Bloß nichts wegnehmen lassen!? Die Angst der Schwulen vor dem Queeren

eine erste Annäherung mit vielen Fragen …

Eine Angst geht um unter den Schwulen der Republik. Die Angst, die Leistungen der Schwulenbewegung würden nicht mehr gewürdigt, ja sogar verleugnet; die Angst, von Queerfeministinnen diskriminiert und gezielt aus bestimmten Institutionen, wie etwa dem (noch) Schwulen Museum, ausgeschlossen zu werden. Queer ist das neue schwul, aber weitaus schlimmer: Schwule Männer müssten sich von Queers als „schwul“ im Sinne von altmodisch, reaktionär, rassistisch beleidigen lassen. Mit Kampfbegriffen wie „toxische Männlichkeit“ und „alte weiße Männer“ werde Hetze gegen die einst selbstbewusste schwule Identität, gegen ein gutes männliches Körpergefühl betrieben.

Ich weiß nicht, ob es ein mit Mitteln der Inquisition geführter Eliten-Zoff im Elfenbeinturm ist, der durch Verbreitung von Schlag(!)worten und auf verkürzte und evtl. verfälschende Weise in den allgemeinen Diskurs bzw. das alltägliche Leben durchsickert. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das alles ein besonders aggressives Geblubber in der Berliner Blase ist oder auch bundesweit als „Kulturkampf“ zwischen schwul und queer „empfunden“ wird. Ich weiß noch nicht einmal, ob das alles in seinen Grundzügen wirklich neu ist. Wenn jetzt die Rede davon ist, Lesben hätten das Monatsmagazin Siegessäule gekapert und queer gemacht, kommt mir in den Sinn, dass schon in den neunziger Jahren beklagt wurde, die Siegessäule würde immer lesbischer. Altersfeindlichkeit ist der Community schon seit Jahrzehnten eingeschrieben – und seit Jahrzehnten ist das nicht unbedingt böse Absicht der (noch) queeren Jungen, sondern ein Beharren „der“ homosexuellen Alten auf ihren eigenen Jugendkult. Ja, Körperkult, Selbstoptimierung sind Momente, die auch (nicht nur) der Abgrenzung von anderen dienen. Man sollte allerdings die sich dahinter verbergende hochgradig neurotische Unsicherheit – bei sich selbst und bei anderen – nicht übersehen.

Wenn die Berliner Schwulenberatung die Mitbewerberin Rat und Tat um ein weiteres Mehrgenerationenhaus mit äußerst aggressiven Mitteln aus dem Rennen wirft, dann ist das ein Skandal. Ist er auch zugleich Beweis für eine Feindlichkeit „der“ Schwulen gegenüber „den“ Lesben? Ist er Beweis dafür, dass „die“ Schwulen an den Macht- und Geldtöpfen sitzen und sich weigern, von ihren Privilegien abzugeben? Hat der Leiter der Schwulenberatung im Namen aller Schwulen gehandelt? Und wenn im (noch) Schwulen Museum ein Jahr der Frau_en ausgerufen wurde, dessen Eröffnungsrede auf ein „Neumondritual, in dem drei Künstlerinnen* in allen Räumen des Museums die neuen Energien willkommen hießen“, folgte? Weibliche Esoterik, queerfeministischer Totalangriff? Was, wenn es heißt, eine Wandkarte im Schwulen Museum, auf der Länder und dortige Situation von LGBTQ markiert waren, sei als rassistisch entfernt worden, weil es angeblich jemand als diskriminierend empfand, ihr/sein Herkunftsland so „gebrandmarkt“ zu sehen?

Auch um die jüngste Ausstellung im (noch) Schwulen Museum gibt es Ärger, weil „Love at First Fight – Queere Bewegungen in Deutschland nach Stonewall“ die traditionelle Erzählung der Schwulenbewegung zugunsten anderer Facetten ausblendet. (Mein Bericht zur Ausstellung im „kreuz & queer“-Blog auf evangelisch.de) Zugleich zeigt das Museum eine Ausstellung zu Amerikas „ikonisch schwulem Paar der Kulturszene“, zu Christopher Isherwood und Don Bachardy, und ein Kunstprojekt von Karol Radziszewski, das queere Archive und queere Erinnerungskultur, mit besonderem Fokus auf Mittel- und Osteuropa, erforscht. Ist die Abwesenheit von Rosa von Praunheim, von Village People und Zarah Leander temporär oder für immer? Und interessiert es irgendwen in Deutschland, was im (noch) Schwulen Museum gezeigt wird?

