Zu sexy um homophob zu sein?

Zunächst die Entwarnung: Sänger Andreas Gabalier ist nicht homophob. Wer wüsste das besser als er selbst, und darum hat er es dem Wiener „Kurier“ für den heutigen Samstag so diktiert:

„Ich bin weder homophob noch frauenfeindlich und auch nicht rechtspopulistisch unterwegs.“

Mit diesem Wissen sei auf einen Beitrag auf „Zeit Online“ verwiesen. Jens Balzer geht in „Ein Hallihallo mit eisernem Kreuz“ der Kritik an dem Schlagersänger nach und kommt zu dem Fazit: „In politischer wie in sexualästhetischer Hinsicht ist das Schaffen von Andreas Gabalier also konsistent ambivalent.“

Es gibt eine Stelle im Artikel, die mich irritiert:

„Gegen den Homophobieverdacht spricht wiederum der Umstand, dass Andreas Gabalier selbst schwule Ästhetiken bedient: Bei Bühnenauftritten pflegt er seinen knackigen Hintern meist bloß mit einer kurzen, stark körperbetonenden, ölig glänzenden Lederhose zu bekleiden; eine Tracht, die in Liebhaberkreisen durchaus Analverkehrsfantasien zu wecken versteht.“

Natürlich kann Gabalier seinen Körper sexualisieren und kann das betrachtende Publikum seinen Körper sexualisieren. Aber ist das Verwenden von (auch) schwulen Codes / fetischaffinen Klamotten ein Hinweis auf eine politisch-gesellschaftliche Haltung? Und – Achtung: Endlos-Diskussion – was ist eine „schwule Ästhetik“? Und wie kommt man auf die Idee, Analverkehr würde nur von Homosexuellen praktiziert (das konnten Heteros schon immer!)? Möglicherweise ist es ja nur das eiskalt kalkulierte Spiel mit äußerlichen Versatzstücken zum Zwecke der Gewinnmaximierung. Wie sollte Gabalier auch kontrollieren wollen, dass nur Weiberl auf seinen Arsch gucken? Vielleicht entspringt Gabaliers Posing mit Lederhosenknackarsch eher einer Männlichkeitsfantasie, die sich am Umschlag zur – ich mag den Begriff nicht, aber als gängiges Schlagwort sei er hier verwendet – „toxischen“ Männlichkeit befindet. Und vor solchen Ausschlägen sind weder homosexuelle noch heterosexuelle Männer per se gefeit. Wie auch – das lässt sich am rechtsnationalen Rand derzeit gut betrachten – offen homosexuell zu sein nicht vor homophoben Gedanken schützt, dergestalt, dass man Kräfte unterstützt, die definitiv feindlich gegen Lesben und Schwule eingestellt sind und auch entsprechend handeln.

Insofern finde ich den Hinweis von Jens Balzer auf Gabaliers Gebrauch von „schwulen Ästhetiken“ einerseits interessant und wichtig, andererseits hat er, für sich genommen, etwas verharmlosendes. Zugleich ist er ein guter Hinweis darauf, warum der (politischen) Sehnsucht nach eindeutigen Naturzuständen, wie sie Gabalier evoziert, allein mit Homophobie-Vorwürfen nicht mehr beizukommen ist. Das macht es freilich nicht obsolet, auf Implikationen von Gabaliers verbalem Gebaren hinzuweisen. Oder anders gesagt: Auf verantwortungsvollen Äußerungen auch jener Menschen zu beharren, die sich der Verantwortung zur Differenzierung enthoben fühlen. / ©RH

