Yoga … und noch ein Coming-out

Diese Woche habe ich die Mitgliedschaft in einem einst schwulen, jetzt queeren Sportverein beantragt. Ein winzig kleiner, leicht zu übersehender Schritt für die Community, ein großer für mich. Nach einer langen Zeit des Rückzugs habe ich mich getraut, etwas auszuprobieren, es gut zu finden und den kühnen Plan zu entwickeln, dabei zu bleiben: Yoga. Noch spezieller: Yoga für queere Ältere, d.h. Menschen 50+.

50+ … Lange Zeit dachte ich, ich stehe über so einer albernen Jahresgrenzzahl.

Es war aber mehr Verdrängung denn wirkliche Gelassenheit. Nun ist die 5 so eine Markierung, die einen in der Szene zum Teil unsichtbar werden lässt, zum anderen lenkt sie den Blick schon zur 6 hin und zur Frage: „Was machst du aus den Jahren, bis auch du endgültig aus schwulen Kneipen rausgeschmissen und in angesagte queere Genderparties gar nicht mehr reingelassen wirst?“ Den gnädigen Veteranenstatus gibt es frühestens – wenn überhaupt – mit der 7 als erste Zahl des Alters.

Bis noch vor Kurzem hätte ich behauptet, es sei nur meine Faulheit und Verkopftheit, die mich davon abhält, Sport, noch dazu in einer Gruppe, noch dazu in einer queeren/schwulen Gruppe treiben zu wollen. Tatsächlich war es Scham und eine gehörige Portion Ängstlichkeit. Je mehr die Sehnsucht nach (mehr) sportlicher Lebendigkeit in meinem Leben wuchs, wuchsen auch diese hemmenden Momente.

Ein Teil der Gefühle hat „Der Postillon“ mit der Meldung über die Frau, die joggen geht, um fit fürs Fitnessstudio zu sein, perfekt eingefangen:

„Da müssen noch mindestens drei, vier Kilo runter, bevor ich mich da blicken lassen kann“, erklärt die Studentin, während sie sich den Schweiß von der Stirn wischt. „Sonst denkt am Ende noch irgendwer, ich würde ins Fitnessstudio gehen, weil ich es nötig habe.“

Könnte man lachen drüber … Exakt deshalb wollte ich nicht in eine Sportgruppe, nicht ins Fitnessstudio! Und dazu kam das Alter. „Studentin“ und „50+“ ist ein Unterschied, und Letzteres eine zusätzliche Schippe Komplex obendrauf.

Ich glaube, halbwegs ehrlich sagen zu können – zumal als Bären-Liebhaber -, dass mir der Körperumfang, Körperbau bei anderen nicht wirklich auffällt. Was das Alter angeht, fand ich zu Zeiten meines Coming-outs und dann als Lederkerl ältere Männer stets weit attraktiver als Gleichaltrige. Zumal, das mag jetzt eine glückliche Fügung gewesen sein, in Fetischfantasien mitunter die Reife erfahrener, älterer Männer nicht zu unterschätzen ist.

Nun also habe ich selbst die ominöse 50+Hürde ohne Zutun gerissen und muss entdecken, dass mein eigenes Aussehen und Alter mit einer eigenartigen Scham besetzt sind.  Und da ich dieses Gefühl (im Gegensatz zu einigen anderen Macken) definitiv nicht von meiner Familie und eher in geringer Dosis von der Schule mitbekommen habe, neige ich momentan zur Vermutung, dass ich dieses Gefühl in / mit und durch die Community entwickelt habe. Versuche ich die Eigenverantwortung dadurch abzuschieben?

Aussehen und/oder Alter haben – nebst materiellem/sozialen Status – etwas mit Begehren, mehr noch mit dem Wunsch, begehrt zu werden, zu tun. In meinen Leder-Zeiten wollte ich attraktiv sein. Die zweite Haut, die man sich zulegt, ist ein Fetisch, von dem man sich magische Wunder erhofft. Nun ist die zweite Haut weg: Schon das machte mich etwas (in einem magischen Sinne) schutzlos, und ich mied die Lederkneipen, ohne mir wirklich neue Orte der Begegnung und des Begehrens zu erschließen.

