„Ich bin“ … Zum Tod von Jerry Hermann

Diese Demütigung … diese tiefe Verletzung, durch die, die man liebt, nach deren Nähe man sich sehnt, die, um die man sich gekümmert hat, und nun … Ablehnung. Das Schweigen, das Sich-Zurückziehen, dieses entsetzliche Alleinsein … und dann, ganz leise, der Moment, wenn man die Stimme wiederfindet, der Moment, in dem man sich selbst vergewissert, der Moment der Selbstbehauptung, des Widerstandes … ein Anfang … zaghaft … schwankend … aber man richtet sich auf, die Stimme wird lauter, entschlossener. Nein, das ist nicht das Ende … es ist, was es ist: eine bittere Enttäuschung, aber es ist nicht das Ende. Nein, man wird sich nicht verstecken, nicht wieder, niemals wieder … alles andere geht nicht mehr … nur dies: zurück zum Leben, voller Trotz, Wut und Stolz zugleich, mit unbändiger Energie, die sich nach der Verachtung Bahn bricht: Ich bin, was ich bin, und ich muss mich dafür nicht entschuldigen, nicht rechtfertigen.

Der Komponist von „I am what I am“, Jerry Herman, ist am 26. Dezember 2019, im Alter von 88 Jahren gestorben. Er lebte bis zuletzt mit seinem Partner Terry Marler zusammen. Das Musical „La cage aux folles“, in dem „I am what I am“ den ersten Akt beschließt, hatte 1983 Premiere und war eines der ersten Stücke am Broadway, die ein schwules Paar in der Hauptrolle hatte – mehr noch: ein selbstbewusstes schwules Paar. Der Erfolg des Musicals und der Siegeszug von „I am what I am“ durch die weltweiten Charts, ausgerechnet in einer Version von Gloria Gaynor, verlief fast parallel zum Ausbruch der HIV-Epidemie, der Immunschwächekrankheit, die, als „Schwulenseuche“ apostrophiert, alles zu vernichten drohte, was sich doch eben noch für eine erstarkende Emanzipationsbewegung als Silberstreifen am Horizont abgezeichnet hatte.

Jerry Herman auf ein Lied zu beschränken, tut seinem großen Schaffen Unrecht. (Musikwissenschaftler Kevin Clarke weiß die Verdienste von Jerry Herman umfassender zu würdigen.) Aber das Lied „I am what I am“ bedeutet mir persönlich sehr viel. ich weiß nicht, ob es heutigen Lesben, Schwulen, Transgender noch etwas bedeutet. Vielleicht nicht. Die Welt ist nicht mehr die der achtziger Jahre – weder musikalisch, weder hinsichtlich HIV/Aids, noch in Bezug zu dem, was heute „queeres“ Selbstbewusstsein ausmacht. Es gibt neue „Hymnen“, Songs, die wir als musikalischen Ausdruck des Verlangens nach Gleichberechtigung, Toleranz und gleiche Rechte verstehen.

Ich habe das Musical „Ein Käfig voller Narren“ Ende der achtziger Jahre in Berlin im Theater des Westens mit Helmut Baumann in der Rolle des Albin/Zaza gesehen, wenige Jahre nach meinem Coming-out , mitten in meiner Entdeckung der schwulen Welt, mitten im Engagement in der Aids-Hilfe. Ja, das Lied hat mir so unglaublich viel bedeutet; es hat mir unglaublich viel gegeben, inmitten eines Publikums zu sitzen, das mucksmäuschenstill war, als „Ich bin, was ich bin“ erklang, das aufsprang, während noch der letzte Ton verhallte. Lederleute, Transen, Wilmersdorfer Witwen, es war diese unglaubliche Berliner Melange, und ich war mittendrin und ich hatte meinen eigenen Takt gefunden. / ©RH

Foto: at the White House for the 2010 Kennedy Center Honors / gemeinfrei

2 Responses to “„Ich bin“ … Zum Tod von Jerry Hermann”


  1. 1 Geflügel mit Worten Dezember 27, 2019 um 7:06 pm

    <3 Eine wundervolle Hommage.

  2. 2 Ralf Dezember 28, 2019 um 11:08 am

    Leider ist die Hymne „I am what I am“ schon früh der Heterosexualisierung anheimgefallen. Hört man sie im Radio, wird sie fälschlich nicht von einem Mann, sondern von einer Frau gesungen. Auch eine Art homofeindlicher Zensur.

    Ich war damals in der westdeutschen Erstaufführung. Ein wunderbares Erlebnis. Das fiel in die frühe AIDS-Zeit, als ich mich als schwuler Mann besonders stark nach Zusammengehörigkeit mit anderen sehnte. Eine Stelle werde ich nie vergessen. Der homofeindliche Politiker tobt seinen Schwiegersohn in spe an, der eine der beiden Homosexuellen möge ja vielleicht sein Vater sein, aber er lasse sich nicht überzeigen, der andere sei seine Mutter. Fröhliches Johlen im Publikum. Darauf der junge Mann: „Doch.“ Es folgte die Aufzählung all der mütterlichen Pflichten, die von ihm im Leben des Jungen wahrgenommen worden waren. – Betretenes Schweigen des Publikums ob der soeben entlarvten eigenen Borniertheit. Es war die Zeit, als man zwar schon eine Weile nicht mehr eingesperrt wurde, aber immer noch eine Gefahr für die Jugend war, abartig und ein Verstoß gegen die öffentliche Ordnung. Es war die Zeit Gauweilers und der Kreuzzüge gegen uns. Da half es sehr, dass endlich mal ein solches Stück auf die Bühne gebracht wurde. Leute wie Annegret Kramp-Karrenbauer, Birgit Kelle, Beatrix von Storch, die heute den rechten Rand repräsentieren, waren damals Mainstream – und heute besteht schon die Gefahr, dass sie genau das wieder werden.

    Danke für diesen Nachruf. Jerry Herman war einer der Wenigen, die das eigene Schwulsein in ihre Kunst einzubringen sich nicht scheuten, selbst in einer Zeit, da ihm dafür der Wind noch stärker ins Gesicht blies als heute. Davon gibt es noch immer viel zu wenige.


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