Älterwerden – Im Nirwana des 50+

50+ ist ein Label, mit dem neuerdings eine Zäsur im Leben auch von queeren Menschen, von Schwulen, Transgender, Lesben, markiert wird. 50+ reagiert auf den eigentlich nicht wirklich überraschenden Umstand, dass Menschen älter werden. Dass Älterwerden zum Thema wird, liegt einerseits daran, dass sich unser System der staatlichen Fürsorge auf den demografischen Wandel, den wachsenden Anteil von älteren/alten Menschen an der Bevölkerung, einstellen muss. Zum anderen ist es im Interesse einer Konsum-Industrie auf diese Veränderungen zu reagieren und ihre Angebote gezielt für diese „neue“ Verbrauchergruppe vermarkten zu können. Wenn Älterwerden zum Thema wird, dann auch, weil ein an sich natürlicher biologischer Vorgang in immer schärfere Konkurrenz zum gesellschaftlichen Ideal des allzeit jugendlichen, mobilen, flexiblen Körpers tritt, der sich bereitwillig selbst optimiert, um den Anforderungen von Markt und Gesellschaft zu genügen.

Ich selbst bin – ganz ohne Zutun – mittlerweile auch auf der Seite hinter dem 50er-Schnitt gelandet. Was zunächst eher unspektakulär erschien, beschäftigt mich zunehmend mehr. Durchaus auch in einem positiven Sinn. Ohne die spezielle (doppelte) Adressierung „für queere Menschen 50+“ hätte ich den Weg in einen Yoga-Kurs und in den queeren Sportverein nicht gefunden. (zum Nachlesen: „Yoga … und noch ein Coming-out“)

Wen meint 50+?

Wie bei allen Kategorisierungen kann allerdings auch beim Label 50+ gefragt werden, inwieweit diese Setzung sinnvoll ist, ob sie tatsächlich Realitäten abbildet oder sie eher schafft. Ich behaupte mal, dass 50+ eine wichtige Kategorisierung ist. Allerdings verbleibt sie sehr unscharf. Welche Zeitspanne meint denn das Plus-Zeichen genau? Wenn man aktuellere Beiträge zum Altern in der schwul-lesbischen Welt betrachtet (es sind nicht sehr viele), so wird sehr oft 50+ gesagt, aber 65+ gemeint. Alter resp. Älterwerden, das ist, zumal im Jahr 50 (sic) nach Stonewall, der Veteran, der jetzt einsam lebt, oder der Homo, der sich in der Pflege-WG zurechtfinden muss.

Dies passt zu dem Phänomen, dass die Community (und im Folgenden habe ich durchaus zunächst die schwule im Sinn, weil sie mir vertrauter scheint) keine Bilder und/oder Räume für das Älterwerden kennt. Es ist doch so: Das Gros der schwulen Männer verabschiedet sich mit spätestens 45 von der Szene, zieht sich zurück oder wird nicht mehr wahrgenommen, und rückt erst wieder mit 65 Jahren in den Blick – als „Problemfall“ im Zusammenhang mit Rente und Krankheit.

50+ markiert dann auch einen Gap, eine Lücke, die sich auftut, um den älterwerdenden Mann darin verschwinden zu lassen. 50+ kann also mit seiner Unschärfe zehn, fünfzehn wichtige Jahre verschleiern; jene Jahre des Übergangs, in denen man eben noch nicht Rentner ist, in denen man noch sehr aktiv im Erwerbsleben steht, aber trotzdem die ersten Veränderungen zu spüren beginnt; jene Zeitspanne zwischen „Raus aus der Szene“ und „Noch nicht drin im schwulen Heim für Rentner“.

Rückzug – freiwillig oder erzwungen?

