Am Morgen nach Halle

Der „Einzeltäter“ … wer, wenn nicht wir Homosexuellen, wüsste, dass Hass und Gewalt nicht einfach so entsteht, sondern auf eine jahrhundertelange „Tradition“ von homophoben Haltungen zurückgreifen kann und sich durch sie legitimiert glaubt. Der „Einzeltäter“ von Halle, dessen Versuch, eine Synagoge zu stürmen misslang, aber dennoch zum Tod zweier Menschen führte, steht in einer „Tradition“ des Antisemitismus und der Holocaust-Leugnung. Wer oder was bringt einen 27-Jährigen dazu, dass er meint, die Juden wären sein Problem, das er mit Gewalt lösen muss? Doch das Rätseln über den Täter ist nur eine Seite, vielleicht noch nicht einmal die wichtigste.

Es ist mmer leicht, anderen kluge Ratschläge zu geben, wenn die es sind, die im Zweifel eins drauf kriegen. Trotzdem: „Never going back“ heißt ein Slogan der queeren Geschichte – nie wieder zurück in den „Schrank“ des Verheimlichens, des Versteckens, sondern raus in die Öffentlichkeit, sichtbar sein. An diesem Morgen nach der Tat von Halle hoffe ich, dass jüdisches Leben mehr und deutlicher sichtbar wird in Deutschland. Denn bei aller Angst, neben der sachlichen Vermittlung von Geschichtswissen und der Aufklärung über Mechanismen des Stereotyps hilft nur das Miteinander im Alltag, die geschätzte und gepflegte Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens, der wohlwollende Blick aufeinander. Never going back!

1 Response to “Am Morgen nach Halle”


  1. 1 Ralf Oktober 10, 2019 um 6:03 pm

    Zwei Seiten der selben Medaille:

    Vor einigen Jahren ging ich in Frankfurt am CSD-Samstag an der Synagoge vorbei. Reichlich Polizei im Einsatz. Die Besucher des Sabbatgottesdienstes mochten sich sicher fühlen, aber wohl nicht gut.

    „Meine“ Stadt: München. Auf dem Jakobsplatz, wo sich Synagoge, Jüdisches Museum und Gemeindezentrum befinden, herrscht gewöhnlich Trubel. Besucher bevölkern das Museum und die Buchhandlung. Leute sitzen vor dem Gebäude im Straßencafe des Museums, Kinder spielen dort. Nirgends Polizei zu sehen. Man empfindet Normalität. Aber bin ich sicher, wenn ich dort eine Ausstellung besuche und in der Buchhandlung stöbere? Mich beschleicht jedes Mal ein ganz kleines seltsames Gefühl, das mir im Hinterkopf sagt, vielleicht wär es doch ganz gut, draußen ein Polizeiauto zu wissen.


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