Nichts, worüber man sich aufregen müsste

Wir wollen die gute Nachricht nicht verschweigen, sie ist bei queer.de zu finden: 86% der Berliner halten Homosexualität für „etwas völlig Normales“. So „normal“ wie die Gewalt gegen Homosexuelle und gegen Trans*Menschen, die dann wohl irgendwie aus dem Pool der übrigen 14% kommen muss. Und das in steigender Zahl, wie es scheint:

18.08.: Junger Schwuler in Berlin beschimpft und getreten
19.08.: Berlin: Zwei Leichtverletzte nach homophobem Übergriff
19.08.: Berliner Mahnmal für homosexuelle NS-Opfer erneut beschmiert
20.08.: Wieder Vandalismus am Magnus-Hirschfeld-Ufer
28.08.: Zwei homophobe Übergriffe in Berlin
06.09.: Berliner Polizei meldet Beleidigung mit homophobem Hintergrund
07.09.: Berlin: Trans-Frau in der U-Bahn homophob beleidigt
08.09.: Kreuzberg: Schwulem mit Faust und Flasche auf den Kopf geschlagen
09.09.: Wieder Schmierereien auf Mahnmal für homosexuelle Opfer der Nazis

(Quelle: queer.de, die dortigen Berichte basieren in der Regel auf Meldungen der Berliner Polizei)

Ich weiß, ich müsste an dieser Stelle schreiben, dass mich all die Polizeimeldungen wütend machen. Aber wozu? Warum sollte ich mich aufregen, solange die Gewalt andere trifft? Warum sollte ich mich aufregen, wenn doch auch die selbsternannten und die von der Politik gecasteten Vertreter von LGBTIQ ruhig bleiben? Wozu aufregen, wenn die, die sich im Hinterzimmer wunderbare und in der Tat wichtige Programme gegen Homophobie ausdenken, keinerlei Skrupel haben, mit einem Botschafter zu posieren, der seinerseits zur steigenden Zahl von Morden an Trans*Menschen in seinem Heimatland schweigt? Wozu aufregen, dass nur in Berlin Übergriffe auf Homosexuelle auch als solche statistisch erfasst werden, wenn sie doch in anderen Städten und Bundesländern aus voller Absicht heraus verheimlicht werden?

Das Schweigen der Community-Vertreter wie der Community selbst zur steigenden Gewalt spricht Bände. Das ist umso unheimlicher, da diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit längst kein isoliertes Phänomen mehr ist. Juden werden derzeit nachhaltig wieder von den Straßen Berlins geprügelt – und auch das interessiert, außer der Jüdischen Gemeinde, herzlich wenige.

Berlin ist eine Touristenstadt, ganze Szeneviertel und homosexuelle Infrastruktur, wie etwa in Schöneberg, würden nicht mehr existieren, wenn nicht massenweise Touristen die Kneipen und Geschäfte füllten. Gewalt gegen Homosexuelle ist da schlecht fürs Image. Weswegen man lieber nicht darüber spricht und noch weniger dagegen tut. Stattdessen hofft man, mit Wohlfühlwerbung die konkrete physische Gewalt, die Kriminalität, weglächeln zu können. (Und wenn es irgendwelche Maßnahmen geben sollte, dann am grünen Tisch im Hinterzimmer und unter Ausschaltung der eigentlichen Bevölkerung, die man mit klugen Ideen zur Gewaltvermeidung nicht behelligen will.)

Berlins Community ist selbstbewusst, glücklicherweise. So selbstbewusst, dass man und frau und dazwischen sich queertheoretisch und queerfeministisch attackieren kann. Die Gewalt auf den Straßen passt da leider nicht ins eitle wohlfeile Selbstbild. Gerade die akademisch aufgeladene Debattenkultur zeigt, wie sich die Prioritäten verschoben haben: weg von konkreten Maßnahmen zur Sicherheit auf Straßen und Plätzen hin zu symbolischen Gefechten, die unter völliger Verkennung der Realität für sich beanspruchen, an der vermeintlichen Wurzel des Übels anzusetzen.

Es ist auch unheimlich, wenn man bedenkt, mit welchem Furor über einen homophoben Halbsatz eines wenig witzigen Witzemachers hergezogen wird, wie zu dessen medialer Inquisition aufgerufen wird. Nicht, dass Menschen nicht auf Konsequenzen ihrer Äußerungen hingewiesen werden müssten. Es ist wichtig, dass sich Homophobes nicht als Alltagssprech festsetzt. Es ist auch wichtig, dass man den Verbrechern auf den Straßen keine „mediale Legitimation“ gibt, sich in irgendeiner Weise über andere zu erheben und sie zu attackieren, sei es aus männlichem Überlegenheitsgefühl, sei es aus rassistischen, antisemitischen, sexistischen Motiven. Doch steht diese mediale Kritik an Promis, die besser nicht so prominent wären, in gar keinem Verhältnis zum hilflos duldenden Schweigen, wenn jemand konkret die Fresse poliert bekommt. Und so gut es ist, dass wenigstens in Berlin homophobe Straftaten als solche registriert werden: Die Veröffentlichung einer Polizeimeldung scheint leider inzwischen als Nachweis von Handeln betrachtet zu werden. Kritiker werden übrigens mit Verweisen auf statistische Eigenheiten mundtot gemacht: Es gibt möglicherweise gar nicht mehr Gewalt gegen Homosexuelle, es gibt nur mehr Homosexuelle, die Übergriffe bei der Polizei melden. Also alles wie gehabt, alles völlig normal. Wozu sich noch aufregen? / ©RH

2 Responses to “Nichts, worüber man sich aufregen müsste”


  1. 1 Bernd Gaiser September 10, 2019 um 10:58 am

    Danke für diesen kompromisslos schonungslosen, aber unverzichtbaren Blick!

  2. 2 Ralf September 12, 2019 um 2:34 pm

    Ich hab früher genervt den Kopf geschüttelt, wenn jüdische Funktionäre jede antisemitische Entgleisung und Handgreiflichkeit laut angeprangert haben. Nein. Das war falsch. Sie hatten recht und waren die Stimme eines Rufers in der Wüste. Erst langsam und erst in jüngster Zeit kommt die Öffentlichkeit in Gänge, um solche Taten zu verurteilen – und sich ratlos zu zeigen. Was Schwule und Lesben angeht (und auch Trans- und Intermenschen) raffen sich nicht mal diejenigen zu lauten Rufen auf, die so gerne vorgeben, uns zu vertreten – oder werden sie von den Medien nur konsequent nicht transportiert, so wie die Taten selbst? Erst gestern Abend hat sich das ZDF endlich aufgerafft, in der Hauptnachrichtensendung die Spielabbrüche in Frankreich wegen homofeindlicher Aktionen in den Stadien zu thematisieren. Und -ausgerechnet!- der französichsprachige Kanal des russischen Propagandasenders RT tat es auch, und nicht mal homofeindlich. Sonst zum Thema: Schweigen im Walde oder irgendwo versteckt eine kurze Notiz. Gäbe es Queer.de nicht, bliebe alles unter der Decke.


Comments are currently closed.



Neuer Podcast

Community Termine

Der Samstag anderswo

Kreuz-und-queer-Blog

Archiv

Der Samstag empfiehlt