Spiel der Wahrheit(en) – Pajtim Statovcis Roman „Grenzgänge“

Grenzgaenge_BuchcoverDas Spiel mit Identitäten ist literarisch gesehen nichts Neues und auch nichts Ungewöhnliches. Nicht erst seit Virginia Woolfs Orlando ist es ein Indikator für Umbrüche in der Gesellschaft, die Auseinandersetzung mit herrschender Moral und Norm auch und gerade in Bezug auf sexuelle und geschlechtliche Identität. Zuschreibungen von „Heimat“ und „Nationalität“ geraten zusätzlich in den Fokus, wenn Menschen etwa durch Krieg oder wirtschaftliche Ungleichheiten gezwungen werden, sie zu wechseln. Das Spiel mit Wahrheit(en) wird – physisch wie psychisch – zur Überlebensstrategie.

So gesehen legt Pajtim Statovci, der vom Verlag als finnisch-kosovarischer Schriftsteller vorgestellt wird, mit Grenzgänge ein aktualisiertes und aktuelles Spiel mit Identitäten vor.

Bujar, der Ich-Erzähler, flieht mit seiner Jugendliebe Agim aus dem von Krieg und politischen Machtwechseln zerrütteten Albanien übers Meer nach Italien und alleine weiter nach Deutschland, in die USA und schließlich nach Finnland. Er wechselt Namen, er wechselt das Geschlecht (zumindest in Form einer Travestie), er erfindet Geschichten über sich und seine vermeintliche Herkunft, bestehend aus biografischen Versatzstücken und den Mythen, die ihm sein verstorbener Vater einst erzählt hat. Einerseits zwingen ihn wirtschaftlich-politische Notwendigkeiten dazu – als Flüchtling muss er erzählen, was man von ihm erwartet, um ein Aufenthaltsrecht zu erhalten. Andererseits ist es eine Suche nach sich selbst, der eigenen Identität, der nicht nur die nationalen Wurzeln abhanden gekommen sind. Lange Zeit erscheinen Helsinki und die Beziehung zu Tanja, einer Transfrau, wie ein Ruhepol. Doch spätestens wenn Madonnas Like a Prayer ins Spiel kommt, weiß man, dass die Vertreibung aus dem Paradies nicht fern ist, selbst wenn sie im literarischen Gewand der Casting-Show daherkommt.

Grenzgänge ist, wenn man sich auf den Roman und seine Wandlungen einzulassen bereit ist (und das sollte man!), vieles – eine queere Geschichte, eine Liebesgeschichte, eine Flüchtlingsgeschichte, eine Vater-Sohn- und Mutter-Sohn-Geschichte, eine Geschichte, die nur im Plural existieren kann, ein Vexierspiel, eine todernste Parodie … vor allem aber ist Grenzgänge ein Roman, bei dem man dem Ich-Erzähler und seinem Spiel auf die Schliche gekommen zu sein scheint, um dann doch nicht wirklich vor der erreichten Fallhöhe in einem „Mystery-Plot“, den es auch gibt, gewappnet zu sein, nämlich dann, wenn der Ich-Erzähler, wie es zum Topos der Odyssee gehört, nach Hause zurückkehrt.

Buchinfo: Pajtim Statovci: Grenzgänge. Roman, aus dem Finnischen von Stefan Moster, Luchterhand Verlag 2021, 320 Seiten, 22 €.


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