In dieser Phase verliert, wage ich zu behaupten, der älterwerdende Mann in der Szene seine Attraktion als Sexobjekt und zumeist verliert auch die Szene an Attraktion für ihn. Der Partner, der Freundeskreis, verlässlichere Strukturen werden wichtiger als noch ein Wochenende in der Kneipe und die Rechnung mit dem Unbekannten. Die gute Figur ist einem nicht länger einfach gegeben, sondern erfordert zunehmend mehr Aufwand oder die Fähigkeit hinzunehmen oder wegzuschauen. Erstmals erreichen einen Gedanken, dass das Leben möglicherweise doch endlich sein könnte. Das weiß man auch mit 20, aber es scheint sich um ein Wissen zu handeln, dass seine Bedeutung und Brisanz erst im Zusammenspiel mit spürbarem körperlichen Alter entfaltet.

Diese Ahnung der eigenen Endlichkeit fällt zusammen mit dem Bedeutungsverlust von und in der Szene. Hier nehme ich den Umstand, dass über diese Art der „Kränkung“ ziemlich wenig zu lesen ist, als Indiz, dass es sich um ein wirklich ernstes Thema handelt. Es ist der Moment, wo das hehre männliche Selbstbild vom attraktiven, erfolgreichen und begehrten Einzelkämpfer zu bröckeln beginnt. Ein Moment, den manche Männer noch bis ins hohe Alter nicht wahrhaben wollen oder erbarmungslos (erbarmungslos gegen sich selbst) abwehren. Ein Moment, wo sich die unhinterfragt vorherrschende Orientierung an einem Ideal des straffen, makellosen, fitnessgestählten Körpers gegen einen selbst zu wenden beginnt. Sowohl als Erfahrung am eigenen Körper als auch in der Gemeinschaft, die einen nun mit Desinteresse für die Unverschämtheit, älter zu werden, erst abstraft und später aktiv auszuschließen beginnt.

Es gibt allerdings auch so etwas wie den freiwilligen Selbstausschluss – weil man denkt, die anderen würden einen jetzt für zu alt, zu unattraktiv halten, bleibt man von sich aus weg. Möglicherweise stimmt das gar nicht. Das Wegbleiben lässt sich darum auch als „präventive Maßnahme“ verstehen, sich (vermutete) Enttäuschungen zu ersparen.

Sichtbarkeit

Für die Community ist das Verschwinden von Männern 50+ fatal. Sie lässt genau jene Gruppe aus dem Blick geraten, die gemeinsam noch sehr vieles angehen und regeln könnte, bevor es mit 65 als individuelles Problem auftaucht. (Dazu: „Älterwerden – ein Projekt für die Community“) 50+ ist eben nicht 65+. Es spricht vieles dafür, der Zeit zwischen den beiden Polen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. (Dafür spricht selbstverständlich auch mein Eigeninteresse!) Es ist eine wichtige Phase der Veränderung im Leben von Männern wie Frauen allgemein, von Homosexuellen im Besonderen. Eine Aufforderung, die derzeit für viele Gruppen (die bestimmte „Merkmale“ oder „Lebensphasen“ teilen) gilt, ist sicher auch für die umrissene Phase 50+ zentral: Sichtbar bleiben! Sich gerade nicht aus der Szene verabschieden, sich gerade nicht in einer alleinigen Sicherheit der Paarbeziehung einrichten, nicht in ein Schweigen zu verfallen, um das Bild des stoischen Einzelkämpfers aufrechtzuerhalten, sich des Wandels bewusst sein und ihn möglichst mit anderen Männern thematisieren und angehen. Sich nicht tabuisieren oder ignorieren lassen, nur weil sich erste Unsicherheiten einstellen. Älterwerden ist kein individueller Makel. Es ist ein Makel der Gesellschaft und somit auch der schwulen/queeren Welt, wenn sie das Älterwerden verdrängt und nicht als selbstverständlichen Teil des Lebens bejaht und begleitet.

Kann gut sein, dass sich im Laufe dieser besonderen Lebensphase herausstellt, dass, anders als es der Song von Kylie Minogue propagiert, unsere Disco uns Männer 50+ nicht wirklich länger braucht (und wir sie nicht): Unsere Community braucht uns aber auf alle Fälle. / ©RH

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