Liebesklärungen – Angelika Overaths neuer Roman „Ein Winter in Istanbul“

Wie schon unlängst Christoph Hein in „Verwirrnis“ stellt nun auch Angelika Overath die Liebe zwischen zwei Männern ins Zentrum ihres neuesten Romans. „Ein Winter in Istanbul“ (Luchterhand Verlag) erzählt von Cla, einem Deutsch- und Religionslehrer aus dem Engadin, der mithilfe des Stipendiums einer Schweizer Privatbank im heutigen Istanbul zum Dialog zwischen den Religionen forschen soll. Kern seiner Studien ist die Konstantinopel-Mission des deutschen Universalgelehrten Nikolaus von Cusanus 1437. In einem Café lernt Cla den Kellner Baran kennen und verliebt sich in ihn – im Roman einmal mit „Sekundenglücks-Erschrecken über unverhoffte Nähe“ umschrieben. Gemeinsam erkunden sie die Stadt, besuchen einen Hamam ebenso wie ein geheimes Treffen von tanzenden Derwischen. Das geradezu schwärmerische Eintauchen in die Mystik der Stadt, des Sufismus wie in die Sexualität mit einem Mann trifft auf eine von Cla schuldbewusst verdrängte Realität, als Clas Verlobte Alva zu Besuch kommt und ihn an ihre geplante gemeinsame Zukunft erinnert. Wenn es gegen Ende heißen wird „Wir waren unser Byzanz“, dann ist damit die überaus große Dimension von Eroberung und Fall umschrieben – historisch wie zwischenmenschlich.

Overath setzt auf die Kraft der Literatur, durch Erzählen neue Möglichkeiten eröffnen zu können. „Schreiben ist Liebe“ heißt es kurz und knapp in „Ein Winter in Istanbul“. Und „Was wäre das Schöpferischste, wenn nicht die Liebe?“ Und so wird mit der Geschichte von Cla, Baran und Alva auch die von Nikolaus von Cusanus erzählt – Cla erzählt sie Baran, wie dieser Cla von Rumi erzählt, dem persischen Mystiker und Dichter des 13. Jahrhunderts und dessen großer Liebe zum Sufi-Mystiker Schams-e Tabrizi. „War Cusanus schwul?“, fragt Baran – und während der Lehrer Cla dies als „absurd“ zurückweist, lautet Barans Vorschlag: „Du könntest die Geschichte doch einfach erzählen.“ In der Tat wird Nikolaus von Cusanus im Verlauf noch ein kleiner Liebesmoment zuteilwerden, wie Cla einen Moment der Erleuchtung haben wird, die auf einen Vorfall während der Reisen Cusanus verweist.

Overath montiert all die Ebenen, die Möglichkeiten geschickt aneinander. Über weite Strecken ist ihr Roman aber auch eine Liebeserklärung an Istanbul, das einstige Konstantinopel wie die heutige Metropole, mehr noch eine Liebeserklärung an den Bosporus. Kein Zufall, dass sich viel auf den Fähren abspielt, auf den Fahrten zu anderen Ufern. Naiv ist der Blick der Autorin nicht; auch die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in der Türkei kommt zur Sprache.

„Ein Winter in Istanbul“ ist eine (erste) wunderschöne Überraschung im beginnenden Bücherherbst und auch darüber hinaus. Es ist ein Roman, der von einer innigen Humanität erfüllt ist und der beherzt und mit großer Zuversicht erzählt wird. / ©RH

Angelika Overath: Ein Winter in Istanbul. Roman, Luchterhand Verlag 2018, 272 Seiten, 20 €. ISBN: 978-3-630-87534-7


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