Ablenkungsmanöver – Warum der Ärger über Gabalier und Polunin richtig ist, aber möglicherweise auch die Ursachen verfehlt

Gabalier, Polunin, WDR 5 … die faschistoid-homophobe Selbstverständlichkeit feiert neue Urstände in Kultur und Medien und wird bagatellisiert. Wie immer empört man sich – was soll man auch sonst tun? Das Folgende sind unfertige Gedankenfragmente, entstanden aus dem Bedürfnis, mich zwar an aktuellen Geschehnissen abzuarbeiten, aber nicht der Versuchung zu erliegen, sie zur Ursache von tiefer liegenden Veränderungen zu machen.

Déjà-vu

Ich weiß schon nicht mehr, das wievielte Déjà-vu ich derzeit erlebe. Der Streit um die homophoben, rassistischen und frauenfeindlichen Ergüsse des österreichischen Schlagersängers Andreas Gabalier anlässlich der Verleihung des Karl-Valentin-Ordens durch den Verein Narrhalla** … hatten wir das nicht schon mal bei Bushido, hatten wir das nicht schon mal bei Xavier Naidoo? Die kritisierten Stars geben sich empört über die Vorwürfe und stilisieren sich zu Opfern. Und sie erhalten stets Blanko-Schecks und Unschuldsbeteuerungen von denen, die als Entscheider in den verantwortlichen Positionen sitzen, seien es ESC-Verantwortliche, Ballett-Direktoren oder Faschingsorden-Jurys. Unisono werden Homophobie-Vorwürfe bagatellisiert, zu Hirngespinsten einiger Aktivist*Innen erklärt. Einst flogen Sänger noch wegen eines Hakenkreuz-Tattoos von der Bühne (Jewgeni Nikitin), heute erklärt der Russe und Chef des Staatsballetts in München, Igor Zelensky, faschistische Symbole auf dem Körper von Tänzer Sergei Polunin kurzerhand zu dessen Privatsache. Und homophob? Das dementiert Zelensky gegenüber der „Taz“: „Homophobe oder rassistische Einstellungen liegen Polunin völlig fern.“ Polunin tanzt weiter, ein Video zu „Take Me to Church“ gehört ebenso zu seinem Repertoire wie „Schwanensee“ … Sicher hätte Polunin nichts gegen die Worte des von ihm verehrten Putin einzuwenden: „Wir wissen, dass Tschaikowsky schwul war, aber wir lieben ihn bestimmt nicht deswegen!“

Homosexuelle sind als zahlendes Publikum geduldet, solange sie die Macht und Selbstherrlichkeit der Verantwortlichen und deren Übernahme des Kulturbetriebs nicht stören.

Homosexuelle als Projektionsfläche

Was für Lesben und Schwule ein nie endender und zermürbender Kleinkrieg gegen das Dauerfeuer permanenter Herabsetzung durch sich in einem ästhetisch wie faschistoiden Sinn als überlegen fühlende Künstlerfiguren ist, das ist allgemein ein Kulturkampf. Ein Kampf um die Deutungshoheit, ein Kampf um Posten, um Macht. Homosexuelle sind besondere Symbolfiguren, denn ihr Kampf um gleiche Rechte steht nicht nur für eine demokratische Betonung der Vielfalt, sondern ist auch eng mit dem weltweiten Wandel verknüpft, der durch das Schlagwort Globalisierung gekennzeichnet ist. Sie sind Projektionsfläche sowohl für individuelle Freiheit und die allgemeine Gültigkeit von Menschenrechten als auch für das Unbehagen an einer (zu) offenen Gesellschaft. Insofern ist es verständlich, dass die Gegenbewegung mit ihrer Sehnsucht nach Einhegung durch autokratische Strukturen sich vorzugsweise an Homosexuellen abzuarbeiten versucht.

