„So geht das nicht!“ Gesine Schwan stellt LGBTQ-Aktivist*innen in die Ecke der virtuellen SPD-Kneipe

In einer Online-Diskussion, die so elend war, dass sie den Namen nicht verdient, hat sich die SPD mit einer sehr hässlichen, LGBTQ entmündigenden Fratze gezeigt. Thema des von Gesine Schwan, die sich im Verlauf selbst als „Großmutter“ bezeichnet, moderierten Jour Fixe „Kultur schafft Demokratie“ war die Aktion #actout von queeren Schauspieler*innen in Deutschland bzw. eigentlich nur die Kritik der FAZ-Redakteurin Sandra Kegel an der Aktion.

Kegels Winkelzüge in der Online-Veranstaltung (die man auf YouTube nachgucken kann) wären der eine Grund, sich aufzuregen – und eigentlich müsste man Kegels Argumente auseinandernehmen, wie es drei geladene LGBT-Aktivist*innen (Johannes Kram, Bettina Hoppe und Heinrich Horwitz) auch in der kurzen Redezeit, die man ihnen zugestand, versuchten. Im Folgenden habe ich allerdings nicht so sehr die inhaltliche Debatte über Kegels Beitrag im Blick (Johannes Kram hat im Nollendorfblog dazu geschrieben), sondern eher das von Sozialdemokrat*innen bereitete Setting, das einer Kritikerin der actout-Aktion einen roten Teppich ausrollte und von Anfang an „Täter/Opfer“-Umkehr betrieb. Ziel von Gesine Schwans verunglückter Moderation (Nicht-Moderation würde es besser treffen) war es, Kritiker*innen von Sandra Kegel nicht als Betroffene, sondern als die eigentlichen Täter darzustellen. Ganz gezielt wurden sie in übelster Bevormundung als emotional aufgeregte Wesen verunglimpft, die in ihre Schranken gewiesen werden müssen („so geht das nicht!“). Dass die FAZ-Autorin (die wohl zu dem „Jour Fixe“ bereits vor der Veröffentlichung ihrer Kolumne eingeladen worden war) die gebotene Bühne nutzte, kann man ihr kaum verdenken.

Im Verlaufe des „Gesprächs“, das kein Gespräch war, mussten sich die queeren Teilnehmer*innen von einem zugeschalteten Diskussionsteilnehmer des „stalinistischen Schauprozess-Jargons“ bezichtigen lassen. Darauf folgte kein Kommentar von Gesine Schwan. Und als ein sichtlich aufgebrachter Alfonso Pantisano vom Bundesvorstand des LSVD ansetzte, die Einladung von Sandra Kegel zu der Diskussion zu kritisieren, wurde er abgedreht (Cancel Culture à la SPD!). Dafür wurde Kegel gezeigt, wie sie die Augen verdreht. Und sofort wurde Pantisano von einem SPD-Mann der diskriminierenden Rhetorik bezichtigt. Sandra Kegel konnte da dann sehr gelassen in einem Schlussstatement versichern, es liege ihr fern, irgendwen zu diskriminieren, und sie schreibe ihre Texte auch nicht mit subtilen, rassistischen Aussagen.

Soweit, so schlecht gelaufen – und irgendwie fühlte sich Gesine Schwan genötigt, am Schluss noch ein paar Dinge zurechtzurücken. Es sei so wichtig, setzte sie an, die „emotionale Perspektivenvielfalt“ im Blick zu behalten. Aber da hatte sie schon längst für sich geklärt, wer die Guten und wer die Bösen sind, und im Plauderton offenbarte sie wohlmeinend eine erschreckende Fratze der Verachtung und Geringschätzung von Homosexuellen und trans Menschen. Sie legte fest, wer sich wem zu fügen habe und was an Kritik geht und was nicht. Ziel der gesamten Veranstaltung war es, die von Sandra Kegel Angegriffenen als die eigentlichen Täter bloßzustellen. Selten wurden auf so matriarchal herablassende Art Homo- wie trans* Personen entmündigt und – ganz entsprechend dem Handbuch stereotyper Diskriminierung – als gefühlige Kinder dargestellt, denen eine heteronormative Mehrheit noch das richtige Benehmen beibringen müsse.

