Zwischenruf: Ungeoutet im Bundestag geht gar nicht

Sehe ich das richtig: Im neuen Bundestag wird Jens Spahn den Daffyd Thomas der CDU/CSU geben? So als einzig Homosexueller im konservativen Dorf?

Zusammen mit den anderen 21 offen schwulen, lesbischen, bisexuellen und trans Politiker*innen ergibt das gerade mal 3 % der insgesamt 735 Bundestagsabgeordneten. Glücklicherweise haben wir inzwischen viele Unterstützer und Mitstreiterinnen bei SPD, Grünen, Linken und FDP (wenn sie sich gelegentlich daran erinnert, einst Partei für Bürgerrechte gewesen zu sein) und selbst in der CDU/CSU-Fraktion wird sich ab und zu mal jemand finden, der ein freundliches Wort für Jens Spahn übrig hat, bevor dann tags darauf wieder konservativ-reaktionär gegen Homo- und Transsexuelle abgestimmt wird. Aber alles in allem erscheint das doch ein bisschen wenig. Beim „Queerspiegel“ des „Tagesspiegel“ spricht man davon, dass LGBTI-Abgeordnete „unterrepräsentiert“ seien. Bei „Queer.de“ weist man darauf hin, dass die Liste unvollständig sei, weil man ja niemand gegen seinen Willen outen wolle. (Wobei mir da spontan nur eine Person einfällt, die auch in diesem Blog unter schwul verhandelt wird, die es aber anscheinend doch nicht ist, nicht sein will oder wünscht, dass darüber nicht geredet wird.)

Natürlich gibt es immer Gründe, warum jemand lieber in der „wenn da nix angegeben ist, dann hetero“-Schublade leben möchte. Natürlich gibt es immer den einen oder die andere, der*die vielleicht noch gar nichts von seinem*ihrem sexuellen Orientierungsglück weiß. Doch in einem Bundestag gelten andere Maßstäbe – und es ist völlig inakzeptabel, dass ein Schwuler, eine Lesbe, ein/e Bisexuelle/r im Bundestag sitzt und meint, die sexuelle Orientierung zuhause im Schrank lassen zu können. Nicht nur, weil es nicht stimmt, dass es „Sachfragen“ gäbe, auf die der eigene Körper, das eigene Lieben und Leben keinen Einfluss hätten. Nicht nur, weil es unsolidarisch mit den übrigen LGBTIQ im Land ist. Sondern auch, weil es eine egoistische Haltung verkörpert, die von dem lebt, was andere erstritten haben und erstreiten. Politiker*innen sind keine perfekten Menschen (werden und müssen es nicht sein), aber sie haben eine Vorbild-Funktion. Und in Deutschland muss kein Politiker irgendwelche Nachteile durch ein Coming-out fürchten. Und falls doch, wer, wenn nicht jemand, der sich der Politik verschrieben hat, sollte gegen Benachteiligung kämpfen? Wenigsten gegen die eigene Benachteiligung, wenn nicht schon gegen die anderer!

Ungeoutete Schwule, Lesben, Bisexuelle haben – sollte es sie denn geben – im Bundestag nichts verloren. Insofern muss man hoffen, dass die aktuelle Liste der 22 tapferen, offen „queeren“ Abgeordneten vollständig ist. Und bevor das jetzt klingt wie bei der Heirat („Wer jetzt nichts sagt, soll für immer schweigen“): Spätere Coming-outs von Bundestagsabgeordneten werden wir trotzdem begrüßen. Sie können menschlich verständlich sein, politisch sind sie es allerdings nicht. / ©RH

5 Responses to “Zwischenruf: Ungeoutet im Bundestag geht gar nicht”


  1. 1 Gerd Oktober 3, 2021 um 12:16 pm

    Immerhin hat die CDU mit Jens Spahn einen geouteten schwulen Abgeordneten und die CDU/CSU hat in der letzten Legislaturperiode erfreulicherweise die Ehe für alle gegen die rechte Partei AfD verteidigt, die mit einem eigenen Gesetzentwurf die Ehe für alle wieder rückgängig machen wollte. Dieser Gesetzentwurf der AfD wurde von CDU/CSU erfreulicherweise gemeinsam mit SPD, FDP, Grüne und Linkspartei abgelehnt.

