Von Zärtlichkeit und verletzter Männlichkeit – Rezension zum Film „The Rider“

Wer sich für das Thema Männlichkeit jenseits gängiger diskursiver Schlagworte wie „toxische Männlichkeit“ und „Alphatier“-Revival-Fantasien interessiert, der sollte sich „The Rider“ der Regisseurin Chloé Zhao nicht entgehen lassen: ein stiller Film mit einer eigenen Poesie und Zärtlichkeit.

„The Rider“ ist die Geschichte von Brady Blackburn, ein Rodeo-Reiter, der nach einem Sturz eine schwere Schädelverletzung erleidet. Medizinisch ist die Sache eindeutig: Er muss, wenn er gesunden bzw. weiter leben will, das Reiten aufgeben. Für Brady beginnt eine intensive Auseinandersetzung mit seiner Lebensrealität und seinen Lebensträumen. Am Schluss läuft der Film auf eine Entscheidung zu. Brady, der um seine Identität als Mann/Cowboy ringt, will wieder an einem Rodeo teilnehmen.

Die Handlung basiert auf der ‚realen‘ Geschichte von Brady-Darsteller Brady Jandreau. Er ‚spielt‘ also sich selbst. Wie der Großteil der Personen von „The Rider“ sich selbst spielen oder, vielleicht, sie selbst sind.

„The Rider“ zeigt Brady als Angehörigen der Lakota, in ärmlichen Verhältnissen im Pine Ridge Reservat in South Dakota lebend; in einem Wohntrailer zusammen mit seinem Vater und seiner behinderten jüngeren Schwester Lily (beide dargestellt vom realen Vater Tim und der realen Schwester Lilly Jandreau). Statt Rodeo muss Brady nun in einem Supermarkt Regale einräumen. Zusätzlich beginnt er, Pferde zu trainieren. Ausführlich zeigt „The Rider“, wie Brady ein wildes Pferd im engen Rund einer Pferdekoppel zähmt. Doch von einer Pferdeflüsterer-Romantik ist dies weit entfernt. Die Zärtlichkeit, die Brady für das Tier aufbringt, ist zugleich der Akt des gewalttätigen Zähmens. Die Szene wird zugleich Sinnbild für Bradys eigene Situation. Von Sehnsüchten nach Freiheit, männlicher Wildheit geprägt, zwingt ihm die Realität – des Unfalls wie die der wirtschaftlichen Lage – ihren Willen auf. Immer wieder ist da die Auflehnung, immer wieder sind da die Versuche der (kleinen) Fluchten. Nicht zuletzt die Besuche bei Lane (Lane Scott), Bradys Vorbild, der aber ebenfalls einen Unfall beim Rodeo hatte und nun als Pflegefall im Rollstuhl sitzt, unfähig zu sprechen, sich zu bewegen. Wie sich Brady um Lane kümmert, ist von einer unglaublichen traurigen Zärtlichkeit. Wie Brady Lane „physiotherapeutisch“ helfen will, dabei auf ihre gemeinsame Liebe für das Rodeo rekurriert, Erinnerungen vom Ritt auf einem Pferd wachruft und mit Lane sanft und zugleich fordernd spricht wie mit dem Pferd in der Koppel, dies ist eine weitere große, berührende Szene des Films. Es ist menschliches Handeln, das seine Tapferkeit gerade aus der Hilflosigkeit gewinnt.

Filmtrailer auf YouTube: deutsch / englisch

„The Rider“ ist ein stiller Film, Kommunikation findet unter den Männern, in der Vater-Sohn-Beziehung wie unter Freunden, meist mit wenig Worten statt. Lediglich bei seiner Schwester – bezeichnenderweise mit Asperger-Syndrom, das sich gerade durch ‚gestörte‘ soziale Interaktion bemerkbar macht – wird Brady gesprächiger. Einmal erlaubt sich die Regisseurin, ein Gewitter grollen zu lassen, um Bradys Gefühlswelt zu illustrieren. Ansonsten sind die Menschen Teil einer weiten, kargen Naturlandschaft. Wenn Brady – gegen den ärztlichen Rat – auf einem Pferd durch die Graslandschaft reitet, dann ist er (und seine Männlichkeit) im Einklang mit der Welt, dem Raum und der Zeit. Zugleich aber ist die Natur die unberührt erhabene Kulisse, vor der sich menschliches Schicksal vollzieht, in und mit der Brady versucht, (s)einen Weg zu finden.

Männlichkeit ist nur eine von vielen Ebenen, auf denen „The Rider“ seine Geschichte verhandelt bzw. interpretierbar macht. Es ist die Ebene, die mir im Film auffiel und mich berührt hat. Tomasz Kurianowicz sieht auf „Zeit online“ das Wesen des Künstlers als Kern des Films und betont die Rolle der Fantasie, jener „Sondermacht, die den Menschen vom Tier radikal unterscheidet“. Eine Stärke sieht er in der Identifikation, die der Film mit seinem Protagonisten ermöglicht: „Plötzlich fühlt man sich Brady, diesem introvertierten Cowboy, ganz verbunden, in seiner Trauer und in seiner Flucht ins Fantastische, in seinem verletzten Stolz über die verlorene Männlichkeit. Auch in seiner Resignation.“

Andreas Busche rezensiert den Film im „Tagesspiegel“ als „eindrucksvolle Milieustudie über Native Americans, die als Cowboys arbeiten“ und folgt dem Mythos Cowboy als einer längst aus den Bedingungen moderner Arbeitsverhältnisse und nationalen Verklärungen herausgefallenen Randexistenz. Bei Busche findet sich auch ein Hinweis auf das Thema Spiritualität im Film. „Ihn [Brady] umgibt eine schamanistische Aura, die ihm auch beim Zähmen der zum Teil traumatisierten Pferde zugutekommt. [Die Regisseurin] Zhao zeigt die Arbeit der Cowboys mit geduldiger Neugier für die Spiritualität ihres Alltags – die der Film jedoch noch nie mit Esoterik verwechselt.“

Letztlich ist „The Rider“ tatsächlich ein Männer-Film, der es schafft, eine unausgesprochene und dem anderen gegenüber selten gezeigte Zärtlichkeit zu vermitteln, selbst da, wo die Männer in ihrem Distanz wahrenden männlichen Selbstbild vom „lonesome Cowboy“ gefangen sind. Inwieweit Veränderungen möglich sind – erzwungen oder freiwillig -, das wiederum ist ein Thema des Films, das allgemeine Gültigkeit über Geschlechterrollen hinaus besitzt. / ©RH

„The Rider“, USA 2017, Regie und Buch: Chloé Zhao, DarstellerInnen:Brady Jandreau, Lilly Jandreau, Cat Clifford, Terri Dawn Pourier, Lane Scott, 104 Min.


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