Es sei weder schlimm noch rassistisch, wenn sie jemanden, der Heinrich Horwitz heiße, als Herrn anspreche. Zwar habe sie sich entschuldigt, weil sie das (sie meinte die Selbstdefinition von Horwitz als nichtbinär) nicht gewusst hätte: „Ich muss auch nicht wissen, wer Heinrich Horwitz ist. Ich kenne andere Leute. Hier müssen wir einen Mittelweg finden, uns wohlwollend, auch liebevoll mit anderen zu unterhalten, aber die, die anders sind, müssen auch nicht von vornherein reindonnern, das sei schon wieder böser Wille. Das ist nicht notwendig.“ (So wenig anscheinend, wie sich zu gebetenen Gästen ein, zwei Gedanken und Notizen zu machen? Man hätte es bei Wikipedia finden können! So ist es ein Beleg mehr, dass Gesine Schwan als Moderatorin es nicht einmal für nötig ansah, sich über ihre Gäste, jedenfalls nicht die queeren, zu informieren.)

Schwan betonte, wie wichtig es sei, Perspektivenvielfalt zur Sprache zu bringen – und meinte dann letztlich aber nur ihre eigene Perspektive und ihr eigenes Recht zu sprechen, wie sie die Welt sieht: „Da möchte ich auch reklamieren, dass es nicht gleich von vornherein ein Verbrechen ist, wenn ich als weiße Frau nicht lesbisch bin.“ Man müsse der „aus emotionaler Gekränktheit kommenden Aggressivität auch Stopp sagen können“, fügte sie hinzu und watschte damit SPD-Mitglied Alfonso Pantisano ab. Es sei keine mangelnde Sympathie, wenn sie sage, dass geht zu weit. Dagegen lobte sie Sandra Kegel als „sehr ernsthaft“. Schlimmer kann es eigentlich gar nicht sein. Eine queere Minderheit wird von der „Großmutter“ Gesine Schwan „liebevoll“ zusammengestaucht und in die Ecke gestellt. In Gesine Schwan hat eine repressive Mehrheiten-Kultur der SPD ihre neue Führungsfigur gefunden. Homos, so die Botschaft, sollen sich gefälligst anständig verhalten und Kritik in genehmer Weise vortragen, wenn sie akzeptiert werden wollen.

Gesine Schwan versuchte mit ihren salbungsvollen Worten darüber hinwegzutäuschen, dass an diesem Abend die Fronten von vornherein feststanden. Hätte der Jour Fixe in einer realen SPD-Kneipe stattgefunden, die nörgelnden Queer-Aktivist*innen wären vermutlich hinausgeschmissen worden. Derweil hätte die Person des Podiums, die queere Menschen attackiert hatte, sich im Applaus der die Dinge zurechtrückenden Sozis gesonnt und „Großmutter“ Schwan hätte die nächste Runde Korn organisiert.

Der LSVD hat in einer Pressemitteilung auf die Diskussion reagiert. Das wundert nicht, angesichts der Art und Weise wie mit einem seiner Vorstände umgegangen wurde. Allerdings werden Alfonso Pantisano und seine Position im LSVD mit keinem Wort erwähnt. Der LSVD inszeniert sich hier also als Verteidiger anderer, wo er doch eigentlich den eigenen Vorstand meint. Nichtsdestotrotz ist der Vorwurf an die SPD, versagt zu haben, richtig. „Die Parteinahme und Verteidigung von queeren Menschen scheinen offensichtlich nicht zu den Grundwerten der SPD zu gehören. Anders lässt sich das, was dann unter der Moderation von Gesine Schwan als Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission geschah, nicht erklären.“

Erklären sollte sich die SPD – und zwar ganz grundlegend, ob sie überhaupt noch in der Lage oder willens ist, Anliegen von queeren Menschen aufzugreifen und sich für die Rechte von Minderheiten stark zu machen. Gesine Schwan hat sich an die Seite von Sandra Kegel und einiger anderer wenig rühmlichen Persönlichkeiten gestellt, die allesamt nichts gegen Homosexuelle haben, aber LGBT mit dem Argument zurechtweisen, sie sollten sich nicht so anstellen, schließlich würden sie hierzulande nicht ermordet. Das ist das sich ungebrochen haltende Denken der „Bild“-Zeitung bzw. ihres Kolumnisten Franz-Josef Wagner, der 2012 schon in der Debatte um die gleichgeschlechtliche Ehe Homosexuellen ihren Platz zuwies: „Was für eine glorreiche Zeit für Euch. Niemand steckt Euch ins Gefängnis.“

Der „Jour Fixe“ hat gezeigt, dass die SPD in ihrer Arroganz und Selbstgefälligkeit Schwan’scher Prägung lieber mit dem FAZ-Feuilleton kuschelt statt einer angegriffenen Minderheit einen geschützten Raum zur Verteidigung zu bieten. Man hätte sich mehr erhofft von der Sozialdemokratie, als in die Ecke ihrer virtuellen Kneipe gestellt zu werden. / ©RH

