„Better the devil you know“ – Aus der noch zu schreibenden Erzählung „Die Liebenden“

Das nahende Fetischtreffen warf seine Schatten voraus. Allerdings nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, in Gestalt von Lederkerlen, die durch ihre bullige Statur das Sonnenlicht blockiert hätten. Das Lokal, in dem wir nach der Veranstaltung noch etwas trinken und eine Kleinigkeit essen gehen wollten, hatte die Speisekarte umgestellt und für einen Zeitraum von zwei Wochen die Preise erhöht. Berlin in seiner zeitgenössischen Ausprägung und die Kehrseite von „Events“: Alle, auch die seit Jahren in der Stadt Lebenden wie die Stammkunden von Schwulenlokalen, werden zu Touristen, die sich abzocken lassen müssen. Ein Grund, warum diese Events niemals Heimat bieten werden. Ihr Safe Space hat seinen Preis und das einzige Versprechen, das er zu halten vermag, ist, dass man am Ende wieder vor die Tür und auf den Boden der Realität gesetzt wird.

Die dreiste Geschäftstüchtigkeit wurde aber von der Runde schnell wegrationalisiert. „Naja, das ist für die ja auch Mehrarbeit. Bestimmt müssen sie noch eine Kraft zusätzlich anstellen in der Zeit.“ Innerlich akzeptierten wir den Stiefel der Ökonomisierung, nicht so dagegen den Lederstiefel, der mit dem Verweis aufs Fetischtreffen ebenfalls evoziert worden war.

Das Lokal war gut gefüllt, nur noch wenige Tische frei bzw. nicht reserviert, und wir drängten uns schließlich zu sechs um ein Vierer-Tischchen in der hinteren Ecke. Das orangefarbene 70er-Jahre-Design der Wand in unserem Rücken machte in seiner Dominanz den großmütterlichen 50er-Jahre-Schick der Kissen auf den Bänken, der Gardine im Fenster und den dort ausgebreiteten Nippes vergessen. Die Musik im Lokal war dagegen in den späten achtziger, frühen neunziger Jahren festgefroren, bis hin zu Tiefpunkten wie Limahls „Neverending Story“.

Mit seinem maliziösen Lächeln gab uns die männliche Bedienung – wie in einer schwulen Kneipe nicht unüblich – das gewohnte Gefühl, nicht erwünscht, aber immerhin wiedererkannt und geduldet zu sein. Er verteilte die Speisekarten und nahm die ersten Getränkebestellungen auf.

„Wuff, Wuff“, keuchte Bernhard, kaum dass das maliziöse Lächeln uns wieder den Rücken zugedreht hatte. „wahrscheinlich legt er uns gleich an die Leine.“

„Dich wird er vermutlich auspeitschen“, merkte Frank an und schaute dabei streng über den Rand seiner Brille. Alle in der Runde verstanden, dass er damit seiner Genervtheit über Bernhards Verhalten während der Veranstaltung Ausdruck gab. Nur Bernhard nicht.

„Ja, meinst du?“, fragte er aufgeregt nach.

„Nimm doch das Omelette?“Rüdiger drängelte, weil er wusste, dass Bernhard, wenn er erst einmal in Fahrt kam, schwer wieder aufzuhalten war. Doch es war zu spät.

„Ich find’s ja unglaublich, was die da machen.“

Im Hintergrund legte in diesem Moment tatsächlich Kylie Minogue los: „In my imagination there is no complication / I dream about you all the time“. Ich sehnte mich nach Frankie goes to Hollywood. „Relax!“

„Ich mein‘, wie kann man jemanden lieben und dann auspeitschen …“

„Lass sie doch!“, seufzte Paul etwas müde und klappte seine Speisekarte zu. „Ich hab heute Lust auf Kässpätzle!“. Mit „Jetzt lass‘ n halt!“ wird im Schwäbischen eine leichte Resignation über das Verhalten eines Dritten ausgedrückt. Es geht auch weniger um echte Toleranz, als um den Wunsch, eine vergebliche Diskussion darüber zu beenden.

„Sollen wir uns alle schlagen und dann sagen, dass das Liebe ist, oder was? Und dann all das Zeug, die Häute von toten Tieren …“

„Ich war vor Kurzem auf einer Sneakers-Party …“, warf René zögerlich ein.

„Und? Habt ihr an euren Schweißsocken geschnüffelt? Was soll denn daran geil sein? Hast du dich auch noch auspeitschen lassen?“

„Mein Gott, Bernhard, jetzt krieg dich aber auch wieder ein.“ Ich legte beschwichtigend die Hand auf seinen Unterarm. „Niemand tut dir was! Niemandem wird auf einem Fetischtreffen etwas gegen seinen Willen getan.“

„Woher willst du das wissen? Gehst du auf so eine Veranstaltung?“

„Dieses Jahr werde ich ziemlich sicher nicht gehen. Aber ich war schon oft auf dem Fetischtreffen. Zu meiner wilden Zeit in den Neunzigern hieß das noch recht einseitig Ledertreffen.“

Große Augen starrten mich an. Und wie ich zurückstarrte, wusste ich, dass ich verloren hatte.

