Das Jahr der Singles

Der / die / das Homosexuelle existiert mittlerweile nur noch als Ehepaar. Ist er/sie Single, dann bleibt auch die sexuelle Orientierung unsichtbar.

Das lässt sich aktuell am Nachruf auf Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben in der Tagesschau bzw. auf tagesschau.de nachvollziehen. Er war nicht verheiratet, also bleibt seine Homosexualität (mit der er selbst nach dem Outing durch Inge Meysel offen umging) unerwähnt. „Ich hatte noch nie eine feste Beziehung, nur lockere. Ich habe keinen getroffen, mit dem ich mein Leben verbringen wollte.“ Dieser Satz in einem Interview von 2006 – warum sollte er nicht in einem öffentlich-rechtlichen Nachruf auftauchen? Er lebte also allein – hatte aber, wie es scheint, durchaus Freundinnen und Freunde. Damit dürfte Wieben dem Gros der Schwulen entsprechen.

Der Kampf für die gleichgeschlechtliche Ehe hat – nach anfangs kontroverser Debatte über Sinn und Unsinn einer solchen Forderung – die Community jahrelang vereint. Mit dem Erfolg beginnt die Community zu erodieren. Nicht, weil Kräfte aufgebraucht sind, sondern weil die neue Ehe-Norm mit ihrer Vorrangstellung der trauten Zweisamkeit anderen jene Solidarität verweigert, die sie selbst für ihr Zustandekommen brauchte. (Nur nebenbei sei an jenen merkwürdigen Effekt erinnert, dass sich Paare fast ausschließlich mit anderen Paaren treffen und verabreden – Singles also in dem Moment, da man selbst „den rettenden Hafen“ erreicht hat, bewusst gemieden werden.)

Wer jetzt nicht heiratet, ist selber schuld. Sollen die Singles doch alleine zurechtkommen. Dabei müsste es eigentlich so sein: Nachdem die, die heiraten möchten, dies können, sollte sich die Community verstärkt (wieder) dem Aufbau von Strukturen zuwenden, die die Gemeinschaft, das Zusammenleben jenseits der Ehe stärken. Statt weiterhin das Single-Dasein als einsame Dürre-Periode bis zur nächsten Beziehung resp. Ehe zu sehen, sollte es als das gesehen werden, was es heutzutage ist: der Normalfall. (Und was tun wir Homosexuellen nicht alles, um normal zu sein!)

Wenn also die Paraden zu 50 Jahren Stonewall vorüber sind, sollte für 2020 das Jahr der Singles ausgerufen werden. Ein Jahr, in dem die „Leaders“ der Community mal darauf verzichten, uns per ständigem Instagram-Foto-Beschuss reinzudrücken, dass Community zwar hübsch ist, man aber erst und eigentlich nur in der Ehe richtig glücklich ist und sich ab jetzt die Community trollen kann. Ein Jahr, in dem wir allen, die heiraten, aufrichtig Glück wünschen, und der Mehrheit, die nicht heiratet, ebenso gratulieren und zeigen, dass man (frau auch) auch solo durchs Leben kommt. Ein Jahr, in dem Singles sich nicht permanent fürs Alleinsein / Alleinleben rechtfertigen müssen – weder sich selbst noch anderen gegenüber. Ein Jahr, in dem die Community sich entscheiden kann, ob sie weiterhin so viel Energie in die Aufrechterhaltung des Bildes vom Homo, der in der Ehe sein höchstes Glück sieht, investieren will.

In ihrer biederen Entsexualisierung ist die Ehe-Monstranz mitunter schmerzhaft. Das Ehe-Versprechen mag dem Wunsch nach Stabilität Rechnung tragen, doch es verleugnet die wunderbare sexuelle Anziehung, die jeder Form des gemeinschaftlichen Lebens, des Miteinanders eigen ist. Die Reduzierung auf Ehe verleugnet jene unbändige sexuelle Kraft, die sich dem Paradox von Verlangen nach dem anderen und der schmerzlichen Flüchtigkeit stellt: „Alle Lust will Ewigkeit.“

Das Jahr des Singles sollte den Blick, den Fokus auf die realen Gegebenheiten der Mehrheit lenken, sollte diese „Lebensform“ gleichberechtigt neben dem medialen Überschuss der Paarseligkeit behaupten. Damit bei künftigen Nachrufen auch gesagt werden darf: „Lebte nicht in einer Ehe und hatte trotzdem Spaß am Leben!“ / ©RH

2 Responses to “Das Jahr der Singles”


  1. 1 Ralf Juni 15, 2019 um 11:13 am

    Die romantisierende Überhöhung des Instituts Ehe ist mir fremd. Wir beide haben geheiratet, um alle Rechte, die damit verbunden sind, wahrnehmen zu können, was nun mal in einer formlosen Zweierbeziehung nicht geht. Von der Idee der Ehe als einziger erstrebenswerter Lebensform halten wir gar nichts. Außerdem sollte nicht vergessen werden: So einig auf die Eheöffnung fixiert war die Community nie, und verheiratete Schwule und Lesben sind weiter eine nicht sehr bedeutende Minderheit innerhalb der Minderheit. Wenn ich mal meinen persönlichen näheren Bekannten- oder Freundeskreis durchzähle, komme ich auf 42 schwule Männer, von denen sage und schreibe zwei verheiratet sind (mein Mann und ich) und zwei verpartnert waren und schon wieder geschieden sind. Die meisten sind Singles und ein paar leben in einer Zweierbeziehung, davon aber nur vier in der selben Wohnung. Die Ehe ist für unsereinen ein Angebot, das in der Regel nicht genutzt wird. Der Blick von außen, d.h. von den Heten, auf Schwule und Lesben, mag vielleicht ein anderer sein, weil natürlich zusammenlebende Paare auffallen, damit verhält es sich aber wie mit allen positiven oder negativen Vorstellungen, die Außenstehende sich über uns machen – mehr Phantasie als Wirklichkeit.

    • 2 RH Juni 15, 2019 um 11:21 am

      Ich mag den Schlussatz über die Vorstellungen, die Außenstehende — vielleicht auch wiir über uns selbst??? – sich über uns machen: mehr Phantasie als Wirklichkeit. Ich hab da gar nichts gegen, blöd ist es halt, wenn es auf uns zurückfällt.


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