Essen als Bedrohung – In „Ich habe es satt“ thematisiert Nils Binnberg Körperscham und krankhaften Kontrollzwang

„Da traf mich sein Blick. Vielmehr traf sein Blick meinen Bauch. Prüfend.“ Der Blick des Freundes und die Waage sind die Auslöser, die Autor Nils Binnberg bewegen, eine Diät zu beginnen. So weit, so trivial, so nahezu jedem vertraut. Nur dass sich bei Nils Binnberg die Suche nach dem perfekten Weg zum Abnehmen zur Sucht nach gesundem Essen wird. Selbst ein Name hat sich für die daraus resultierende Essstörung schon gefunden: „Orthorexie“. Nils Binnberg wird zum „Kontrollfreak, zerrissen zwischen Zwang und Scham“, getrieben von einem „obsessiven Wunsch nach Schlankheit und Körperkontrolle“. Zuletzt isst er nur noch fünf Lebensmittel: Räucherlachs, Avocado, Fleisch, Salat und ein paar Nüsse.

Das Buch Ich habe es satt. Wie uns Ernährungsgurus krank machen ist eine biografische Erkundung der Essens-Paranoia des Autors und zugleich eine Abrechnung mit den Mythen und Tricks von Low Carb bis Paleo-Diät und den zusammengeschusterten Heilsversprechungen von Bas Kast bis Eckart von Hirschhausen. Es wird deutlich, wie Essen zu einer Art Ersatz-Religion geworden ist, zu einem Mittel der Identitäts- und Sinnstiftung, zu einem moralischen wie gesellschaftlichen Distinktionsmerkmal. Längst ist nicht mehr nur wichtig, was man isst, sondern vor allem, was man nicht isst. Essen wird in „gut“ und „böse“ kategorisiert, und der Einzelne soll seine Tugendhaftigkeit beweisen, indem er sich an die herrschenden Regeln der korrekten Nahrungsaufnahme hält. Fast überflüssig zu erwähnen, dass eine ganze Industrie daran verdient, von „Superfood“ über „Ohne-[Zucker/Fett/Gluten etc]-Produkte“ bis „Clean Eating“. Sehr anschaulich zeichnet Nils Binnberg den Kreislauf nach, in den er geriet: „Je mehr ich mich mit Nährstoffen, Brennwerten, Fettsäuren, kurz mit gesunder Ernährung, beschäftigte, desto bedrohter fühlte ich mich.“

Dass Autor Nils Binnberg in seiner „Ernährungsbiografie“ seinen Freund erwähnt und auch die Beziehung thematisiert, ist ein sympathischer Nebenaspekt, der, über das Buch hinausgehend, daran erinnert, wie stark Body-Shaming, Körperkult und Körpernormen auch die schwule Welt bestimmen. Übrigens zeigte sich Binnbergs Freund – so verrät es der Autor in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ – standhaft: „Er hat sich das Essen von mir nicht madig machen lassen. […] Wenn ich an mein ganzes passiv-aggressives Angezische denke! Ich scannte [im Supermarkt] noch die Zutatenliste, in seinem Korb lag längst ein halbes Hähnchen, Nudelsalat, das, worauf er Lust hatte.“

Ich habe es satt ist eine mit einer gehörigen Portion Wut geschriebene Abrechnung mit dem Kult ums richtige Essen und den Themen Körperscham und Selbstoptimierung. Eine wichtige Gegenrede, die es allerdings mit ihren knapp 170 Seiten schwer haben dürfte, sich gegen das mediale Hochglanz-Dauerfeuer und die immer neuen Moden der Ernährungsgurus durchzusetzen. Wo Essen zum Gradmesser eines „richtigen“ und „korrekten“ Lebens wird, hat es die Feststellung schwer, dass zu gesundem Essen auch gehört, „sich die meiste Zeit nicht damit zu beschäftigen“.

Nils Binnberg: Ich habe es satt. Wie uns Ernährungsgurus krank machen, Suhrkamp Verlag, 173 Seiten, 12,95 Euro, ISBN: 978-3-518-46938-5.

1 Response to “Essen als Bedrohung – In „Ich habe es satt“ thematisiert Nils Binnberg Körperscham und krankhaften Kontrollzwang”


  1. 1 Geflügel mit Worten April 6, 2019 um 5:11 pm

    Ich bin mit einer essgestörten Person zusammen aufgewachsen. Bis heute ist „Anstellerei mit Essen“ für mich ein Trauma. (Von echten Allergien einmal abgesehen.) Und dieser Tage sah ich zwei höchstens 12jährige Mädels hier joggen, die das vermutlich nicht als Übung fürs Sportabzeichen taten. Am Vorabend lief GNTM im Fernsehen.
    Und über den Schönheitsdruck auf dem schwulen Markt müssen wir nicht reden … indes: gut, dass der Autor es tut. Und gut, dass auch ein Mann mal so ein Buch schreibt. Galten Anorexie und Co früher als Frauenkrankheiten, haben Männer hier inzwischen wohl gewaltig aufgeholt. Das ist eine traurige Entwicklung.
    Ich selbst kenne inzwischen kaum noch Menschen, die einfach nur normal essen und z.B. nicht jeden Griff zum Brot mit „eigentlich esse ich keine Kohlenhydrate“ kommentieren.
    Danke für die interessante Rezension!


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