Wo bleibt die digitale Community?

Wahrscheinlich denken die meisten bei digitaler Community an Dating-Apps und an Internetportale, auf denen steht, wie man zur nächsten Party kommt. Aber vielleicht ginge ja noch etwas mehr, etwas anderes?

Kürzlich gab es in München, in der Reihe Männerakademie des SUB, einen Vortrag, der mich thematisch sehr interessiert hätte: „Selbstinszenierung als Herausforderung schwuler Männlichkeit“. Schade, dachte ich, dass es keinen Live-Stream oder eine öffentlich zugängliche Aufzeichnung gibt.

Warum eigentlich nicht? Das ist jetzt keine Frage/Kritik ans SUB, sondern konzeptionell an „die Zukunft“ „unserer“ „Community“. Dreimal Anführungszeichen, weil natürlich alle drei Begrifflichkeiten problematisch sind. Aber fürs Folgende sei gesagt, dass ich alle drei Begriffe wichtig und die Vorstellung einer lebendigen Gemeinschaft nicht obsolet finde, selbst wenn aktuell so ziemlich alles dagegen spricht.

Und vorneweg: Mir ist klar, dass digitale Community Geld, Equipment und viel Engagement von denen braucht, die sowieso schon was auf die Beine stellen. Also einerseits Mehrarbeit/Mehraufwand, andererseits aber auch die Chance, Diskussionen, Vorträge – schlichtweg: Wissen – über die lokale Community hinaus zugänglich zu machen.

Die Arbeit von Gruppen, Initiativen vor Ort ist von großer Bedeutung, weil sie Menschen „leibhaftig“ zusammenbringt. Eine digitale Community kann dies nicht ersetzen. Aber es gibt genügend Themen, die den lokalen Rahmen überschreiten und von bundesweitem Interesse sind: Männergesundheit, Lebensberichte, politische Fragen … Debatten im Schwulen Museum vom Queerfeminismus bis zur Geschichte der Klappen – wie toll, wenn diese bundesweit übertragen würden oder in einer Mediathek zugänglich wären. Das klassische Modell, dass es irgendwo für einen kleinen Kreis eine Veranstaltung, eine Tagung, eine Diskussion gibt, und für die breite Öffentlichkeit drei Jahre später ein 200-seitiger Tagungsband übrigbleibt, ist vielleicht nicht überholt, aber vielleicht auch nicht mehr ganz zeitgemäß, insofern es die Impulse unmittelbaren Beteiligtseins einer größeren Zahl missachtet. Warum etwa machen Einrichtungen, Stiftungen, Initiativen, die mit öffentlichen Geldern gefördert werden, ihre Veranstaltungen nicht mit Hilfe des Internets, mit Live-Streams etc. zugänglich? Die Hirschfeld Stiftung etwa. Was sollen Diskussionsrunden im Verborgenen? Wer von der Öffentlichkeit Geld erhält, sollte den Nimbus elitärer Rechtschaffenheit ablegen, und sich verpflichtet fühlen, die größtmögliche Zahl an der geleisteten Arbeit teilhaben zu lassen: in digitaler „Echtzeit“. (Keine Kritik an bestehender Arbeit, sondern ein Vorschlag!)

Eine Initiative, die mithilfe digitaler Technik und Streaming Angebote von allgemeinem Interesse für Homo-, Bisexuelle, Transgender in Deutschland zugänglich macht, Möglichkeiten der Beteiligung einer größeren Zahl ermöglicht, ist nicht nur demokratisch. Sie wäre auch ein deutliches Zeichen gegen das Hinterzimmergemauschel, das neuerdings als „Interessensvertretung“ Einzug hält und fast ungebremst eine Blase schafft, die sich gern an die Röcke der geldgebenden Parteien anschmiegt, aber inzwischen jeden Bezug zum „gewöhnlichen Homosexuellen“ verloren hat.

Freilich: Viele Veranstaltungen sind der Idee des „Safer Space“ verpflichtet, also der Idee, einen Raum zu schaffen, in dem „wir“ einander offen und geschützt begegnen können. Eine digitale Community müsste diesen Erwägungen (generell der Sicherheit von Daten und Schutz der Identität, falls gewünscht) Rechnung tragen und – nochmals – nicht die lokale Begegnung ersetzen oder überflüssig machen.

