Ein Virus geht um … und unsere Geschichte lehrt uns, worauf es jetzt ankommt

Die Corona-Pandemie trifft nun auch die queere Community in Deutschland mit voller Wucht. In Berlin denkt man über eine Absage oder Verschiebung des CSD nach, das Schwule Museum hat bis mindestens 19. April seine Türen geschlossen, die Schwulenberatung muss ihr Angebot einschränken. In Stuttgart bleiben im schwulen Buchladen Erlkönig die Kunden aus, das Lesbenfrühlingstreffen in Heidelberg wurde abgesagt. Ganz zu schweigen von den unzähligen kulturellen Veranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen, die bundesweit abgesagt werden. Und nicht nur in der Hauptstadt wird inzwischen erwogen, Bars, Cafés und Clubs generell zu schließen. Auch das beliebte Städte-Hopping von Event zu Event bleibt nicht unberührt: Das „Große Bärengehege“ bei der Gaydelight auf dem Stuttgarter Frühlingsfest im Mai ist ebenso abgesagt wie die Veranstaltungen vom MLC auf dem Münchner Starkbierfest oder das Fetischtreffen zu Ostern in Berlin.

Sprung über den Teich:

In Los Angeles wurden die Veranstaltungen zum 50-jährigen Jubiläum des Pride von Juni in den September verschoben. Die Organisatoren erinnerten alle Enttäuschten daran: „Pride is more than just weekend in a year. Or even a month. Pride is something that we live and breathe every day.“

Und so erinnert die aktuelle Krisen-Situation auch daran, wie sehr die (mediale wie theoretische) Fokussierung von homosexuellem, von queerem Leben auf politischen Aktivismus vergessen macht, dass es noch eine Basis, einen Alltag gibt, ein soziales Miteinander. Dieser Aspekt der Community ist in den letzten Jahren ignoriert, belächelt und zum Teil bewusst negiert worden, um haarspalterische Debatten in die Welt zu setzen, mit denen sich Einzelne Weihen in ihren jeweiligen Blasenwelten erhofften. So existenziell wichtig der politische Kampf gegen Diskriminierung, für gleiche Rechte und Teilhabe ist und auch bleiben wird, so existenziell wichtig ist auch, dass die Grundlagen der Community wieder in den Blick geraten. Wirkliches Miteinander vor Ort, Unterstützung; Stärkung der/des Einzelnen in ihrem/seinem konkreten Lebensumfeld; für alle zugängliche Angebote für physisches, mentales Wohlbefinden. Das sind Ressourcen, ohne die auch die besten Aktionen für Menschenrechte nicht gelingen können. Und sie sind es, die durch die Corona-Pandemie betroffen sind.

Die Corona-Pandemie kann als Herausforderung auch für unsere Community gesehen werden, die wir gemeinsam bewältigen. Mit Anteilnahme, Rücksichtnahme, mit Unterstützung für die, die signalisieren, dass sie Unterstützung brauchen. Nicht nur die wirtschaftlichen Folgen werden uns noch beschäftigen, wenn die Virus-Krise abgeklungen ist, auch die sozialen, die seelischen: die Fragen nach den Strukturen der lokalen Community, nach Einsamkeit in der unentwegt propagierten Vielfalt, nach Zusammenhalt und ehrlichem Für-einander-Dasein jenseits der privaten Zweierbeziehung.

Im Umgang mit einem Virus hat die queere Community eine Geschichte und wir sollten uns jetzt der besten Momente dieser Geschichte hinsichtlich von Solidarität und Handeln erinnern. / ©RH

Link: Informationen des Robert-Koch-Instituts zum Corona-Virus

3 Responses to “Ein Virus geht um … und unsere Geschichte lehrt uns, worauf es jetzt ankommt”


  1. 1 Geflügel mit Worten März 13, 2020 um 1:16 pm

    „Dieser Aspekt der Community ist in den letzten Jahren ignoriert, belächelt und zum Teil bewusst negiert worden, um haarspalterische Debatten in die Welt zu setzen, mit denen sich Einzelne Weihen in ihren jeweiligen Blasenwelten erhofften.“ — Genauso empfinde ich das (leider!) auch. Danke dafür. Und natürlich auch für den Rest des Textes ;)

  2. 2 Ralf März 14, 2020 um 10:18 am

    Veranstaltungen werden abgesetzt und man soll Menschenansammlungen meiden. Das ist ein schlechter Witz. Ich war vorhin einkaufen, zu meiner ganz normalen Einkaufszeit am Samstag, wenn üblicherweise nicht viel los ist. Die Parkplätze waren so voll, dass kaum noch eine freie Bucht zu finden war. Die Supermärkte und Discounter laufen über von Publikum. Menschenmassen schieben meterhoch vollgestapelte Einkaufswägen vor sich her. An der Kasse die Leute dicht gedrängt im Millimeterabstand. Und dazwischen reichlich Proleten, die ihre Umgebung anhusten und anniesen.


  1. 1 » After Corona: Das Versprechen!Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber Trackback zu März 14, 2020 um 12:08 pm

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