„Hast du dich auspeitschen lassen oder hast du die anderen ausgepeitscht?“ Bernhard merkte gar nicht, wie ihm Rüdiger die Speisekarte entgegenstreckte.

„Weder noch!“

Das maliziöse Lächeln wartete auf die Bestellungen. Reihum gab jeder seinen Wunsch an, für den zunehmend aufgewühlten Bernhard bestellte Frank: „Bernhard will die Bulette – mit viel Senf.“ Bernhard hatte kurz protestiert: „Woher willst wissen, was ich will?“, und die Runde hatte ihm kollektiv geantwortet: „Wir wissen es!“

Wir prosteten uns zu und achteten dabei genau darauf, beim Anstoßen mit den Gläsers dem Gegenüber in die Augen zu schauen. Rüdiger gab Bernhard einen Kuss.

Das Gespräch nahm ähnlich irritierende Züge an wie bei einer Diskussion vor zwei oder drei Wochen, wo sich herausgestellt hatte, dass die Mehrheit der Runde der Ansicht war, dass man nur mit Bart bzw. entsprechender Behaarung zu Bärenpartys eingelassen würde. An diesem Abend hatte ich zu spät bemerkt, dass meine Bemerkung, es gäbe dort Einlasskontrollen, bei denen die Bartlänge gemessen und gefragt würde, ob die Haare am Sack abrasiert wären, bei den anderen nicht als Ironie ankam.

„Geh doch aufs Straßenfest und guck es dir einfach an!“, schlug ich Bernhard vor und fügte sogleich hinzu: „Da gibt es keinen Dresscode, du musst dir am Eingang nur freiwillig eine Spende abpressen lassen.“

„Von diesen Schwestern …“ So ganz ahnungslos war Bernhard wohl doch nicht.

„Mir ist es da sowieso zu voll. Und mit diesem SM-Zeugs fange ich nichts an“, sagte Paul. „Ich will mich nicht auspeitschen lassen!“

„Aber du wirst doch nicht ausge…“, wagte René einen Einwurf, der von Bernhards hysterischem „Haue, haue, haue!“ übertönt wurde. Was Frank auf den Plan rief: „Und dann ficki, ficki, ficki!“

Schulhofgekicher. René warf mir einen leicht verzweifelten Blick zu. Mit seinem Hipster-Bart sah er ziemlich gut aus, und mir wurde schlagartig klar, dass er ihn auch trug, um jünger und attraktiver zu wirken. So attraktiv wie seine Sportschuhe wahrscheinlich. Er war vielleicht drei, vier Jahre jünger als ich. ‚Also eigentlich zu alt für diese Szene.‘ Ich erschrak über diesen dummen Gedanken von mir und versuchte mich in Vermittlung.

„Ihr habt aber etwas einseitige Vorstellungen von Leder- und Fetischtreffen. Es dürfte da erstaunlicherweise etwas mehr als nur Hauen und Ficken geben. Ich stehe nicht auf Schmerz und bin beziehungsweise war trotzdem … Also, ich meine, es gibt ja auch sowas wie Bondage oder so. Das kann …“

„Wenn ich mir das nur vorstelle …“ Theatralisch warf Bernhard seine Arme auseinander und schubste dabei ungewollt sowohl Rüdiger als auch mich.

„Achtung, er schlägt aus!“, rief Paul. „Na, Bernhard, gib’s zu, dass du zuhause heimlich mit der Peitsche übst!“

Kein Lachen von Bernhard. „Und dann diese Doggies, mit diesen Masken, und wie die auf dem Boden herumkriechen …“

Ich hätte Bernhard gerne zugestimmt, dass diese derzeit beliebten und von den Fetisch-Läden und ihren jugendlichen „Influencern“ massiv gepushten Hundemasken eher affig denn hündisch wirkten, und ihm gern erzählt, dass es auch ohne gegangen war, damals im Tiergarten. Während ich noch überlegte, ob ich es mit einem Hinweis auf Bondage versuchen sollte, schwebten weiße Teller heran, getragen vom maliziösen Lächeln und „Better the Devil You Know“. War heute Best-of-Kylie-Abend? Ich ertappte mich, dass ich nicht wusste, welche Songs eigentlich die Zeit mit W. in München untermalt hatten.

