Die Berliner*innen berlinern gern! Zum CSD-Motto 2019 (+Update 21.2.)

21.2. Update am Ende des Artikels.

An dem diesjährigen Motto des Berliner CSD ist vor allem beeindruckend, wie elegant es das Gendersternchen-Problem, Binde- respektive Unterstriche vermeidet. Nur noch ein Gedankenstrich ist übrig! „Queer sind Berlin – JEMEINSAM!“ Kaum zu glauben, dass wir 2019 auch (nicht nur) das sich zum fünfzigsten Mal jährende Ereignis des „Stonewall“-Aufstandes gegen Polizeigewalt feiern. Solidarität und Zusammenhalt in schwieriger Lage – das sind fürwahr Ideale, auf die die Community stolz sein darf und die es weiter zu bewahren gilt. Das berlinernde „Jemeinsam“ macht allerdings auch klar, dass mitunter von hehren Visionen letztlich doch nur lokalpatriotische Folklore übrigbleiben kann.

Längst besteht ein wesentlicher, wenn auch nicht alleiniger Zweck von CSD-Paraden darin, der Tourismusbranche und dem Stadtmarketing nützlich zu sein. Die Frage, ob unsere Freiheiten nicht eventuell auch am Hindukusch verteidigt werden müssen (Achtung: Homo-Nationalismus), scheint dahingehend entschieden, dass wir genug vor der eigenen Haustür zu tun haben. Was in gewisser Weise dem Aufstand 1969 entspricht: die Besucher*innen des „Stonewall Inn“ mussten zunächst einmal sich selbst verteidigen. Von Kriminalisierung und staatlich gelenkter Diskriminierung sind wir in Deutschland inklusive Hauptstadt weit entfernt; von alltäglicher Gewalt in der Öffentlichkeit, von Gängelung durch willkürliche, meist als ganz reguläre Kontrolle durchs Ordnungsamt legitimierte Razzien, von medialer Verächtlichmachung weniger. Interessanterweise scheint sich in weltpolitischer Hinsicht manches der Lage Ende der 1960er-Jahre anzunähern: ein Rückfall in den Kalten Krieg ist denkbar, nationalistische Ideologien und iliberale, autokratische Systeme erstarken.

Zugleich gibt es etwa mit den Folgen der Digitalisierung und weltweiten Vernetzung ein Instrument zur fast totalen Erfassung und Kontrolle. Das kann der queeren Community eigentlich nicht egal sein, ist aber kaum bis kein Thema. (Ich nehme an, bei den netzpolitischen Diskussionen sind wir wie so oft mitgemeint. Eine eigene queere, netzpolitische Stimme – wie etwa im Falle der medienpolitischen Debatten – kenne ich nicht. Falls es welche gibt, würde mich das sehr interessieren!) Stattdessen wird, so vermute ich, die Welt hauptsächlich touristisch gedacht – das ist schon viel und kann auf der persönlichen Ebene bereichern und verbinden. Wenn aber einer Trans-Frau die Einreise nach Saudi-Arabien verweigert wird, dann sieht man allerdings schnell, wo die Grenzen sind.

Ich will das Berliner CSD-Motto nicht überstrapazieren. Die Organisator*innen müssen halt einen griffigen, allgemein verständlichen Slogan formulieren. Meist folgt dem Allerweltsmotto eine Art Forderungskatalog. Darüber hinaus bleibt es den Teilnehmenden unbenommen, das Motto auf je ihre Weise zu füllen. Mit Rückblick auf die Debattenlage im letzten Jahr vermute ich aber, dass das berlinernde „Jemeinsam“ auch einen leichten Seufzer darüber enthält, dass 50 Jahre nach dem Stonewall-Aufstand Fragen wie die, ob Lesben und Schwule miteinander können, unfröhliche Urstände feiern. Es wäre also schon viel gewonnen (oder: jewonnen?), wenn CSD-Paraden 2019 nicht in lokaler Kleinstaaterei und Kleinkriegen verharren. „Jemeinsam“ könnte mehr sein als folkloristisches Retro-Kuscheln im trauten Heim. / ©RH

Update 21.2.: Das CSD-Forum hat beschlossen, so ist im „Tagesspiegel“ zu lesen, das Motto erneut zur Diskussion zu stellen.


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