Staatstragend und fern – die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld feiert zehnjähriges Bestehen

BMH_Online-Festakt_10-Jahre

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) feiert heute Abend ihr zehnjähriges Bestehen. Dass dies nur online im Stream stattfindet (Link zum Programm & Stream), ist den Beschränkungen der Pandemie geschuldet und zugleich ein wenig symptomatisch für das Wirken der Stiftung als solches. Zugänglich – im Sinne eines Angebots an gewöhnliche Homosexuelle –  war sie nie.

Niemals hat sie in den Jahren seit Gründung Ende Oktober 2011 die Aura einer von der Politik geschaffenen Polit-Bubble abstreifen können. Das Kuratorium ist weitgehend von Mitgliedern des Bundestages besetzt. Ferner sitzen dort wie im Fachbeirat auch Vertreter*innen von queeren Vereinen/Institutionen, mehrheitlich geht es akademisch zu. Die Stiftung resp. ihr Leiter Jörg Litwinschuh-Barthel setzte sich für die Rehabilitierung und Entschädigung für nach 1945 verfolgte Homosexuelle ein. Unschätzbar wichtig das Dokumentationsprojekt „Archiv der anderen Erinnerung“. Zahlreiche Tagungen, Weiterbildungen etc. wurden organisiert. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass personell und finanziell enge Grenzen gesetzt waren. Das Stiftungskapital mag zwar hoch erscheinen, für den Stiftungszweck dürfen jedoch nur Zinsen und Spenden eingesetzt werden. Nur „nebenbei“ – wie ein von der BMH geförderter Beitrag auf queer.de treffend benennt – wurden Vorhaben queerer Initiativen gefördert. Weit über eine halbe Million an 155 verschiedene Projekte in acht Jahren.

Die Hirschfeld Stiftung des Bundes ist eine vom Bewusstsein einer wohlhabenden, akademischen oberen Mittelschicht getragene Institution geblieben, die mit patriarchaler Geste – von oben herab – Gutes tun will. Immer mit etwas eitler Polit-Selbstbespiegelung, immer viel Netzgewerke und leider auch leicht ignorant oder verschlafen, wenn es um aktuell virulente Themen wie Rassismus, ökonomische Verwerfungen in der Gesellschaft und neue Formen von Teilhabe und Pluralität in einer Demokratie geht. Erst in diesem Jahr erhielt der Bundesverband Trans* einen Sitz im Kuratorium.

Von gewöhnlichen Homosexuellen hielt sich die BMH fern. Viel lieber wurde im staatstragenden Duktus verwaltet und nachgedacht. Die „Basis“ ist eine höchst imaginäre Referenzgröße geblieben; sie zu erforschen, auf sie zuzugehen, sie in einem visionären Sinn mitzugestalten, dazu fehlt der Stiftung bis heute die Neugier ihres Namensgebers. /©RH

Links:

S.i.e.g.T.-Kommentar zur Gründung der BMH (September 2011): „Obrigkeit und Wellness! Mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld bekommen Schwule und Lesben, was sie verdienen – im Guten wie im Schlechten!“

Queer.de: „Bilanz nach einem Jahrzehnt: Die Erfolge der Hirschfeld-Stiftung“

Internetseite der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld


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