Ich fühlte mich unbehaglich und zugleich etwas traurig. Immer noch war das Thema Leder und Fetisch etwas, das in Schwulen abstruse Vorstellungen und ebenso abstruse Abwehrreaktionen bei gleichzeitiger voyeuristischer Gier hervorrief. Der Versuch, mit dem Thema Bondage auf eine andere Dimension hinzuweisen, war gleich gescheitert und mir fehlte der Mut, nochmals damit anzufangen. Dass im Spiel mit den Fesseln eine Zärtlichkeit liegen kann, dass das Spiel mit der Hierarchie nicht zwangsläufig in körperliche Gewalt umschlagen muss, sondern eine intensive Form von Geborgenheit fühlen und Geborgenheit geben sein kann … Vielleicht war dies hier einfach nicht die Runde, um von solchen Dingen erzählen zu können. Da lobten sich Homosexuelle immer für ihre sexuelle Toleranz und Aufgeklärtheit, und ich fand mich hier mit dem Wissen, dass ich mit manchen von ihnen niemals würde über meine Gefühle, mein Erleben würde sprechen können. Aber wann spricht man jemals von seinen ‚wahren‘ Gefühlen?

„Hey, pass auf!“

Ein Glas kippte um, etwas Bier floss über Renés Hose, Bernhard, der Übeltäter, versuchte mit einem „Ich hoffe, du stehst auf Wet!“ die Situation zu retten. Mit diesem Durcheinander und der folgenden Ablenkung durch das Verteilen des Bestecks, des Brotes wich die Luft aus dem Thema Fetischtreffen. In seiner banalen Rustikalität verzichtet auch das Essen an diesem Abend auf Zwischentöne.

Gegen zehn trennten wir uns. Die kühle Luft des Abends tat gut. Als mich René beim Abschied vor dem Lokal umarmte, flüsterte ich ihm ein „Nicht auspeitschen lassen, Sneakerfreund!“ zu.

„Doofmann!“, lachte er und schwang sich dann auf sein Fahrrad. Ich sah ihm nach, wie er davonradelte und im Gewirr des Straßenverkehrs verschwand. Und für einen kurzen Moment spürte ich …

„Du, ich nehm heute den Bus, das geht um diese Uhrzeit schneller,“ brachte sich Bernhard nochmal in meine Aufmerksamkeit zurück. Ich umarmte auch ihn, ziemlich erleichtert, dass ich die Heimfahrt in der U-Bahn nicht mit ihm teilen musste. / ©RH

———————–

Frühere Bruckstücke aus der noch zu schreibenden Erzählung:

Came Here For (April 2018)

Laguz (März 2019)

 

5 Responses to “„Better the devil you know“ – Aus der noch zu schreibenden Erzählung „Die Liebenden“”


  1. 1 Geflügel mit Worten Februar 16, 2020 um 7:19 pm

    Rainer, ich möchte ein Buch von Dir :P Du musst es auch nicht in Marine-Uniform schreiben. Wobei … ;)

    • 2 RH Februar 16, 2020 um 7:22 pm

      Okay, erst schreib ich die Liebenden, und dann die Fortsetzung: „Die Liebenden am Meer“ – und das schreibe ich dann auf einem Leuchtturm auf einer Nordseeinsel und in Uniform. ;-)

  2. 3 Ludger Februar 17, 2020 um 3:03 am

    Ich kann es nicht glauben dass ich das von Leuten lesen muß die schon deutlich die Pubertät hinter sich haben. Wie kann man so engstirnig und ignorant durch die Welt laufen. Wenn ihr 16-jährige wärt, o.k.! Aber ich nehme an ihr habt alle die 40 überschritten und dennoch so verklemmt? Ja, es gibt mehr als ficken, lecken, blasen. Go, get over it!

  3. 4 Ralf Februar 21, 2020 um 10:46 am

    Hm… das liest sich doch recht süffig. Würd ich gern haben, wenn’s mal fertig ist. – Aber… irgendwie erinnert das Gespräch doch -abgesehen vom Ambiente- an ähnliche Gespräche, die Ralf König schon protokolliert hat, nur mit dem Personalpronomen „sie“ für jeden Mitwirkenden. Kann es sein, dass Lederfetischisten und Fummeltrinen doch gar nicht so weit auseinander sind, wie es einem rein optisch vorkommt? (Gacker, gacker, kreisch, kreisch…)

    • 5 RH Februar 21, 2020 um 11:24 am

      Also auf die letzte Frage ein klares „Huch“!
      Und wann dieses Opus Magnum fertig wird? Da hilft nur ein ebenso klares „Seufz“!


Comments are currently closed.



31. März 2020: Transgender Day of Visibility

Neue IWWIT/DAH-Broschüre: „Schwul. Trans*. Teil der Szene“

Der Samstag anderswo

Kreuz-und-queer-Blog

Archiv

Der Samstag empfiehlt