationen“. Man könnte es auch so formulieren: Gibt es ein Erbe, das weitergegeben werden und heilende Wirkung entfalten kann gegen die Zumutungen heutigen gesellschaftlichen Lebens? Solidarität und Wirken für eine Community könnten solch ein Erbe sein. Patrick Henze-Lindhorst ist freilich ein kluger Betrachter, der zu Recht skeptisch gegenüber solch fragilen Konstrukten ist. Umso mehr scheint ihre Notwendigkeit und ihr utopisches Potenzial durch.

Buchinfo: Patrick Henze-Lindhorst: Aids als kollektives Trauma. Über eine Verbundenheit schwuler Generationen. Querverlag 2022, 60 Seiten, 8 €. ISBN 978-3-89656-316-3.

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**Als Nachtrag, der mir zu weit weg von der Rezension führte, aber trotzdem wichtig scheint : Zunehmend sichtbarer werden jene Gruppen der Community, für die bestehende Diskriminierungen sehr reell und keineswegs „im Schwinden“ sind (wie von mir so kühn für jene gegenüber Homosexuellen hingeschrieben wird), weder innerhalb der Community noch in der Gesellschaft allgemein – etwa in Form von rassistischer Gewalt gegen People of Colour (physisch wie strukturell, sofern dieser Unterschied gemacht werden kann), gegen Sinti*zze und Rom*nja (nachzulesen u.a. in einer aktuellen Publikation von Gianni Jovanovic, die im Übrigen auch den Begriff des Traumatas aufgreift – S.i.e.g.T.-Rezension vom 23.4.2022), in Form von transphobem Hass und transphoben Gesetzen. Inwieweit „queer“ als neuer Sammelbegriff für Verbundenheit trägt, wird sich – nicht zuletzt und a propos äußerer Feind – auch im Kampf gegen wiedererstarkende rechtsnationale Regime zeigen müssen.


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