Spenden sind freiwillig

Die Community, d.h. viele Einzelpersonen und viele ihrer Institutionen, ist in finanzieller Not. Die Beschränkungen in unserem Leben durch die Corona-Pandemie sind massiv, Einnahmequellen sind quasi über Nacht weggebrochen. Und schnell geschaffene Online-Angebote können dies nur dürftig kompensieren.

Es ist einfach nur klasse, wenn in dieser Situation die einen den anderen, wir uns gegenseitig helfen!

ABER …

es ist völlig daneben, wenn sich jetzt eine kleine Schicht moralisch auserkoren fühlt, anderen vorzuschreiben, was sie gefälligst zu tun haben, sie quasi als Einpeitscher vor sich her zu treiben und ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen. Da wird auf Facebook allen Ernstes vorgerechnet, was „wir“ gerade alle an Geld sparen, weil wir ja keinen Urlaub machen können – und das solle mal gefälligst gespendet werden. Da wird zur großen „Umverteilung“ aufgerufen, die eh schon lange überfällig sei. „Höchste Zeit, dass auch du spendest!“, postete ein Bekannter – und er tat es nicht im Bewusstsein, dass er damit Druck ausübt, sondern weil er angesichts der vielfachen drohenden Pleiten traurig/verzweifelt war und sich schlicht mehr Unterstützung wünschte.

Niemand weiß, wie es um die finanzielle Lage der/des Anderen bestellt ist. Viele würden gerne finanziell helfen und können es einfach aus finanziellen Gründen nicht. Wer gerade nicht weiß, wie er Rechnungen zahlen kann, dem hilft wahrscheinlich auch das „eingesparte“ Geld fürs Kneipenbier nicht, geschweige denn, dass er es im Moment an andere spenden kann. Andere helfen, ohne dass wir es mitkriegen: indem sie beispielsweise für einen schwulen Nachbarn, der von einer viel zu kleinen Rente lebt, den Einkauf übernehmen. Das kommt ganz ohne das Social-Media-Bimbamborium aus! Und manche wollen möglicherweise „der“ Community nicht helfen. Sie werden ihre Gründe haben. Vielleicht helfen sie Menschen außerhalb der Community. Viele werden derzeit in ihrem privaten Umfeld helfen, und diese wichtige Community muss ja nicht zwangsläufig mit der queeren Community identisch sein.

Zwei Worte, die in einigen der SpendenaufFORDERUNGEN gar nicht vorkommen, sind „Bitte“ und „Danke“. Niemand muss sich erniedrigen, weil er um Hilfe und Unterstützung nachfragt, aber es besteht auch kein Grund für eine patzige Trotzigkeit, die Spenden quasi als Pflichtabgabe einfordert. Dass Unternehmen, die um Unterstützung nachfragen, erläutern müssen, wofür sie das Geld benötigen, versteht sich eigentlich von selbst.

Spenden sind freiwillig. Und sollten es bleiben – das ist nun mal das Wesen der Spende. Niemand muss sich rechtfertigen, ob er/sie spendet oder nicht, noch wie viel er/sie spendet (es gibt übrigens nie eine zu kleine Spende!). Dass nun in den „sozialen“ Medien mitunter ein Ton aufkommt, der zwar ans Miteinander appelliert, zugleich aber rechthaberisch sich selbst erhöht und andere herabsetzt, ist traurig. Eine Drohung à la „dann gibt es uns halt nicht mehr und ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt“ auszusprechen, finde ich weit weniger motivierend als ein „wir würden gern unsere Arbeit fortsetzen können, weil wir sie aus den und den Gründen wichtig finden“.

Auch in Notzeiten sollte man, wenn man Hilfe und Unterstützung leisten will und kann, sich auf die Menschen, Institutionen und Projekte konzentrieren, zu denen man eine persönliche Beziehung hat (die Lieblingskneipe, die man vielleicht mit Gutscheinen unterstützen kann, oder das therapeutische Beratungsangebot, das man vor einiger Zeit in Anspruch genommen hat, oder das Magazin – oder gar das Blog? -, von dem man sich stets gut informiert fühlte). Und/Oder auf jene Menschen, Institutionen und Projekte, von denen man als Gegenüber auf Augenhöhe angesprochen wird.

Es ist einfach nur klasse, wenn wir in dieser Situation einander helfen! Es ist klasse, wenn „die“ Community sich jetzt im Miteinander bewährt. Das sollte uns aber nicht vergessen lassen, dass es auch ein Nach der Krise gibt, in der wir erleben werden, ob das vielbeschworene Miteinander Bestand hat. Ein Miteinander, mit dem es sich übrigens wie mit Spenden verhält: Es bleibt freiwillig! / ©RH

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