    Auch haben fast alle gegenwärtigen CDU/CSU-Politiker der ersten Reihe ein Bekenntnis zugunsten der Ehe für alle abgegeben: Armin Laschet, Markus Söder, Jens Spahn, Ursula von der Leyen, Daniel Günther, Tobias Hans, Monika Grütters oder auch Peter Altmaier.

    —–
    Übrigens bei der Linkspartei gibt es in dieser Legislaturperiode überhaupt keinen gouteten LSBTI Politiker, da Doris Achelwilm aus Bremen, Achim Kessler und Matthias Höhn nicht mehr im Bundestag vertreten sind. Alle drei hatten keinen ausreichenden Listenplatz und sind aufgrund des schlechten Wahlergebnis nicht mehr im Bundestag. Da ist dann selbst die CDU mit Jens Spahn diese Legislaturperiode im Bundestag besser als die Linkspartei, die überhaupt keinen geouteten LSBTI Abgeordneten im Bundestag hat.

    Aufteilung nach Parteien im 20. Bundestag:
    1) SPD: 9 geoutete LSBTI Abgeordnete
    2) Grüne: 8 geoutete LSBTI Abgeordnete
    3) FDP: 3 geoutete LSBTI Abgeordnete (Thomas Sattelberger, Konstantin Kuhle, Jens Brandenburg)
    4) CDU/CSU: 1 geouteter LSBTI Abgeordneter (Jens Spahn)
    5) AfD: 1 geouteter LSBTI Abgeordneter (Alice Weidel)
    6) Linkspartei: 0 geoutete LSBTI Abgeordnete

    Mindestens 1 geouteter Abgeordneter der SPD fehlt in der Liste von Queer.de, der ein Direktmandat in Niedersachsen gewann.

    Wer also macht bei der Linkspartei künftig LSBTI Politik im Bundestag ?

    • 2 RH Oktober 3, 2021 um 2:20 pm

      Zahlenspielereien und Zählereien sind ja so eine Sache, insofern bin ich mir nicht sicher, ob es deine Auflistung genau trifft: z.B. sind es mind. 9 Grüne … und bei der FDP sollte man als 4. den neu in den Bundestag gewählten Jürgen Lenders nicht vergessen – er ist immerhin im Bundesvorstand der Liberalen Schwulen und Lesben (LiSL).

  2. 3 Ralf Oktober 3, 2021 um 4:09 pm

    Zahlen sind schon wichtig, Namen auch, und sei es nur, um bei Abstimmungen festzustellen, wer wie votiert (man denke an einen früheren Bundesvorsitzenden der FDP, der gerne gegen sich selbst abstimmte). Und was den AfD-Antrag und die Haltung der Union dazu angeht: Für mich macht es einen Unterschied, ob man die Eheöffnung aus Überzeugung verteidigt oder weil man der AfD nicht den Triumph gönnt, den Abschaffungsantrag eingebracht und erfolgreich durchgepaukt zu haben, während man selbst dazu zu feige war. Auch sollten wir die Namen, die hier genannt wurden, vorsichtig prüfen. Daniel Günther oder Ursula von der Leyen waren ja 2017 schon und sogar vorher Befürworter/innen der Eheöffnung. Armin Laschet hat gegen sie verbissen gekämpft. Markus Söder glaube ich, dass er anderen Sinnes geworden ist, und sei es auch nur, um ein Thema abzuräumen, für das man nicht mal mehr an bayerischen Provinzstammtischen mehr genug Nein-Sager findet. Der angebliche Gesinnungswandel von Leuten wie Merz und Laschet erscheint mir aber eher zweifelhaft angesichts des Umstandes, dass Merz bei gleichgeschlechtlicher Liebe noch immer an Sex mit Kindern denkt und Laschet über sein Abstimmungsverhalten 2017 schlicht lügt.

    • 4 Gerd Oktober 3, 2021 um 10:17 pm

      Erstens stimmt es sind 4 Abgeordnete für die FDP. Die Queer.de hat erst gestern Abend den Namen von FDP-Politiker Jürgen Lenders aus Hessen ergänzt.

