Der kleine Kulturbotschafter

Hurra, Deutschland hat eine Magnus-Hirschfeld-Briefmarke. Rechtzeitig zum 150. Geburtstag des Sexualwissenschaftlers und Vorkämpfers der Gleichberechtigung Homosexueller und jeder Menge Zwischenstufen. Das ist eine schöne Sache, wenngleich auch die Briefmarke selbst alles andere als schön ist. Johannes Kram hat sie bereits als „bunte Heterobriefmarke“ gegeißelt.

Auf Queer.de gibt sich Micha Schulze etwas beleidigt, dass außerhalb der queeren Fachpresse die Briefmarke bislang kaum wahrgenommen wurde.

Nun ja, das ist das Schicksal der meisten Briefmarken. Man leckt sie ab, klebt sie auf Postkarte oder Brief und dann weg damit. So gesehen waren Briefmarken immer schon ein Wegwerf- oder, treffender formuliert: ein Einwerf-Artikel.

Ich mag die Idee einer Hirschfeld-Briefmarke (ebenso wie die einer Tom-of-Finland-Marke), weil sie so gnadenlos altmodisch ist. Sie antizipiert von einer kruden Vorstellung, dass, was als Marke zirkuliert, auch in der Gesellschaft angekommen ist. Dieser eitlen Vorstellung steht entgegen, dass immer weniger persönliche Briefe oder auch nur Postkarten geschrieben bzw. verschickt werden. Wozu auch? Wer sich in Sekundenschnelle auf den gängigen Netzwerken breit machen kann, braucht keine Nachricht mehr im genormten C6-Format hinterherschicken. Bis ein Brief ankommt, weiß man ja eh längst alles und das virtuelle Dorf redet schon wieder überganz andere Dinge. Die überwiegende Mehrheit schickt Briefe bestenfalls an irgendwelche Ämter und da wird der Umschlag auf der Poststelle eh entsorgt.

Abgesehen also von einem kleinen Häuflein historisch gesinnter Menschen, die versuchen, eine alte Kulturtechnik nicht völlig in Vergessenheit geraten zu lassen, wird niemand der Briefmarke besondere Beachtung schenken. Sie ist halt nichts weiter als ein – wenn auch nett gemeinter – Marketing-Gag, einer jener Aufmerksamkeitsballons, denen schnell die Luft wieder ausgeht – ein bisschen Aufregung von den üblichen Verdächtigen ist wahrscheinlich einkalkuliert.

„Als kleiner Kulturbotschafter kann sie [die Briefmarke] den Diskurs um Dr. Magnus Hirschfeld in die Gesellschaft tragen“, lässt sich Jörg Litwinschuh, Leiter der Hirschfeld-Stiftung des Bundes, zitieren. Vielleicht hätte man das Erscheinen der Briefmarke mit der Edition von Briefen Hirschfelds, von Schwulen und Lesben allgemein, von Wissenschaftlern und Ästheten, begleiten sollen, um darauf hinzuweisen, dass eine Briefmarke ein Hingucker sein kann, es aber dennoch auf den Inhalt des Briefes ankommt. Vielleicht hätte man das Erscheinen der Briefmarke mit einer Werbekampagne „Schwule, schreibt mehr Briefe“ / „Lesben, schreibt nicht nur Briefe an eure Ex“ begleiten sollen.

Die Community als Ort einer wiedererwachenden Briefkultur – das wär’s! Und beginnen könnte sie mit dem Ablecken des kleinen Kulturbotschafters!

1 Response to “Der kleine Kulturbotschafter”


  1. 1 Ralf Juli 20, 2018 um 1:13 pm

    Ja, stimmt alles… übrigens hätte es voriges Jahr einen besseren Anlass gegeben,nämlich den 150. Jahrestag des Auftritts von Karl Heinrich Ulrichs vor dem Deutschen Juristentag. Das hätte zur Eheöffnung und zur Aufhebung der 175er Urteile gut gepasst und den Blick geöffnet für die Geschichte der Schwulen (und Lesben) in Deutschland innerhalb dieser 150 Jahre. Vom Knast zum Standesamt sozusagen, vom Gebrüll des Juristenmobs zur ehrenden Gedenkmarke.


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