Schwul & dement? Das Buch „Herausforderung angenommen!“ schildert, wie ein schwules Paar mit einer Demenz-Erkrankung umgeht

Buchcover_Herausforderung-angenommenIn seinem Vortrag „Demenz & Sexualität im Pflegealltag aus LSBTI* Perspektive“ auf einer Fachtagung im Jahr 2019 zum Thema „Demenz und Sexualität“ (PDF) schätzt Dieter Schmidt die Zahl von LSBTI* mit demenziellen Erkrankungen in Deutschland auf 122.000 Menschen. Gefolgt von dem Hinweis, dass es hinsichtlich des Themas „Demenz & LSBTI*“ bislang keine Untersuchungen im deutschsprachigen Raum gebe.
An diesem Befund wird sich wenig geändert haben – und insofern ist es erfreulich und wichtig, dass nun eine Schilderung des Lebens mit einer Demenz-Erkrankung aus der Sicht eines schwulen Paares vorliegt. 2017 erhält Beni Steinauer die Diagnose. Herausforderung angenommen! schildert, wie die Krankheit in ihren zahlreichen Ausprägungen seinen Alltag und das Zusammenleben mit Ehemann Rolf Könemann prägt. Wobei Wert auf die Feststellung gelegt wird, es handele sich um ein „Mutmachbuch“.

Geschildert wird – verfasst von Peter Wißmann, dem dritten Autoren des Buches –, wie sich die beiden schwulen Männer Ende der neunziger Jahre in Basel kennenlernen, wie die Beziehung in eine eingetragenen Partnerschaft 2008 mündet. Als diese 2017 in eine Ehe umgewandelt wird, zeichnen sich bereits Änderungen bei Beni Steinauer ab. Routinen im Beruf (er ist Filialleiter im Schuheinzelhandel) fallen ihm schwer, er vergisst vieles; der Witz, ob er Alzheimer habe, ist nicht länger lustig; er sucht eine Ärztin auf, die eine kleine, aber nicht relevante Änderung im Gehirn feststellt, ihre eigentliche Diagnose lautet aber Herzrhythmusstörung, die zu Schlaganfall führen kann. Da der alte Arbeitgeber insolvent geht, muss Beni Steinauer einen neuen Job annehmen. ‚Vergesslichkeiten‘ machen sich immer deutlicher bemerkbar – auch vor Kunden. Beni sucht erneut ärztliche Hilfe, es folgt ein 14-tägiger Klinikaufenthalt voller Untersuchungen. Der Befund nun: Lewy-Body-Demenz – eine abgeschwächte Form von Demenz. Die Aussage des Arztes, „Machen Sie sich da also nicht so viele Gedanken“, ist eine schreckliche Verharmlosung, die nicht beruhigt. Später wird vermutet, dass es sich um „posteriore kortikale Atrophie“ handelt. Es zeigt sich, dass es sehr viele individuelle, nicht klar abgrenzbare Erscheinungsformen von Demenz gibt.

Die anschließenden Kapitel thematisieren die Jetztzeit und sogar bereits die Corona-Situation. Beni Steinauers Motorik ist eingeschränkt, er hat Schwierigkeiten mit dem Sprechen, hat keinen völligen Gedächtnisverlust, wie man ihn zumeist mit „Demenz“ verbindet. Wenn Rolf Könemann auf Arbeit ist, kommt er zuhause durchaus allein zurecht, unternimmt gelegentlich Spaziergänge auf eigene Faust. Letztlich aber muss der Alltag geplant und strukturiert werden. Natürlich ist die Erkrankung auch eine Herausforderung für die Beziehung, schlechtes Gewissen auf beiden Seiten, den jeweils anderen zu sehr zu belasten. Was oft Partnerschaften sprengt, das schweißt die beiden enger zusammen.

Ein wichtiger Aspekt taucht immer wieder auf: Obwohl sie, wie alle Betroffenen, viel alleine stemmen müssen, suchen sich stets Hilfe und Rat bei anderen. So besucht Rolf Könemann ein Seminar für Angehörige von Menschen mit Demenz, Beni Steinauer geht in eine Selbsthilfegruppe von an Demenz erkrankten Menschen. Netzwerke spielen bei der Bewältigung eine große Rolle, auch wenn es Zeit und Geduld braucht, passende Hilfs- und Beratungsangebote zu finden. Nicht zuletzt gehen beide offensiv in die Öffentlichkeit, so etwa im Interview mit YouTuber Leeroy Matata 2020.

Bei aller mitunter auch irritierend positiven, engagierten Grundstimmung der Schilderungen: Tod und Trauer sowie Gedanken bzw. Informationen zu Vorsorgevollmacht, Testament und Patientenverfügung gehören zur Schilderung des Lebens dazu.

Herausforderung angenommen! wolle sich, so heißt es in Erläuterungen zum Buch, „auch stilistisch von klassischen Fachbüchern zum Thema Demenz unterscheiden“. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Stärke, weil die lebensnahen und konkreten Erzählungen des schwulen Paares einen guten Zugang zur Thematik ermöglichen, ohne sich durch einen endlosen Medizinteil kämpfen zu müssen. Schwäche, weil im Buch leider vieles durcheinanderpurzelt. So etwa, wenn Erzähltes in einem Folgekapitel „Gut zu wissen“ reflektiert wird, was neben wichtigen Ergänzungen leider auch viele Redundanzen hat. Überambitioniert und auch unnötig ist es, wenn als Schlusspunkt die Zusammenarbeit des Autoren-Trios thematisiert werden muss und auf irgendeinen Song über Beni Steinauer verwiesen wird.

Doch von solchen Details abgesehen: Herausforderung angenommen! bietet einen guten Einblick aus Sicht von Betroffenen. Wie sich das Leben mit Demenz in einer schwulen Beziehung gestaltet, ist ein wenig beachtetes Thema. Wobei nicht nur die Fachwelt bislang kaum Forschung zu demenziellen Erkrankungen bei LGBTQ* aufzuweisen hat. Auch „die Community“ vernachlässigt Fragen von Älterwerden, Krankheiten, von Vorsorge und Pflege ziemlich konsequent. Hier mehr Aufmerksamkeit zu erzielen, ist sicher ein großes Verdienst von Herausforderung angenommen!.

Buchinfo: Peter Wißmann, Leo Beni Steinauer, Rolf Könemann: Herausforderung angenommen! – Unser neues Leben mit Demenz. Ratgeber, Hogrefe Verlag 2021, 176 Seiten, 22,95 €. Website zum Buch.


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