6 Responses to “„So geht das nicht!“ Gesine Schwan stellt LGBTQ-Aktivist*innen in die Ecke der virtuellen SPD-Kneipe”


  1. 1 Ralf Februar 20, 2021 um 11:00 am

    Mit dem Wortungetüm „emotionale Perspektivenvielfalt“ hat sich Frau Schwan für alle Zeiten disqualifiziert für jede Auseinandersetzung um gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Erkennbar stuft sie damit Menschenverachtung als akzeptable „Perspektive“ und Widerstand dagegen als bloße „Emotion“ ein. Sie macht sich damit ohne Vorbehalt die Position zu eigen, in Deutschland 75 Jahre nach dem Holocaust zu sagen, dass Diskriminierung, Ausgrenzung, Benachteiligung, Bedrohung, Beleidigung der Angehörigen von Minderheiten in Ordnung seien, so lange diese Menschen nicht unmittelbar am Leben gefährdet werden. Und das nicht als irgendeine pensionierte Arbeiterparteitante, sondern als Vorsitzende der Grundwertekommission. Wo bitte liegt der Unterschied zwischen der SPD und der AfD in Sachen Hass auf schwule, lesbische, transidente und zwischengeschlechtliche Menschen? Ich erkenne keinen mehr. – Übrigens: Am 14.3. wird in RLP und BW gewählt. Wer noch immer glaubte, die Durchsetzung der Rechte queerer Menschen gehöre zu den Grundwerten der SPD, weiß es spätestens jetzt besser.

    • 2 RH Februar 20, 2021 um 11:13 am

      Ich muss (man ist halt immer ein bisschen Sozi) schnell zur „Ehrenrettung“ der SPD sagen, dass ich schon noch einen Unterschied zur AfD sehe! Und ich in der Online-Debatte und/oder bei Gesine Schwan keinen Hass entdeckt habe, sondern die beschriebene Entmündigungsstrategie (die dann allerdings LGBT-Hetzern in die Hände spielen kann).

  2. 3 perissoteron Februar 21, 2021 um 4:35 am

    Bis zur nächsten Wahl sinds noch gut sieben Monate Zeit um die rechten Flügel zu stärken, der AFD ein paar Prozente abzunehmen, um dann wieder Wahlerfolge zu bejubeln wo keine sind (gilt genauso für CDU/CSU).
    Grossoma ‚Who?‘ Gesine wurde offenbar reaktiviert, um auch ihren ungefragten Senf zu queeren Angelegenheiten dazuzugeben, völlig überflüssig und unqualifiziert. Schön zu sehen wie die älteste doitsche Volkspartei sich ständig in die Sch.. reitet und immer mehr abstürzt.

  3. 4 Paul Berger März 15, 2021 um 7:39 pm

    Den Ärger über die Veranstaltung verstehe ich jetzt, nachdem ich den Artikel von Kegel gelesen habe. Die Verteilung der Redezeit war nicht fair. Ich fand den Auftritt der drei geladenen LGBT-Aktivist*innen allerdings äußerst ungeschickt. Der Auftritt war emotional enorm aufgeladen. Primär wurde Empörung zum Ausdruck gebracht und vom eigenen Leid geklagt, welches groß sein mag. Ich kenne die Film- und Theaterszene nicht. Der Inhalt des Kegel-Artikels wurde kaum erwähnt. Ein auf die Empörung reduziertes Auftreten mag bei der eigenen Community zu Beifall führen, das breite Publikum, was erreicht und davon überzeugt werden soll, dass sich etwas ändern muss, erreicht macht durch einen solchen Auftritt meines Erachtens aber nicht. Das breite Publikum ist von solchen Auftritten genervt und kommt bestimmt nicht zu dem Schluss, dass sich etwas ändern muss. Die Leute von actout kommen doch aus der Film- und Theaterindustrie und sollten wissen, wie sie das Publikum überzeugend beeindrucken können. Die Gegnerin, hier Kegel, direkt der AfD zuzuordnen, hilft auch nicht weiter. Nüchtern gelesen konnte ich keine rassistische und/oder homophoben Züge finden. Sollte eine Person die paar Sätze lesen, werde ich vermutlich als homophober Idiot klassifiziert. Eine kurze Bedenkzeit wäre nicht falsch.


  1. 1 Mit Sozialdemokrat:innen reden? – der zaunfink Trackback zu Februar 21, 2021 um 12:15 am
  2. 2 » Die verlogene Entschuldigung der SPD für den queerfeindlichen KulturtalkIch hab ja nichts gegen Schwule, aber Trackback zu Februar 22, 2021 um 10:38 pm
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