Event und Ergebnislosigkeit – Warum sind die „sozialen“ Netzwerke so inhaltslos?

Der folgende, kurze Text mag etwas kryptisch sein. Er ist dem Unbehagen geschuldet, das mich hinsichtlich „sozialer“ Netzwerke und ihrer Auswirkung auf die LGBT-Community überkommt. Für gewöhnlich beklagt man sich über die Skandalisierung und die Shitstorm-Mentalität, die Plattformen wie Twitter und Facebook ermöglichen. Mit scheint es aber zunehmend so zu sein, dass Inhalt an sich verunmöglicht wird. Wenn irgendwo eine Diskussionsveranstaltung stattfand, dann finde ich bei FB zwar 30 superschöne Fotos, aber keine einzige Zeile darüber, was an Inhalt verhandelt wurde …

Wann sind eigentlich Ergebnis-Protokolle aus der Mode gekommen? Also jenes symbolische Schriftstück, das zumindest so tat, als habe ein Treffen etwas gebracht, das auch für andere wichtig oder interessant sein könnte. Das Verschwinden des Interesses (oder der Pflicht), andere auch im Nachhinein an Erkenntnis- oder Diskussionsprozessen teilhaben zu lassen, geht einher mit dem Auftauchen des Selfies – einer Lust daran, sich selbst zu dokumentieren, und einer Geringschätzung des Wortes gegenüber dem Bild – sowie einer Geringschätzung der intellektuellen Neugier anderer zugunsten der Überbetonung der effekthascherischen Sensationsgier. Wissens- und Informationsweitergabe ist der Eventisierung untergeordnet worden, also jener von einer Konsumstruktur erzwungenen Lebensform, die systematisch alles Dauerhafte verschlingt.

Jedenfalls meine ich festzustellen, dass in „sozialen“ Netzwerken wie etwa Facebook „Information“ mittlerweile auf Promo und auf Selbstdarstellung zusammengeschrumpft ist. Was irgendeine Diskussion gebracht hat, wer welche Positionen vertreten hat? Fehlanzeige. Stattdessen eine Selfie-/Fotoflut aller Beteiligten, mit denen man sich nur noch versichert, wie toll es war. Wieder groß in Mode ist das Danken! Man dankt allen anderen, dass man mit ihnen sein durfte, man bezeugt, wie geehrt man sich fühlt, dass man mit dem berühmten Y und der intellektuell über alles geschätzten X auf dem Podium sitzen durfte. Über den Inhalt wird kaum bis gar nicht geredet. Bestenfalls finden sich noch Sätze wie „Das war ein wichtiger Abend für die Community!“ Schön. Weshalb wieso warum? Da ist die Klick-Karawane schon weitergezogen.

Man teilt viel von sich mit, aber selten etwas über etwas und noch seltener in Abstraktion von der eigenen Person. Es scheint kein „Innen“ mehr zu geben, das etwas (Wichtiges?) von sich unter Berücksichtigung der Relevanz für andere mitteilen will, weil das „Außen“ (die „Oberfläche“) sich in endlosen Spiegelungen und selbstoptimierenden Feedback-Schleifen verfängt und den Blick in eine „Tiefe“ (schon gar die eigene Tiefe) verunmöglicht. In dem Maße, wie sich vorgeblich wichtige Debatten und Begegnungen in den Stricken einer selbstreferenziellen Promo verheddern, verliert sich wirkliches Wissen, wirkliche Erkenntnis. Die Hoffnung, das Internet bzw. die User-verbindenden-Netzwerke, würden zur Verständigung auf breiterer Basis – auch in der Community von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans-Menschen – beitragen, hat sich nicht erfüllt. Vielleicht hat Mensch anderen auch nichts mehr mitzuteilen, außer dem Umstand, dass er besonders ist? / ©RH

Nachtrag: Vielleicht ist mein Eindruck auch einfach durch die Häppchen-Kultur verursacht, die wir uns selbst (ich mir selbst) in „sozialen“ Netzwerken auferlegen?

1 Response to “Event und Ergebnislosigkeit – Warum sind die „sozialen“ Netzwerke so inhaltslos?”


  1. 1 Geflügel mit Worten Juni 24, 2018 um 1:46 pm

    Du hast (leider) vollkommen Recht. Allerdings lesen viele ja grundsätzlich nichts mehr über Tweet-Länge, unabhängig vom Thema. Ich merke das in sozialen Netzwerken, ich merke das an den Rückmeldungen der Leser_innen unserer Zeitung. Als ich dort neu anfing, hieß es in den Leserbriefen gleich „Der neue Kollege schreibt aber lang!“ Und als ich noch als Werbetexter arbeitete, strich mir ein ambitionierter Produktmanager gleich den kompletten Bodytext weg, weil „der Kunde“ da doch lieber „was Animiertes“ sähe, „einen lachenden Smiley, blinkende Pfeile, sowas.“
    *Seufz*, um es mal so kurz wie möglich auf den Punkt zu bringen. ;)
    Bzgl. der berliner Community bin ich ohnehin völlig desillusioniert, ich empfand das auch offline zuletzt nur noch als Sich-selbst-Feiern der ewig gleichen Gesichter. Zweifelsohne sind etliche darunter, denen ich ihr Engagement vollkommen abnehme, und die wirklich wollen, dass sich etwas bewegt — nur erfährt man, wie Du hier präzise ausdrückst, recht wenig darüber …


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