Sind interne Auseinandersetzungen jedes Mal Schicksalsfragen, an denen sich „unsere“ Zukunft ein für alle Mal entscheidet?

Angst vor Veränderung?

Zeiten, Haltungen, auch der Wissensstand um Geschichte, politische Situationen etc. ändern sich. Das ist nichts, wovor Schwule per se ängstlich sein müssten. Wer auf das bisher Erreichte und die führende Rolle der Schwulenbewegung pocht, sollte zweierlei tun: 1. Entspannt abwarten, ob der aggressive „Queerfeminismus“, das Queere das hehre Versprechen von Allianzen und Bündnissen einlösen kann. Es wäre naiv zu glauben, allein mit dem Wort „queer“ seien innere Widersprüchlichkeiten ad acta gelegt. 2. Sich fragen, was denn für eine Struktur bislang geschaffen wurde: eine, die offen und flexibel ist, andere und anderes zuzulassen, zu Wort und zu Sichtbarkeit kommen zu lassen, oder eine, die doch letztlich nur auf den Status Quo beharrt, im Wohlgefühl, dadurch jeglicher Reflexion enthoben zu sein?

Nachlassende Gemeinschaft im Angesicht globaler Bedrohung?

Die gefühlte Zersplitterung einer als einheitlich gedachten Bewegung wie der Community (sowohl vor Ort als auch international) kann als Schwächung verstanden werden. Und dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da eine Vielzahl guter Nachrichten (Entkriminalisierung, Gleichstellung nicht nur bei der Ehe) durch eine sich radikalisierende, völkische nationale Agenda konterkariert wird. Ursprünglich möglicherweise als Gegenentwurf zu den wirtschaftlich negativen Folgen der Globalisierung entworfen, wird sie mittlerweile mit dem Verweis auf „Tradition“ zu einer Politik gegen ein liberales Verständnis von Vielfalt und politischer Teilhabe.

Zugleich können Schwule auch ruhig Vertrauen in die „jungen Queers“ haben: Nach dem Anschlag auf das Pulse in Orlando mit 49 Toten kamen mehrere tausend Menschen allen Alters, allen individuellen Selbstverständnisses, aller sexuellen Orientierung vor dem Brandenburger Tor zusammen. Wieso meinen wir (und „wir“ ist jetzt wieder das mich einschließende Wir der schwulen, weißen, alten Männer), die uns folgende Generation könne und wolle sich nicht wehren, könne oder wolle nicht mit uns zusammen an einer freien Gesellschaft arbeiten?

Einer freien Gesellschaft, das sei zum Abschluss angemerkt, die neben dem politischen Kampf um Demokratie, um Teilhabe, um gleiche Rechte, um das Wohlergehen und die Sicherheit aller hier Lebenden, auch die unmittelbare Nachbarschaft im Blick haben sollte. Vielleicht kommt dies im zum Kulturkampf erklärten Clash von queer und schwul zu kurz: das tatsächliche Miteinander. Nicht die dauernde Rede von der Kanzel herab über irgendwelche Allianzen, denen in Realität nichts entspricht, sondern das konkrete Miteinander, das alltägliche Leben und die Erinnerung daran, dass, wer etwas aufgibt, auch viel gewinnen kann.

wird definitiv fortgesetzt …

3 Responses to “Bloß nichts wegnehmen lassen!? Die Angst der Schwulen vor dem Queeren”


  1. 1 Ralf Juli 27, 2019 um 1:17 pm

    Na ja, wenn wirklich jene Wandkarte entfernt wurde, weil es rassistisch sei, die Verletzung der Menschenrechte von Schwulen anzuprangern, dann liegt nicht nur was im Argen, sondern dann ist dieses Museum definitiv am Ende.


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