Und damit, wie mit dem zunehmendem Bauchansatz, begann die Scham, damit begann der Rückzug. Ich konnte aber noch lange über Body-Shaming, über Ausgrenzungsmechanismen, über Selbstoptimierung schreiben, ohne dabei nachzudenken, ob das mich im Kern nicht selbst betrifft.

Nun also der Eintritt in die 50+Phase mit einem weiteren Coming-out … (Mit dem ersten Coming-out als Homosexueller ist die Sache noch lange nicht erledigt. Ich verstehe sehr gut, was die Jüngeren an dem Queeren, dem Fluiden schätzen – sie hoffen, dadurch allzu starren Festlegungen auf das eine oder andere zu entgehen.) …, dem Coming-out durch die Teilnahme an der Yoga-Gruppe für queere Ältere.

Wie mein erstes Coming-out hat mir auch dieses gut getan. Ich bin sehr froh, dass es dieses Angebot des Sportvereins gibt. Ich bin froh, dass ich nicht die schambesetzte Hürde überwinden musste, in eine Gruppe voller Dreißigjähriger zu gehen.* Und ich bin sehr froh, gemeinsam mit anderen Schwulen, Lesben, queeren Leuten den Tanzenden Krieger zu geben – ohne Druck, mich vergleichen zu müssen, ohne Angst vor Versagen und ohne das Gefühl des Nichtgenügens. Sicher tut die Form, das Yoga, einiges dazu: zuerst ist Yoga nämlich eine spirituelle Praxis, wenngleich hierzulande die Wahrnehmung als Sport (und zunehmend fordernder Sport) die Überhand gewinnt.

Vor einigen Jahren hatte ich schon einmal mit dem Gedanken, dem Sportverein beizutreten, gespielt. Da schwamm ich noch locker meinen Kilometer im Schwimmbad, und interessierte mich für die Schwimmgruppe. Allein deren Selbstbeschreibung schreckte mich augenblicklich ab. Mir schien klar, dass ich bei dieser Gruppe noch nicht einmal ins Wasser käme, ohne mit den Zeitvorgaben der Olympia-Norm konfrontiert zu werden. Nö, danke. (Ich habe es nie getestet, wie die Schwimmgruppe wirklich war bzw. heute ist! Vielleicht war und ist es eine entspannte Truppe voller 50+Athleten!)

Als ich nun – nach fast zwei Jahren ohne eine Form von Sport, also weder Schwimmen, noch Radfahren o.ä. – vom Angebot eines (kostenlosen) Schnupperworkshops „Yoga für queere Ältere“ las, da fand ich keinen Zwang zum Leistungszwang zwischen den Zeilen. Es waren stattdessen die erwähnten Selbstzweifel und Ängstlichkeiten, ob jemand wie ich das überhaupt machen können wollen sollen dürfte. Ich habe die Vorbehalte und die eigenen hemmenden Bilder im Kopf überwunden – so wie das erste Coming-out einer Überwindung bedurfte und bei allen Homo-, Bisexuellen, Transgender immer noch bedarf, selbst wenn es heutzutage für die nächste Generation hoffentlich viel leichter ist, den Schritt zu gehen.

Ich habe es zu lange versäumt, mich der eigenen Körperscham zu stellen. Ich habe zugelassen, dass die mediale und normative Übermacht des jungen, gutgebauten, schönen Körpers anderer mich derart gelähmt hat, dass ich nicht einmal im Ansatz daran dachte, ich könnte selbst wieder Spaß an Sport finden, Spaß an Sport mit anderen Homosexuellen, Spaß an Sport in einer queeren Gruppe.**

Vielleicht habe ich zu lange nicht bemerkt, dass dies eine Form des „Safe Space“, des geschützten Raumes ist, die mir helfen kann, lang Verschüttetes wiederzugewinnen: mich und die Community.

©RH

Zwei Anmerkungen:
* Es gibt im Sportverein auch eine Yoga-Gruppe für alle. Und man kann an dieser wie auch an der für Ältere teilnehmen, hin- und herwechseln, ganz wie man mag und wonach einem ist.
** und sollte es nicht so laufen, wie aktuell gedacht/gehofft, dann wird hier ein schöner Text stehen, warum Yoga mit Homosexuellen doof ist!

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