„Armutssafari“ und die drei verbotenen A-Wörter der schwulen Welt

Wenn es ein Thema gibt, das bei Homosexuellen noch hinter Aids und Alter liegt, dann ist es das Thema Armut. Homosexualität in Deutschland, das ist die Homosexualität einer wohlhabenden, oberen Mittelschicht. Die heute gefeierte Gleichstellung verdankt sich einerseits liberalen Umbrüchen im Zuge der 68er, aber auch dem wirtschaftlichen Aufstieg des Landes in den siebziger wie, weitaus mehr, achtziger Jahren. Flexibel, mobil, anständig – das machte Homosexuelle, speziell Schwule, ideal für die Erfordernisse einer globalen Wirtschaft; Dinkies – Double Income, no Kids -, waren und sind ideal für eine auf permanenter Konsumsteigerung basierenden Wirtschafts-form. Was als Kritik an der Gesellschaft begann, ist inzwischen zu ihrer größten Affirmation geworden.

Geradezu idealtypisch ist das Reise-Blog „Couple of Men“. Es zelebriert die Rechte von LGBT in perfektem Einklang mit weltumgreifendem Wohlstandshabitus. Mitunter fällt in dem ausnehmend schönen, selbstbewussten, auch ernsthaft Lust auf Reisen machenden Blog auch mal ein kritisches Wort, aber letztlich ist die Botschaft, dass es sich überall als Schwuler aushalten lässt, wenn man nur das richtige 5-Sterne-Hotel hat.

„Armutssafari“ ist ein Buch des heterosexuellen Schotten Darren McGarvey. „Schwul“ kommt darin im Zusammenhang mit den Ritualen männlicher Jugendlicher vor, die andere verletzen, um nicht die eigene Verletzlichkeit preisgeben zu müssen. Im weiteren Sinne geht es um Homosexualität nur noch im Kapitel über Identität. „Armutssafari“ ist über weite Strecken biografische Aufarbeitung des Autors, der in einem verarmten Stadtteil von Glasgow aufgewachsen ist. Geldnot, Drogensucht, Gewalt prägen die Welt des späteren Rappers. Gepaart wird der recht drastische Einblick in die sogenannte Unterschicht mit Kritik an der politischen Linken wie der Armutsindustrie und den abgehängten Menschen selbst. Einerseits würden, so McGarvey, diese Menschen von einer sich abgrenzenden Schicht „Wohlhabender“ von oben herab betreut und bevormundet, andererseits orientierten sie sich – vielleicht nachvollziehbarer, aber fälschlicherweise – an rechten, populistischen Heilsbringern anstatt sich selbst zu organisieren und Wege aus der Misere zu finden: Es ist eben nicht immer ein übermächtiger Gegner, der einen in der Armut hält. McGarvey bringt es so auf den Punkt: „Die Leute bekommen die Drogen, die sie töten, oft von Freunden, die sie lieben.“

Über weite Strecken ist „Armutssafari“ ein Buch über toxische Männlichkeit in toxischen Verhältnissen. Es ist Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ nicht unähnlich, weitaus direkter, weitaus klarer ohne allzu bemühte soziologische Formulierungen. Es ist weitaus fragmentarischer, was die Brüchigkeit alles Geschriebenen nur deutlicher werden lässt. Und mitunter von bestechender Klarheit: „Das Einzige, was schlimmer ist als ein ungerechtes Wirtschaftssystem, ist dessen Zusammenbruch.“ Die (wenigen) Forderungen, die McGarvey am Ende stellt, laufen auf eine Stärkung eigenverantwortlichen Handelns hinaus. Es gelte, „das verbrauchte menschliche Potential in unseren ärmsten Gemeinden wiederaufzubauen“. In Ermangelung einer baldigen Revolte, schreibt er, müsse die Linke sich nicht nur der Frage, wie man das System radikal umbaue, stellen, sondern auch: „Wie gestalten wir selbst uns radikal um?“

„Armutssafari“ ist ein beeindruckendes Buch. In McGarveys Heimat ein Bestseller, drängt es sich geradezu auf, nach der Situation in Deutschland zu fragen. Wahrscheinlich vergebens, da in Deutschland noch jede Studie zur Armut mit dem Verweis, es handele sich ja nur um eine relative Armut, plattgemacht wird. So wie man vergebens in der schwulen Welt nach Armut suchen wird: Es gibt sie nicht. Im medialen Kaleidoskop von bunten Reise-Blogs, der Jagd nach dem neuen Regenbogen-Modell der Nike-Kollektion, der Vorbereitung von Hochzeiten und den derzeit engagiert-angesagten „queertheoretischen“ Debatten ist kein Platz für die drei A-Wörter Armut, Alter, Aids. Wahrscheinlich liegt es daran, dass letztlich doch – und ja auch nicht unverständlicherweise – die Sexualität überwiegt. Und da ist A bereits für Arsch reserviert. / ©RH

Buchinfo: Darren McGarvey: Armutssafari. Von der Wut der abgehängten Unterschicht. Aus dem Englischen von Klaus Berr, 314 Seiten, Luchterhand Verlag, München 2019, 15 €.


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