Seelen-Politik!

Am Wochenende ist World Mental Health Day, in Deutschland Start einer ganzen „Aktionswoche“ zum Thema „Seelische Gesundheit“. Dann wird viel über psychische Erkrankungen zu lesen sein, über Depressionen, Angststörungen, Suizide. Wir werden lesen, dass sich vieles unter den Bedingungen der Corona-Pandemie verschlimmern kann, nicht zuletzt, weil in Zeiten von Lockdowns der Zugang zu Hilfsangeboten erschwert oder verunmöglicht ist. Wir werden über Resilienz lesen, über Achtsamkeit, wir werden lesen, dass Betroffene ärztliche/therapeutische Hilfe suchen sollen und ihre Angehörigen irgendwie auch. Wir werden viele individuelle Porträts lesen von Menschen mit Erkrankungen, wobei die meisten vom Nimbus leben, eine schwere Phase durchlebt zu haben, aber jetzt damit zurecht kommen.

Das Trügerische an mentalen/psychischen Erkrankungen ist ja, dass man in einer Krise meist nicht wirklich darüber sprechen oder gar schreiben kann. Erst retrospektiv geht das – und es verwundert mich manchmal, wie automatisch ein Erfahrungsbericht in einen pädagogisierenden Ratgeber-Sprech verfällt. Das eigene Schicksal und der eigene Kampf mit einer Krankheit soll sofort zum Leitfaden für andere werden, zur Ermutigung, auch etwas gegen eigene Krankheiten zu tun.

Ich lese sehr viel solcher Erfahrungsberichte, nicht unbedingt immer, weil ich meine, eine bestimmte psychische Erkrankung beträfe mich selbst, sondern aus dem „Gefühl“ heraus, selbst oft nur schwer mit dem Leben und seinen Anforderungen zurechtzukommen. Es interessiert mich, wie andere Menschen damit umgehen, welche Wege sie finden. Vielleicht ist seit einiger Zeit von „seelisch“ die Rede, weil das nicht gleich nach Psychiatrie klingt (wobei das Wort „Seelendoktor“ den meisten von früher geläufig sein dürfte). „Seele“ klingt ein bisschen mehr nach Kirche und Religion, danach, dass wir einer jahrhundertealten Auffassung anhängen, Psyche/Geist und Körper gäbe es und stünden in einer wechselseitigen Beeinflussung.

„Seele“ hat aber auch ein bisschen was verharmlosendes, weil es so klingt, als ob man sich mit einer Tasse grüner Tee und etwas Achtsamkeit mal eben und mal einfach selbst am Schopf momentaner Herbsttrübsal herausziehen könnte. Dann aber handelte es sich definitiv nicht um eine Krankheit. Ansonsten – auch das werden wir in den nächsten Tagen dank Copy & Paste ausgiebig und gebetsmühlenartig lesen – helfen Sport/Bewegung, Freundschaften pflegen, reichlich Schlaf und natürlich pro Tag 1,5 Liter Wasser trinken. Zweifel an den zirkulierenden Allgemeinplätzen ist angeraten, wobei gegen Sport und Freundschaften auch jenseits psychischer Erkrankungen nicht wirklich etwas spricht.

Seelische Gesundheit und LGBTQ

Welchen Platz nimmt die psychische (wie die physische) Gesundheit in der Welt der Homo-, der Bisexuellen, der Transgender ein? Welche Rolle spielt seelische Gesundheit / seelische Erkrankung in der queeren Welt – also dem, was ich – altmodisch und darin für viele auch verrückterweise – immer noch als Community ansehe?

Eigentlich sind es doch zwei Themen, die, wenn überhaupt, so etwas wie seelische Gesundheit thematisieren: Suizide unter LGBT-Jugendlichen und HIV/Aids. Gäbe es die DAH oder das von ihr initiierte Projekt IWWIT nicht, würde das Thema Gesundheit wahrscheinlich gar keine Rolle spielen. Diese Arbeit ist unverändert wichtig – und darum das Folgende bitte nicht falschverstehen -, aber wäre es fast 40 Jahre nach Ausbruch der Aids-Pandemie nicht an der Zeit, LGBT-Gesundheit aus der Verklammerung von HIV (und der Verengung auf sexuell übertragbare Krankheiten) zu lösen? Nochmals: Aufklärung in diesem Bereich ist wichtig!!! Aber ließe sich nicht auch ein weiterer, ein anderer Blick wagen?

Geht es uns gut miteinander in unserer Community? Nehmen wir alle mit auf unserem Weg des Stolzes, der Selbstermächtigung, auf dem Weg in die Gesellschaft? Also auch die, deren „seelische Gesundheit“ für bestimmte Zeit oder gar dauerhaft leidet? Es gibt mittlerweile Studien, die thematisieren, dass Ausgrenzungen und Diskriminierungen innerhalb der Community / der Communities für viele inzwischen ein ebensolches Problem darstellen, wie die Ausgrenzung und Verletzungen durch „die“ Gesellschaft an sich. Wir schreiben uns „gleiche Rechte“ auf die Fahne, um dann gnadenlos in den Dating-Portalen zu selektieren und den/die Anderen spüren zu lassen – „Shaming“ -, dass wir sie mitnichten als gleich wahrnehmen und schon gar nicht in ihrem Anderssein wertschätzen.