      Für die,Grünen kommt die Queer.de auf 9 Abgeordnete und für die,SPD auf 7 Abgeordnete.

      Platz 1) Grüne: 9 (Ricarda Lang, Max Lucks, Marlene Schönberger, Bruno Hönel, Kai Gehring, Sven Lehmann, Ulle Schauws, Nyke Slawik,Tessa Ganserer)
      Platz 2) SPD: 7 (Michael Roth, Kevin Kühnert, Timon Gremmels, Lars Castellucci, Carlos Kasper, Matthias Miersch, Falko Droßmann)
      Platt 3) FDP: 4 ( Jürgen Lenders, Jens Brandenburg, Thomas Sattelberger, Konstantin Kuhle)
      Platz 4) CDU/CSU: 1 (Jens Spahn)
      Platz 5) AfD: 1 (Alice Weidel)
      Platz 6) Linkspartei: 0

      (ANMERKUNG RH: HIER HABE ICH EINEN SATZ GESTRICHEN! ER ENTHIELT 2 WEITERE NAMEN, DIE ÜBER DIE OBEN GENANNTEN, EINER LISTE VON QUEER.DE ENTNOMMENEN, HINAUSGEHEN. BEI BEIDEN KANN ICH AUF IHREN OFFIZIELLEN INTERNETSEITEN KEINEN KLAREN HINWEIS FINDEN, OB SIE SICH SELBST ALS SCHWUL / QUEER BEZEICHNEN.)
      ——–

      Zur CDU/CSU und deren Verteidigung der Ehe für alle sollten echt „unsere “ grün-linken Vertreter zur Kenntnis nehmen, das mittlerweile auch Armin Laschet, Friedrich Merz oder auch Markus Söder öffentlich die Ehe für alle befürwortet haben und die auch die CDU/CSU die Ehe für alle in der letzten Legislaturperiode gegen die rechte Partei AfD verteidigt hat.

      Ich finde es immer nur nervig, wenn grün-linke Aktivisten LSBRI-Fortschritte im Bürgerlichen Spektrum der deutschen Gesellschaft negieren, tabuisieren oder in Zweifel ziehen. Halte ich für nicht zielführend für guten LSBTI Aktivismus, der möglichst alle gesellschaftlichen Gruppen/Parteien „gewinnt“. Man muss einen Armin Laschet oder Friedrich Merz nicht mögen, aber beide haben nunmal ein klares Bekenntnis dieses Jahr zur Ehe für alle abgegeben.

      • 5 Ralf Oktober 5, 2021 um 9:39 am

        Den Schuh links-grün ziehe ich mir als „bekennender“ Liberalkonservativer nicht an. Ich mache lediglich einen Unterschied zwischen Reden, wenn es nicht mehr drauf ankommt, und handeln, als es drauf ankam. Die Schwamm-drüber-Denke teile ich nicht. Herr Laschet hat als Ministerpräsident von NRW, als es drauf ankam, im Bundesrat die Eheöffnung abgelehnt. Heute, da es nicht mehr drauf ankommt, lügt er im Wahlkampf (hätte er damals zu entscheiden gehabt, hätte er mit ja gestimmt; er hatte zu entscheiden und stimmte mit nein), korrigiert sich dann halb, falls er heute abzustimmen hätte, würde er ja sagen. Dieser Eiertanz ist auf Queer.de dokumentiert. Und das zu einer Zeit, da er als untergehender Kanzlerkandidat verzweifelt versucht, nicht noch mehr Wähler/innen zu verlieren. Das soll man glauben? Ich glaube ihm nicht. Herr Merz, ein damals vehementer Gegner der Eheöffnung, gibt sich heute als Bekehrter – und schwafelt, sobald die Rede auf Homosexualität kommt, von sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Da hege ich ebenfalls starke Zweifel an der Aufrichtigkeit. Beide zielen auf liberalkonservative Wähler/innenschichten, die bei LSBTIQ-Themen ihren Konservatismus hintanstellen, wenn er sich mit ihrem Liberalismus nicht vereinbaren lässt. Paradebeispiel ich. Mich fangen die damit nicht ein.


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