Community – ein Kürzel mit Leerzeichen

Das Kürzel LGBT verliert seine utopische Kraft. Das lange beschworene Miteinander zersplittert, ausgelöst durch eine notwendige Emanzipation der Einzelgruppen. Die Erzählung vom grenzenlosen Miteinander der Community ist ein schöner Deckmantel geworden für die stattfindenden Abgrenzungen innerhalb der Community, die früher Ausdifferenzierungen genannt wurden, derzeit wohl eher mit Singularitäten bezeichnet werden. Verschärft wird dies durch den Ruf nach neuen Bündnissen und Solidaritäten, also nach weiteren Entgrenzungen. Zeit, viele Leerstellen im liebgewonnenen Kürzel mitzudenken.

1.

Mit freundlichen Worten hat Schauspielerin Scarlett Johansson ihren Verzicht auf die Rolle eines Trans-Mannes formuliert. Sie habe „unsensible“ Äußerungen gemacht und verstehe nun die Kritik der Trans-Community. Die Kritik an Johansson war zuvor weniger nett formuliert worden: „Du äffst unser Leben nach.“

Es geht wohl darum, dass Hollywood sich einerseits Erzählungen über bestimmte Gruppen erlaubt – auch solche, die von Emanzipation handeln -, zugleich diese Gruppen aber keineswegs emanzipatorisch teilhaben lässt, sprich: ihnen Rollen gibt. In der Schroffheit aktueller Debatten schimmert auf der Seite derer, die sich eine 1:1-Repräsentation wünschen, auch eine Neigung zur Exklusivität durch, insofern sie auf eine Art „essenziellem“ Kern von Identität bestehen, der nicht durch andere (denen einen andere Identität zugeschrieben wird) okkupiert (sprich: nachgeäfft) werden dürfe. Verschärft wird dies dadurch, dass die Freiheit des Schauspielers, in jede Rolle schlüpfen zu können/zu dürfen, nur in eine Richtung gewährt wird. Schauspieler wie Rupert Everett beklagen, dass sie mit dem Coming-out auf schwule Rollen festgelegt sind. Erst jüngst hat Peter Rehberg das Paradox in der „Zeit“ so zusammengefasst: „Die Verwandlung von homo zu hetero wird einem Schwulen nicht abgenommen, während Heteros dafür belohnt werden.“

Die Zumutung der eingangs thematisierten Forderung, Transmenschen seien durch Transmenschen darzustellen, liegt möglicherweise zu einem großen Teil darin, dass von Cismenschen ein reflektierender Verzicht auf ein „natürliches Privileg“ gefordert wird, um die Teilhabe der bislang Ausgeschlossenen auch tatsächlich und nicht nur in Form des Heilsversprechens eines Kinofilms zu verwirklichen.

2.

Wenn aus Debatten darüber, wer wen wie in Filmen darstellen darf bzw. darzustellen hat, lediglich übrigbliebe, dass eine Gruppe nur jeweils sich selbst darstellen kann, dann wäre das eine eigentümliche Wiederbelebung von abgrenzender (Gruppen-)Identität, die gleichwohl auf einer Art pluraler Teilhabe aller setzt. Auf der geopolitischen Ebene wäre das der Fall Europa: Einerseits die Betonung einer gemeinsamen europäischen Identität, zugleich die derzeit populärer werdende Betonung nicht hintergehbarer nationaler Identität. Auch auf dem Felde der Kultur stehen sich zwei Auffassungen gegenüber: Der Betonung der Vorzüge einer grenzenlosen wie entgrenzenden Kultur (der Globalisierung) steht ein Begriff von Kultur gegenüber, der auf den Wert nicht verhandelbarer nationaler Eigentümlichkeiten verweist.

Letztlich ist dies auch der Stand der LGBTIS*Q etc-Community. Einerseits wird zunehmend aggressiver auf Eigenständigkeit der einzelnen Gruppen verwiesen, andererseits zunehmend aggressiver Gemeinschaft beschworen und eingefordert. Es gibt kaum noch eine Aufforderung zur Gemeinsamkeit, die ohne vorherige Schuldzuschreibungen und die Unterstellung auskommt, die jeweils andere Gruppe (gemeint sind in der Regel „die“ Schwulen) habe sich bewusst Privilegien angeeignet. Im Extrem läuft es darauf hinaus, eine böswillige Täterschaft und – das ist das eigentlich Fatale – eine Kollektivschuld der jeweils anderen zu behaupten und Zeichen der Sühne, des Verzichts zu verlangen.

So wird etwa in der Debatte um lesbische Sichtbarkeit einerseits eine Abgrenzung zwecks Stärkung identitärer Selbstwahrnehmung propagiert, nur um im selben Moment über das Empowerment solidarische Formen des Miteinanders mit anderen Gruppen zu realisieren und voranzubringen. Um die Forderungen von Trans-Frauen und Trans-Männern überhaupt zu Gehör zu bringen, müssen diese erst ihre Identität in der nebulösen Gemengelage des LGBTIS*Q behaupten, wenn ein herablassendes Mitgemeintsein in den Rede der jeweils anderen vermieden werden soll. Beginnt man erst einmal mit der Notwendigkeit, dass Akteur*Innen ihre Anliegen selbst vertreten, scheint eine Zersplitterung naheliegend. Denn Homo-, Bi- oder Transsexualität ist (wie übrigens auch die Heterosexualität) von weiteren identitätsstiftenden Merkmalen durchzogen – seien sie zugeschrieben oder bewusst angenommen. Die bisherige Erzählung einer einheitlichen Community ist im Namen des ominösen und grenzenlosen Queeren längst durchquert und verunmöglicht worden. Es ist höchste Zeit für eine Debatte, ob überhaupt noch von LGBTetc. gesprochen und geschrieben werden kann. Das Buchstabenkürzel steht für eine Gemeinschaft, die so nie existiert hat und so auch niemals existieren wird. Es ist die Utopie einer sehr speziellen (und mir persönlich in Gedanken sehr lieb gewordenen) Form von Gemeinschaft. Vielleicht mag sie eines Tages wieder sinnvoll sein. Aber sollte bis dahin das Buchstabenkürzel nicht nur noch mit deutlichen Leerzeichen geschrieben werden?

L    G    B    T    I   *    S    Q

Das würde das Trennende oder auch nur die Beliebigkeit betonen und die Möglichkeit offenhalten, andere Buchstaben einfügen zu können. Etwa: H für Harz IV-Empfänger, P für People of Color, J für Juden oder A für Alte Menschen.

3. Es ist in letzter Zeit wieder viel von Solidarität die Rede. Im deutschen Diskurs ist dabei verräterisch, dass alle klugen Essays fast immer das Wort „müssen“ in der Überschrift haben. Es ist eine Eigentümlichkeit der Solidarität, dass man sie moralisch oder auch politisch fordern kann, sie jedoch seltsam entleert wird, wenn sie erzwungen werden soll. Das Leerzeichen betont die Freiheit der Entscheidung.

©RH


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