Ist „Weniger“ wirklich mehr? Andrew Sean Greers Roman „Mister Weniger“

Um es vorneweg zu sagen: Das grandiose Werk, der „Roman des Jahres“, zu dem manche „Mister Weniger“ hochjazzen, ist der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Roman des amerikanischen Autors Andrew Sean Greer nicht. Wer mit etwas weniger (sic!) auskommt, der darf sich auf einen schönen, lesbaren und überaus witzigen Roman freuen.

Arthur Less, wie die Hauptfigur im Original heißt, ist ein sympathischer Looser-Typ, wobei man nie genau sagen könnte, ob die Welt, die Gesellschaft ihm das Leben schwermacht oder letztlich nur er sich selbst. Schon die Ausgangsidee, die Flucht anzutreten, weil er in San Francisco die Hochzeit des Ex-Freundes nicht miterleben will, ist etwas verkopft. Vielleicht ist es ja auch eher sein bevorstehender fünfzigster Geburtstag, der den Schriftsteller Weniger umtreibt. Er nimmt alles an, was an Angeboten gerade auf dem Tisch liegt: eine Moderation in New York, eine Konferenz in Mexiko, eine Preisverleihung in Turin oder eine kurze Gastprofessur in Berlin mit dem schönen Titel „Lies wie ein Vampir, schreib wie Frankenstein“. Wobei hier nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Weniger natürlich in vielem ein Alter Ego von Greer ist und Greer 2012/2013 tatsächlich die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur am Peter-Szondi-Institut der FU Berlin innehatte. Es folgt ein Aufenthalt in Marokko, eine Art Schreibstipendium in einem „Besinnungszentrum“ in Indien und auch noch Japan: Hier soll er einen Artikel über die traditionelle Kaiseki-Küche verfassen.

„Mister Weniger“ ist eine Road Novel, ein Stationen-Drama oder besser: eine Stationen-Komödie, in der dem stoischen Weniger weder die üblichen Wirrnisse und Malheurs, noch die persönliche Kränkung, dass er irgendwie auch immer die zweite Wahl ist, erspart bleiben. Sowohl seine charmante Trottelhaftigkeit wie die Seitenhiebe auf einen eitlen Literaturbetrieb oder auf schwule Befindlichkeiten und höchst verwickelte amouröse Anwandlungen bereiten einiges Lesevergnügen. Mit den Erinnerungen an nicht wirklich verflossene Lieben und dem Versuch, der als Damoklesschwert wahrgenommenen 50 so ehrenhaft wie möglich entgegenzutreten, durchzieht auch ein melancholischer Ton die Erzählung. Wie jeder gute Roman ist „Mister Weniger“ zudem als Reflexion über das Schreiben selbst und seine Bedingungen zu lesen. Reichlich Stoff also, den Greer ausbreitet, um ihn mit einer erstaunlichen Wendung abzuschließen. Letztlich aber – und damit verrät man noch nicht zuviel – landet auch hier, wie es zum Genre der Road Novel gehört, der Reisende wieder bei sich selbst.

1999 erhielt Michael Cunningham den Pulitzerpreis für „The Hours / Die Stunden“, ein Roman der, mit der Erzählung „Mrs Dalloway“ von Virginia Woolf als eine Art Leitmotiv, die Geschichte von drei Frauen aus drei verschiedenen Generationen erzählt. Die Fallhöhe zu Greers Roman könnte größer kaum sein. So verortet Cunningham etwa die Aids-Epidemie im Umfeld von Tod, gesellschaftlicher Enge, Auflehnung gegen eine Welt, die Menschen nicht die sein lässt, die sie sein wollen. Bei Greer findet sich auch ein Nachhall, als Erinnerung an all die Freunde, die starben und „die Überlebenden“ einsamer zurückließen. Doch wirklich erschütternd ist das in Greers wohltemperiertem Roman nicht mehr. Nicht Aids, nicht die Verfolgung von Homosexuellen erschüttert den Protagonisten, sondern die Heirat des Ex. Wohl dem, der solche Sorgen hat. Beunruhigend, wie elegant Greer Schwulsein und schwule Liebessehnsucht im Wohlstandseinerlei von kreativer Klasse und bürgerlicher Mittelschicht verortet. Bei aller Frotzelei, bei allen Seitenhieben – Greers „Mister Weniger“ tut niemandem weh. Kritik ist immer schon eingepreist, wenn, zum Beispiel, Weniger sich sagen lassen muss, er sei „ein schlechter Schwuler“, weil er nicht genug für die Community tue.