Mir fällt immer wieder auf, mit welcher instrumentellen Kälte manche politischen Aktivist*innen andere als dummes Volk abstempeln, dass es permanent zu erziehen, aufzuklären und für Kampagnen zu aktivieren gilt. Es geht dabei stets „um die Sache“ – es geht fast nie um die Bedeutung von gemeinsamem Handeln in einem psychischen, seelischen Sinn. Neben einem konkreten Anliegen mit konkreten Forderungen geht es doch auch um „das gute Gefühl“ (und das ist hier nicht ironisch oder abwertend gemeint), etwas zu tun, sich zu bewegen (!), um das hilfreiche Gefühl, mit Niederlagen, Rückschlägen, mit herrschender Ungerechtigkeit, mit Ausgrenzung nicht alleine zurechtkommen zu müssen.

Wie geht die Community mit der Tatsache um, dass auch sie einer (kapitalistischen) Konsum-Ideologie des gehobenen weißen Mittelstands huldigt? Dass sie über Jahrzehnte recht unkritisch der vollständigen Ökonomisierung, dem Diktat von Effizienz und Selbstoptimierung Vorschub geleistet bzw. davon profitiert hat. Hat sich die neoliberale und oft krank machende Einzelkämpfermentalität durchgesetzt?

Wir nennen uns Community, aber viel zu oft lassen wir bei Problemen Einzelne allein

Helfen wir einander? Sind wir freundlich zueinander? Werden wir in der Schwulenkneipe mit „Schön, dass du gekommen bist!“ begrüßt? Versuchen wir, den anderen als Mensch wahr- und ernstzunehmen, sie*ihn wertzuschätzen, oder sehen wir nur den Konkurrenten, von man es sich abzugrenzen gilt, dessen „Schwächen“ der eigenen Selbsterhöhung dienlich sind? Lassen wir andere mit ihren Weisen zu leben gelten?

Und wenn schon von Seele die Rede ist: Wie steht es um die Spiritualität? Und wie steht es um die Sexualität, die ja mehr umfasst als die Sorge vor HIV? Die Sexualität, die ja eine wunderbare Übung für die Balance von Psyche und Physis sein kann, aber in der queeren medialen Bilderwelt zumeist nur als mechanischer Vollzug aufscheint. Überhaupt: Wie kann es sein, dass die Politiker*innen, die für LGBTQ-Rechte streiten, die ersten sind, die systematisch (auch und gerade in Zeiten von Corona) unsere Plätze und Räume der realen Begegnung schließen? Andersherum: Was tun wir selbst, um existierende Safe Spaces zu schützen, zu verteidigen?

Die Community muss selbst dazu beitragen, dass wir uns wohlfühlen. Es reicht nicht, die „Seele“ erst zu entdecken, wenn sie am Boden des Brunnens liegt, und dann zur Therapie zu schicken. Psychische und physische Gesundheit müssen zu selbstverständlichen Themen und Bereichen innerhalb der Community wie unseres Engagements für gleiche Rechte werden. Weil es gerne übersehen wird, sei an dieser Stelle explizit darauf verwiesen, dass ausreichende finanzielle Ressourcen und Möglichkeiten der Teilhabe zur seelischen wie physischen Gesundheit dazugehören!

Einzelne Gruppen (sichere Räume) von Betroffenen und für Betroffene, von und für Menschen mit psychischen/mentalen Erkrankungen, von und für Menschen, die unter Ausgrenzung, Diskriminierungserfahrungen leiden, sind wichtig. Aber die Community als Ganzes muss zeigen, dass, wer möchte, dazugehören kann/darf und auch soll. Prävention – nicht nur die Behandlung – von seelischen Erkrankungen ist wichtig. Die existierenden (Schwulen-)Beratungen sollten Angebote der fürsorglichen Vorsorge stärker in den Fokus rücken und ausbauen. (Viele Hilfsangebote müssen, auch das eine Lehre aus Corona, überhaupt erst einmal auf sich aufmerksam machen!) Es darf nicht sein, dass wir uns als Community feiern und inszenieren, aber die, die unsere Unterstützung und unser anteilnehmendes Wohlwollen brauchen, an „die“ Gesellschaft abschieben, bis sie wieder „fit genug“ sind, um mitzumachen.

Wenn es um seelische Gesundheit geht, dann ist noch viel zu tun für die Community. Wir müssen begreifen, dass seelisches, psychisches, mentales (ebenso wie das physische, materielle) Wohlbefinden kein zu vernachlässigendes Gut ist, sondern zum medial dominierenden politischen Aktivismus gehört, ja sogar dessen Grundlage ist. /©RH

1 Response to “Seelen-Politik!”


  1. 1 Mayk Oktober 8, 2020 um 10:15 am

    Sehr wichtiger Text. Danke!


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