Die Ambivalenz der Kunst und der Ruf nach Eindeutigkeit

Dass die neue völkische Rechte die Kultur als Kampffeld (wieder)entdeckt hat, erklärt sich, das ist nichts Neues, aus der Ambivalenz von Kunst und Kultur. Genau wegen dieser Ambivalenz sind Kultur und Kunst auch für alle, die für ein offenes, vielfältiges Gesellschaftsverständnis eintreten, wichtig: Die Ambivalenz, die Zwischentöne, das Transzendieren auf Welten und Gedanken jenseits des Alltags stehen exemplarisch für all das, was eben auch möglich sein kann. Sänger wie Gabalier (wahrscheinlich muss es korrekter heißen: sein Management) nutzen die ambivalente Offenheit der Kunst als Schutzraum für ihr Denken, dass explizit gegen Ambivalenz, explizit gegen Offenheit gerichtet ist. Mit seinen menschenfeindlichen Pöbeleien gibt er sich radikal „bodenständig“ und will Wertschätzung für seine kommerziellen Erfolge erzwingen. Nichts könnte ferner vom anarchistischen Humor eines Karl Valentins entfernt sein. Ronald Pohl hat es im „Standard“ so auf den Punkt gebracht:

„Andreas Gabalier schwärmt von Verhältnissen, in denen die Ungerechtigkeiten, weil sie ‚naturwüchsig‘ sind, ein für alle Mal zementiert bleiben. Karl Valentin, der Anarchist, bohrte hingegen Löcher in die Wirklichkeit. Er traute ihr – und sich selbst – nicht über den Weg.“

Verführbarkeit

Kritik an den politischen menschenfeindlichen Haltungen von Gabalier oder Polunin sollte der Versuchung widerstehen, Ambivalenzen der Kunst und Kultur als solche einzuhegen. Vielmehr scheint es mir wichtig, unsere Vorstellungen von Verführungen zu befragen -ein Klassiker diesbezüglich ist übrigens Thomas Manns „Mario und der Zauberer“; eine Novelle, die man auch vor dem Hintergrund des heraufziehenden Faschismus deuten kann -, zu fragen, welchen Einfluss wir eigentlich Kunst und Künstlern zusprechen. Wenn Gabalier homophob ist, sind es dann auch die KäuferInnen seiner Musik? Müssen er oder Polunin ausgeschlossen werden, Auftrittsverbote erhalten, um jemanden (wen?) zu schützen? Ich wüsste kein Mittel, dem Künstler Äußerungen zu verbieten. (Das wehleidige Gejammere, man dürfe nichts mehr sagen, erfolgt ja stets, nachdem man eben das, was angeblich nicht gesagt werden darf, gesagt hat.) Die weitergehende Frage ist, warum und durch wen sie solche Verbreitung finden, und in welcher Form ihnen widersprochen werden kann. Ambivalenzen in der Kunst können ausgehalten werden, Ambivalenzen in politischer Hinsicht können, sollen und sollten diskutiert werden. Misstrauen sollte man dabei jenen, die, wie etwa der Leitung des Bayerischen Staatsballetts, jedwede Diskussion im Keim ersticken. Misstrauen sollte man jenen, die in Stadien vor tausenden von Menschen erzählen, sie würden zensiert.

Symbolfiguren der Ablenkung

Es ist nicht leicht – und ich habe oben geschrieben, dass die Homosexuellenbewegung symbolische Bedeutung erlangt hat -, Andreas Gabalier oder Sergei Polunin nicht ihrerseits zu Symbolfiguren werden zu lassen. (Ich selbst neige dazu!) So unabdingbar die Kritik an ihren Äußerungen bleibt, so unabdingbar ist es, die Ablenkungsfunktion im Auge zu behalten. Gabalier kann man zur Not aushalten (musikalisch wie politisch), weniger dagegen die Gesetze, die in den Land- und Bundestagen beschlossen werden, oder die Verwerfungen, die durch entfesselte Autokraten in USA, Russland oder China in Gang gesetzt werden (Stichwort: Abbau von Rechten, Erstarken von Überwachung und Sozialkontrolle). Gabalier ist ein kurzer Moment, die antidemokratischen Parteien, die von einer größer werdenden Zahl der Menschen gewählt werden, sind langlebiger und in ihren Auswirkungen weitaus schlimmer. So wütend einen homophobes Gefasel einzelner Künstler macht, so leichtsinnig wäre es zu glauben, sie wären es, die Hunderttausende in unserem Lande verführt hätten, sich von der Demokratie ab- und autokratisch-diktatorischen Sehnsüchten zuzuwenden. / ©RH

**Nachtrag aus aktuellem Anlass: Wegen der Entscheidung, Gabalier einen Orden zu verleihen, wurde die Tanzgarde von Narrhalla, die auf dem Schwulen Faschingsball in München hätten auftreten sollen, von den Organisatoren ausgeladen.

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