„Eine unheilvolle Geschichte“ Evangelische Kirche bittet queere Menschen um Vergebung

Am Vorabend des CSD in Berlin hat Bischof Christian Stäblein stellvertretend für die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) um Vergebung dafür gebeten, dass queere Menschen im Kontext der Kirche diskriminiert und ausgegrenzt wurden.

Die Erklärung wurde verlesen als Bestandteil eines multireligiösen Gottesdienstes am Freitagabend in der St. Marienkirche in Berlin-Mitte, bei dem sich der ehemalige Profi-Fußballer Marcus Urban taufen lassen will. Er hatte 2008 sein Coming-out und ist u.a. als Sportbeauftragter im evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte tätig.

Im veröffentlichten Text bittet die Kirchenleitung „vor Gott und den Menschen um Vergebung dafür, dass in unserer Kirche Menschen, die als homosexuell bezeichnet wurden, ausgegrenzt und diskriminiert worden sind. Wir benennen mit dieser Erklärung öffentlich, dass Entscheidungen Irrtümer waren und Verletzungen und Verwundungen bewirkten.“

Betont wird, dass der Begriff „homosexuell“ verwendet wird, soweit er Eingang in historische Akten, Unterlagen gefunden habe, aber das Gesagte alle lesbische, schwulen, bi*, trans* und inter* Personen beträfe. „Wir denken an alle Menschen, die queer sind und leben; wir nutzen in diesem Sinne hier die Rede von queeren Menschen, LSBTIQ.“

Man habe Diskriminierungen nicht nur geschehen lassen, sondern auch selbst ausgeübt. Zu lange habe man gebraucht, um zu erkennen, welches Leid Menschen durch kirchliches Handeln zugefügt worden sei. Man sei „beschämt angesichts unserer kirchlichen Geschichte des Demütigens“. Die Kirche habe gesellschaftsweiter Diskriminierung von queeren Menschen nicht widerstanden, sondern sie stattdessen mitgeprägt. Die Kirchenleitenden seien nicht die Kirche gewesen, die sie hätten sein sollen.

Wörtlich heißt es:

„Queere Menschen wurden mit Befragungen konfrontiert, erlitten Kündigungen und die Entfernung aus dem Dienst. Gemeindeglieder, die in gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehungen lebten, mussten schmerzlich erfahren, dass ihnen Respekt und Anerkennung verweigert wurden. Kirchenleitende Haltungen gegenüber queeren Menschen waren häufig geprägt von der Forderung nach einem ‚zölibatären‘ Leben, eines ‚asketischen Umgangs‘, „Enthaltsamkeit‘, ‚Dezenz‘ oder ‚Schweigegeboten‘. Diese stellte und stellt in ihren Folgen einen massiven Eingriff in das persönliche Leben von Menschen dar, die in den kirchlichen Dienst eintreten wollten oder darin tätig waren. Bis vor einem Jahrzehnt war Ordinierten, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften lebten und leben, das gemeinsame Wohnen im Pfarrhaus untersagt. Wir sind erschüttert über das damit verbundene Maß an Tabuisierungen und Zumutungen. Mit tiefem Respekt erkennen wir, welches Durchhaltevermögen dazu gehörte, als geoutete Pfarrperson in dieser Kirche zu arbeiten, nicht selten dazu gedrängt, gegenüber kirchenleitenden Personen sich wiederholt zu ihrer Lebensweise zu erklären. So haben queere Menschen in der evangelischen Kirche Diskriminierung erlebt. Sie wurden stigmatisiert und ausgeschlossen. Dies wurde durch eine Theologie befördert, die queeren Menschen eine Gottebenbildlichkeit absprach oder diese in Frage stellte.“

Explizit wird in der Erklärung jenen gedankt, die trotzdem der Kirche verbunden geblieben wären. „Diese Verbundenheit im Schmerz erfüllt uns mit großem Respekt. Als Kirchenleitung sind wir heute dankbar für dieses außergewöhnliche Zeugnis der Courage und Beharrlichkeit sowie des Glaubens.“ Das Engagement in queeren Initiativen und Netzwerken habe der Kirche ermöglicht, zu lernen und neue Wege zu gehen. „Umso mehr vermissen wir als Kirchenleitung jede einzelne Person, die es nicht mehr ertrug, in ihrer evangelischen Kirche beheimatet zu sein.“

Am Ende der Erklärung steht die Versicherung:

„Wir stehen als Kirchenleitung gemeinsam für eine Kirche der Vielfalt. Wir glauben, dass sie Gottes Wille entspringt. Alle Menschen sollen an unserer Kirche teilhaben und teilnehmen können.“

Link: Die Erklärung im Wortlauf auf der Internetseite der EKBO

Nachtrag 24.7.:Tagesspiegel“-Artikel über den Gottesdienst und die Taufe Marcus Urbans

1 Antwort to “„Eine unheilvolle Geschichte“ Evangelische Kirche bittet queere Menschen um Vergebung”


  1. 1 Ralf Juli 24, 2021 um 8:51 am

    Religion ist ein gesellschaftliches Problem, das sich in zwei Aspekten zeigt. Erstens befrachten ihre Anhänger die Gesellschaft und den Staat mit der Forderung, ihre sich aus uralten Mythen speisenden privaten Ansichten als für alle Menschen (insbesondere solche, die der jeweiligen Religion gar nicht angehören) verbindliche soziale Normen zu akzeptieren und in staatliche Gesetze zu gießen. Zweitens wird Religion staatlicherseits noch immer ein Gewicht beigemessen, das ihr angesichts der immer geringer werdenden Anhängerschaft wie auch ihrer meist irrationalen, oft menschenfeindlichen Inhalte ganz einfach nicht zukommt. Und noch eine ganz konkrete Anmerkung: Wer Jahrtausende braucht, um anzuerkennen, dass alle Menschen gleiche Rechte und Würde haben, kann keinen ethisch und moralisch akzeptablen Hintergrund haben. Solche Erklärungen folgen ohnehin nicht besserer Einsicht, sondern sind der Tatsache geschuldet, dass immer weniger Menschen (auch Kirchenmitglieder) bereit sind, christliche Intoleranz und Menschenfeindlichkeit zu tolerieren. Ansonsten: Es ist zu spät. Die glauben, gerade noch rechtzeitig auf den Zug Richtung 21. Jh. zu springen, aber der ist längst abgefahren, und so landen sie auf den Schienen. Und wer eigentlich soll vergessen, wie verbissen und hasserfüllt christliche Kirchen noch vor wenigen Jahren z.B. die Ehe, ja gar schon nur die Lebenspartnerschaft bekämpft haben? Soll ich vergessen, dass meinem Mann und mir vor 17 Jahren mit den Worten, für solchen Zirkus wie unsere Partnerschaft gebe man sich nicht her, die Kirchentür vor der Nase zugeschlagen wurde? Bloß weil in der einen oder anderen Landeskirche gerade mal wer Kreide gefressen hat? Bilden die sich ernsthaft ein, dass diejenigen, die sie mit ihren Beschimpfungen und Verunglimpfungen und Beleidigungen hinausgeekelt haben, jetzt zurückkommen?


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