Eine digitale Community könnte ein Versuch sein, die Kleinstaaterei hierzulande zu überwinden, besonders dann, wenn der Austausch keine Einbahnstraße ist. Eine digitale Community könnte die Leistungen kleinerer Städte, Gruppen sichtbarer machen – auch das Bewusstsein schärfen, dass es nicht damit getan sein kann, sich des Lebens in den Mega-Communities wie Köln oder Berlin zu erfreuen. Fragen wie die nach der Partizipation nicht nur, aber auch an Entscheidungsprozessen, an inhaltlichen Diskussionen könnten neu gestellt, neue Modelle erwogen werden. Die derzeit in der Gesellschaft allgemein beklagte „Verödung“ des ländlichen Raums, der kleinen Regionen und Städte lässt sich doch auch in der LGBTIQ-Community nachweisen. Wo aber die lokale Schwulenkneipe verschwunden ist, muss trotzdem eine Verbindung zur Community ermöglicht werden – über jene limitierte „Kommunikation“ hinaus, wie sie etwa kommerzielle Dating-Apps-Anbieter erlauben -, als Teilhabe an Leben und Themen, die uns alle betreffen.

Bislang jedenfalls, so scheint es mir, bleiben die Möglichkeiten, die moderne Kommunikationstechnologie bieten, für die Community weitgehend ungenützt. Klar, es fehlt an Akteuren und an finanziellen Ressourcen. Der Gedanke einer digitalen Community könnte aber vielleicht dennoch ein Weg sein, über die Art und Weise unseres Miteinanders in der Zukunft nachzudenken. / ©RH

 

6 Responses to “Wo bleibt die digitale Community?”


  1. 1 Geflügel mit Worten November 15, 2019 um 11:02 am

    Moin Rainer, sehr interessanter Gedanke! Ich persönlich wäre sehr froh, wenn es digitale Communities fern von Fleischmarkt und Großstadt-Szeneklüngel gäbe … Liebe Grüße!

  2. 3 Bernd Gaiser November 16, 2019 um 6:47 am

    Was für eine gue Idee. Die Frage ist, gibt es vertrauenswürdige, nicht vorurteilsbelastete Instutitionen, die dazu in der Lage wären, das zu organisieren. Beispielsweise die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, mit ihrem Archiv der anderen Erinnerung. Vorausgesetzt, dass dies ihrem mit öffentlichen Mitteln geförderten Stiftungsauftrag entspricht. Das Schwule Museum bietet sich zur Zeit nicht dafür an, dank umstrittener Ziele und nicht klar umrissenen Auftrags. Aber das im Entstehen begriffene Queere Kulturhaus E2H vielleicht? Oder ein Zusammenschluss von allen, die sich noch dafür anbieten würden?

    • 4 RH November 16, 2019 um 8:51 am

      Wichtig wäre der bundesweite Aspekt, also gerade weg von der Konzentration auf Berlin. Und natürlich wirklich Kommunikation, Teilhabe und Austausch Kern der Vernetzung sein – also nicht nur Archive, sondern auch und speziell direkte Übertragung von Vorträgen etc. (mit Chats etc.)

  3. 5 Ralf November 16, 2019 um 10:44 am

    Einer Deiner besten Beiträge. Meinen Glückwunsch. Um am Beispiel zu bleiben: Ich bin zwar öfter in München, aber wie der Teufel es will regelmäßig nicht dann, wenn interessante Veranstaltungen stattfinden, z.B. vom Forum Homosexualität oder der Regenbogenstiftung. Glück hatte ich nur mal bei einem sehr gut besuchten Super-Stadtrundgang zu Stätten schwuler Geschichte in der Isarvorstadt. Wer wie ich nah an der französischen Grenze wohnt und fern den Zentren schwulen Lebens wäre froh, manche Veranstaltung im Lifestream oder als Aufzeichnung verfolgen zu können.

    • 6 RH November 16, 2019 um 11:05 am

      Danke fürs Lob! In der Tat sehe ich, wie du es schreibst, die Chance darin, Leute „fern der Zentren“ zu beteiligen bzw. Impulse von dort in die Zentren zu bringen..


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