„Ohne Scham und Gedruckse“ – In der „Operette für zwei schwule Tenöre“ hat sich die Frage, ob wir Schwulen mitgemeint sein könnten, erledigt

Operette-für-zwei-schwule-TenöreEinen wunderbaren Operetten-Abend kann man derzeit im BKA-Theater in Berlin erleben. Und gleich vorneweg für alle, die sich nach dieser Besprechung ziemlich sicher das Vergnügen ebenfalls gönnen wollen: Wer momentan in Berlin ist, hat bis 17. Oktober noch die Gelegenheit. Alle, die momentan nicht in Berlin sind (und solche gibt es, wie man unter anderem in der Operette erfährt), können in die Langzeitplanung gehen: Gleich im neuen Jahr gibt es weitere Termine – 19. Januar bis 6. Februar 2022 – für die „Operette für zwei schwule Tenöre“.

Viel unbezahltes Stadtkulturmarketing, aber in diesem Fall muss es sein. Die vom Nollendorfblogger Johannes Kram (Text) und dem langjährigen Malediva-Pianisten Florian Ludewig (Musik) geschriebene Operette ist in ihrer kleinen Form ganz groß und ziemlich schwul. Es geht – Achtung: total geheimer Spoiler! – um …

Liebe. Was auch sonst?! Der Grafiker Tobi und Krankenpfleger Jan haben es sich dank eines großen Möbelkonzerns, wie schon der erste schmissige Schlager „Wann fahr’n wir wieder zu Ikea?“ verrät, gemütlich auf dem Land eingerichtet. Tobi hat fürs traute Glück Berlin den Rücken gekehrt und romantisiert das Landleben. Selbst das eigentlich verminte Gebiet Schützenfest („Schützenfest ohne Alkohol“) verklärt er. Schwulsein auf dem Land? Kein Problem. Schwulsein in der Großstadt? Exzentrische Selbstdarstellung, die keinen Raum für Tobis Vorliebe hat („Mein Fetisch ist die Operette“). Landei Jan dagegen leidet unter der Enge des Dorfes und schließlich auch unter der Enge in der Beziehung zu Tobi („Champagner von Aldi“). Es kommt, wie’s kommen muss. Jan haut ab und schickt gepfefferte „Liebe Grüße aus Berlin“.

Der zweite und der dritte Akt widmen sich dem Versuch zu verstehen, was passiert ist bzw. was so oft nicht passiert, selbst wenn man es eigentlich will („Gern hätte ich die Frau’n geküsst“). Und im Herzschmerz tauchen dann schon mal abwegige Gedanken auf („Ich steh‘ total auf Jens Riewa“ – mit Gassenhauer-Qualität). Und die zwei Männer/Tenöre fragen sich, ob die Operette denn auch für sie noch ein glückliches Ende bereithält oder ob das nicht zu kitschig wäre und es darum keins geben wird. „Ein Liebeslied von Mann zu Mann“ ist sicher ein musikalischer Höhepunkt. Um Sex geht’s natürlich auch noch – das aber am Schluss der Operette. Hierzu denn auch kein Spoiler, nur der vollmundige Schlager-Titel „Keiner bläst so gut wie du“, bevor die Operette mit furiosem Finale zu Ende geht.

Ricardo Frenzel Baudisch als Tobi und Felix Heller als Jan sind zwei gesanglich ausdrucksstarke schwule Tenöre, umrahmt von einer „Company“ (Tim Grimme, Tim Olcay, Pascal Schürken), die Chor, Tanz und den Bühnenumbau in Multitasking-Funktion meistert. Das BKA-Theater hat eine kleine Bühne, der Kontakt zum Publikum ist direkt – für die fünf heißt das ständige Präsenz und, von einzelnen ruhigen Lieder abgesehen, ständige Aktion. Eine tolle Leistung, deren Energie schon bald auf die Zuschauer*innen des Abends überspringt.

Es geht in „Operette für zwei schwule Tenöre“ um Liebe und die Illusionen, die sich so jeder darum bastelt. Es geht um die Sehnsucht nach dem Happy End, nach dem großen Gefühl, wo zugleich das Scheitern an ehrlicher Kommunikation offensichtlich wird. Es geht um nichts weniger als gelingendes Schwulsein und den Mangel an Vorbildern für die so sehr begehrte ganz normale Beziehung (und hier bleiben absichtlich die Anführungszeichen beim Wort normal weg). Johannes Kram und Florian Ludewig versuchen in „Operette für zwei schwule Tenöre“ nicht weniger, als ausgerechnet durch den Rückgriff auf ein altes Genre deren utopisches Potenzial für heute und morgen zu sichern. Es ist erstaunlich, wie viel Spaß ein solches Unternehmen machen kann. / ©RH

Karten und Infos via Website BKA-Theater, Mehringdamm 34, Berlin-Kreuzberg

Einen (konzertanten) Eindruck gibt ein Video von der Feier zu 10 Jahre Nollendorfblog, 2019, via YouTube.

1 Response to “„Ohne Scham und Gedruckse“ – In der „Operette für zwei schwule Tenöre“ hat sich die Frage, ob wir Schwulen mitgemeint sein könnten, erledigt”


  1. 1 Ralf Oktober 9, 2021 um 8:35 am

    Liebe zwischen zwei Männern muss man in der Musik ja mit der Lupe suchen. Ich bin Fan einer Oper, die kaum wer kennt: „Die Perlenfischer“ von Georges Bizet mit dem schönsten Liebesduett für Tenor und Bariton, das je geschrieben wurde. Vordergründig haben die gerade nach langer Trennung wieder zusammengekommenen Nadir und Zurga sich zwar in die selbe Frau verliebt, es ist aber klar, dass eigentlich sie beide das Liebespaar sind. Wolkig ist davon die Rede, dass „Brahmas Ratschluss“ sie getrennt habe, was bedeutet, dass die Priester ihrem Treiben ein Ende bereitet und ihnen ein schlechtes Gewissen eingeredet haben. Auch der Text des Duetts ist stellenweise eindeutig, z.B. wenn sie singen:

    Doch sage, bewahrst du die Treue dem heiligen Eid, dass du als Freund mir wiederkehrst, ist dir’s gelungen? – Schwer war der Liebe Leid, doch ich hab es bezwungen. – Mein Herz ist verstummet und hat wie du vergessen, den Dämon, der es einst besessen. – Die Ruh fand vielleicht dein Schmerz, doch vergisst nimmermehr das Herz.

    Und das zu einer Musik, die schöner ist als sogar das lesbische Liebesduett im 2. Akt des „Rosenkavaliers“, und vor der bombastischen Kulisse eines Tempels im Dschungel von Sri Lanka.


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