3 Responses to “Zu sexy um homophob zu sein?”


  1. 1 Ralf Februar 3, 2019 um 4:25 am

    Der Zeit-Artikel stellt die gebotene Frage zu Gabaliers Aussage, dass er es als Mann, der Frauen liebt, nicht leicht habe: Worin besteht denn sein Problem eigentlich? Welchen Schwierigkeiten sieht sich ein heterosexueller Mann denn gegenüber in einer Welt von zu sicher nicht weniger als 90% heterosexuell lebenden und liebenden Menschen? Was veranlasst ihn, öffentlich eine Unterdrückungssituation für Heteros zu halluzinieren, die jahrtausendelang Schwule erlebt haben und die viele Schwule -je nach Wohnort und sozialer Situation- noch heute erleben (mancherorts gar bis hin zur Lebensgefahr)? Und wo läuft er rum, wenn er -um das zweite Zitat zu bringen- allüberall schmusende Männerpaare sieht? Offenbar halte ich mich konsequent an den anscheindend sehr wenigen Orten auf, wo nur Heteropaare unablässig knutschen. Kommen wir sodann zu seiner dritten Äußerung, dass die nach seiner Wahrnehmung öffentlich praktizierte Homosexualität die Kinder gefährde – abgesehen davon, dass die Frage, wo denn überhaupt die Öffentlichkeit unter dem Trommelfeuer schwuler Schmuserei stehe, ja eh offen ist, öffnet sich gleich die weitere Frage, wie denn die (angebliche) Sichtbarkeit von Zärtlichkeit und Liebesbekundung Kinder gefährden könne in einer Zeit, in der alle verfügbaren Medien -das Internet zuallererst- Kindern den Zugang zu härtester Pornographie und vor allem zu brutalster geschauspielter wie auch echter Gewalt ungehindert ermöglicht. Da fällt mir eine Pressemeldung aus dem vorigen Jahrhundert ein, nach der ein schwules Paar wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verurteilt wurde, weil der eine dem anderen im Schwimmbad den Rücken mit Sonnenöl einkremte und dabei allzu liebevoll zu Werke ging; strafverschärfend wirkte sich aus, dass Kinder das sehen konnten. Schon damals kommentierte ein Journalist treffend, ihm sei kein Fall einer Gewalttat bekannt, die deswegen besonders hart bestraft wurde, weil Kinder Zeugen gewesen waren. Gabalier ist offenbar aus jener Zeit übrig geblieben, und wenn man sich das Wahlverhalten der Österreicher anschaut, ist er in seiner Heimat nicht allein. Dass diese Geisteswelt deckungsgleich sein könnte mit der von Karl Valentin, kann man sich nur vorstellen, wenn man der Narrhalla oder einer rechtsradikalen Partei angehört.

    • 2 RH Februar 3, 2019 um 8:34 am

      Danke für die Auflistung diverser Äußerungen Gabaliers. Wie im vorigen Eintrag geschrieben, vermute ich, dass alles auch ein Manöver ist, um Menschen abzulenken, von dem was und wie es eigentlich läuft … und wahrscheinlich muss Gabalier sich über den Umweg homosexuellenfeindlicher Äußerungen sein Weltbild einer „naturgegebenen“ Überlegenheit von Hetero-Männern zusammenschustern – wobei sein Kriterium des Ausgezeichnetseins bezeichnenderweise nicht verantwortungsbewusstes Handeln zum Wohle aller, sondern allein seine Verkaufszahlen sind.

  2. 3 fink Februar 3, 2019 um 9:02 pm

    „Was veranlasst ihn, öffentlich eine Unterdrückungssituation für Heteros zu halluzinieren, …“

    Du hast das Absurde an dieser Halluzination sehr treffend herausgearbeitet, Ralf. Die Konstruktion der eigenen Überlegenheit, die du, Rainer, ansprichst, ist da sicherlich ein bedeutsamer Aspekt.

    Aber ich glaube, es geht dabei um etwas weitaus Gefährlicheres. Überall, wo die Taktik der Täter-Opfer-Umkehr angewandt wird, geht es darum, aggressives Verhalten der angeblichen „Opfer“ den angeblichen „Täter:innen“ gegenüber zu rechtfertigen.

    Genau das erleben wir gerade in vielen Gesellschaften. Es hat einige Fortschritte in Sachen Akzeptanz gegeben, und damit sind einige Privilegienverschiebungen einhergegangen. Gleichzeitig erleben wir aggressive Rollbacks.

    Es war schon immer falsch, zu behaupten, dass Gleichberechtigungsfortschritte „niemanden etwas kosten“. Natürlich „bezahlen“ einige Menschen diese Fortschritte damit, dass sie weniger selbstverständlich als bisher eine bequeme Selbstaufwertung vornehmen können, z.B. aufgrund ihres bloßen Heterosexuellseins, ihres „Deutschseins“ oder ihres Männlichseins. Gleichzeitig müssen diese Menschen bestimmte Privilegien nun mit anderen teilen.

    Diese Menschen wollen ihre Privilegien und ihr Überlegenheitsgefühl aber nicht einfach aufgeben. Sie spüren gleichzeitig, dass offen aggressives Verhalten gegenüber z.B. Schwulen, Frauen oder migrantisierten Menschen nicht mehr so einfach ethisch zu rechtfertigen ist wie früher, als man nackte Queerfeindlichkeit, Ausländer:innenhass oder Sexismus noch praktisch überall einfach nach Herzenslust rauspusten konnte.

    Die Antwort auf diese Situation besteht darin, eine neue Rechtfertigung für aggressives Verhalten und sogar Gewalt zu finden. Diese Rechtfertigung besteht darin, sich zu „Angegriffenen“ zu stilisieren. Wenn man angegriffen und unterdrückt wird, dann muss man sich ja „wehren“, nicht wahr? Das erleben wir im Antifeminismus, in der „Demo für alle“, im Neofaschismus.

    Täter-Opfer-Umkehr ist nicht harmlos. Sie ist das ideologische Herz der Neuen Rechten. Und sie ist die verbale Vorstufe der Gewalt.


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