Laguz – Aus der noch zu schreibenden Erzählung „Die Liebenden“

Freitagmorgen. Ich ziehe im Schwimmbad meine Bahnen. Am Beckenrand wird der Nachwuchs gerade von den Eltern abgerichtet: abtauchen und apportieren. Der Vater wirft einen schwarzen Ring ins Wasser, der Junge muss ihn dann vom Boden heraufholen und der Mama überreichen. Die übergibt ihn dann wieder ihrem Ehemann, damit er ihn erneut versenken kann.

Es sind nicht allzu viele Schwimmer im Becken, darunter auch das unvermeidliche Frauenpaar, das andächtig, Köpfchen in die Höh, nebeneinander vorwärts plantscht – und zwar in genau in einem solchen Abstand, dass man weder in der Lücke zwischen beiden durch-, noch problemlos um sie herumschwimmen kann. Alle anderen drehen scheinbar solo, jedenfalls ohne Gesprächspartner an der Seite, ihre Runden.

Auch ich bin allein hier. Wen hätte ich auch fragen sollen, ob er mitkommt? Die Einsamkeit des Langstreckenschwimmers, denke ich in Anlehnung an einen bekannten Roman, nur dass ich in mir eher Resignation als Rebellion spüre.

Vor zwei Tagen saß ich mit einem Freund, der in einer anderen Stadt lebt und den ich lange nicht gesehen hatte, im Café. Wir tranken warmen Tee, aßen Kuchen – Milchreishimbeertorte -, redeten über alles, was sich in den letzten Monaten ereignet hatte, über Diäten und schließlich über Einsamkeit.

Über das Gefühl, mit dem Überschreiten der 50er-Schwelle gleichwohl unsichtbar wie unattraktiv geworden zu sein. Über das unangenehme Gefühle – oder ist es schon Gewissheit? -, irgendwie nicht mehr zur schwulen Welt zu gehören. Betonung auf „irgendwie“. Über die anwachsende Unmöglichkeit – oder ist es Unfähigkeit? -, andere Männer kennenzulernen. Egal ob für Sex oder für gemeinsame Unternehmungen, im kühnsten Fall für beides.

Obwohl wir beide in gewisse soziale Strukturen eingebunden sind, fühlen wir uns letztlich einsam. Eine gewisse Hilflosigkeit prägt das Sprechen über diese Situation. Wer offen sagt, er sei einsam, hat schon verloren. Einsamkeit macht einsam. Wie aber dann sprechen über etwas, das einen umtreibt, das einen sorgt?

Wir saßen im Café und vor dem Fenster rauschte auf vier Spuren der beginnende Feierabendverkehr einer Millionenstadt vorbei. Als wir uns verabschiedeten, umarmten wir uns herzlich und vereinbarten, demnächst gemeinsam etwas zu unternehmen.

Ich schlage mit beiden Händen an der Beckenwand an. In der Drehung sehe ich, dass die Bahn frei ist, stoße mich kräftig mit den Füßen ab, wechsele aber von Brust zu Kraul – Atmung einseitig. Ich genieße die Beschleunigung, ich weiß, dass meine Schwimmtechnik halbwegs korrekt ist und ich nicht den Schaufelbagger spiele. Ich fühle mich gut.

Vor einigen Jahren habe ich um den Hals eine Lederkordel mit einem silbrigen Metallplättchen als Anhänger getragen. Darauf eingraviert war die Rune Laguz, sie bedeutet „Wasser“ oder „See“. Wasser als Lebensquell, als Symbol für das, was in den Tiefen verborgen liegt, unergründlich, was doch gehoben werden will: Träume, Sehnsüchte, Ängste, Triebe … Damals war die Beschäftigung mit den Runen ein Versuch, Männlichkeit wiederzufinden. Jenseits der Lederjacke, der Lederhandschuhe, der Lederstiefel und des nächtelangen Herumstehens in Kneipen. Ich war gut gepanzert und doch drang auch schon damals die Einsamkeit durch die gegerbte Haut. Vielleicht sollte der Flirt mit den Runen die Magie noch ein wenig verlängern.

Es gibt neben der sozialen auch eine Art spirituelle Einsamkeit.

Es ist Freitagmorgen und ich ziehe im Schwimmbad meine Bahnen. Die Schwimmbrille sitzt nicht richtig, und ich spüre, wie links Wasser eindringt und sich am unteren Rand der Schale sammelt. Etwas, das immer dann passiert, wenn man gerade in der Mitte des Beckens ist. Verärgert, weil ich aus dem Rhythmus komme, ziehe ich die Brille vom Kopf, schließe die Augen und tauche unter. / ©RH


Community Termine

Der Samstag anderswo

Kreuz-und-queer-Blog

Archiv