Nun muss ein Roman nicht, nur weil sein Protagonist schwul ist, das Elend der Welt durchmessen. Und vielleicht ist von schwulem Leben und Lieben ja tatsächlich nicht mehr übriggeblieben als der Wunsch zu heiraten. Die Themen Einsamkeit und Alter sind so abgezirkelt und sanft dosiert eingestreut, dass der Gedanke, sie könnten irgendwie existenziell sein, nicht wirklich aufkommt.

Wie gesagt: muss auch nicht! „Mister Weniger“ bleibt ein wunderbarer, humorvoller und – ja! – schwuler Roman, der seinen eigenen entzückenden Sog entwickelt. Am Ende aber kann man ihn auch ebenso leicht zur Seite legen und nachspüren, wie das Vergnügen sanft zerrinnt, ganz so wie der Eiswürfel im sommerlichen Cocktail.  / ©RH

Andrew Sean Greer: Mister Weniger. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Tobias Schnettler. S. Fischer Verlag 2018, 336 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-10-397328-0.

5 Responses to “Ist „Weniger“ wirklich mehr? Andrew Sean Greers Roman „Mister Weniger“”


  1. 1 Bernd Gaiser Mai 1, 2018 um 6:16 am

    Wie der Eiswürfel in einem sommerlichen Cocktail nichts als einen leicht verwässerten, faden Geschmack hinterlässt, vermittel Greers Roman nichts als das vage Gefühl, gut unterhalten worden zu sein. Wem das genügt, ist er zu empfehlen. Nicht jedoch dem, oder derjenigen, denen ihre Zeit zu schade dafür ist, und die doch vielleichr was gescheiteres damit anfangen wollen, im Sinne einer berührenden Erfahrung, die dieser Roman leider nicht vermittelt.

    • 2 RH Mai 1, 2018 um 9:55 am

      Das mit der „berührenden Erfahrung“ trifft es ganz gut. Auch mir hat sie im Roman gefehlt, gleichwohl ich „Mister Weniger“ gern gelesen habe.

  2. 3 Ralf Mai 1, 2018 um 9:40 am

    Na ja… ehrlich gesagt meide ich inzwischen Romane, die Schwulenhass und AIDS in den Mittelpunkt der Handlung stellen. Die ewige Problemkrämerei ums schwule Leben hab ich ganz einfach nach Jahrzehnten, in denen ich mich in der Bewegung engagiert und auch ganz konkret für mich selbst gekämpft und nebenbei auch noch eine AIDS-Hilfe mitgegründet hab, über. Wir dürfen uns auch einfach nett unterhalten lassen beim Lesen. Daher freu ich mich auf die Lektüre eines Romans, der mich von des schwulen Lebens Mühen, die ich aus eigener Anschauung zur Genüge und bis zum Überdruss kenne, zu verschonen verspricht. In diesem Sinne ist Weniger wohl mehr.

    • 4 RH Mai 1, 2018 um 9:52 am

      Nichts spricht gegen gute Unterhaltung. Lass mich dein Urteil wissen, wenn du den Roman gelesen hast. Bin gespannt!

      • 5 Ralf Mai 29, 2018 um 9:50 am

        Tja, ich bin ernüchtert. Der Autor scheint zwar immer mal wieder kurz aufzuwachen, so der geneigte Leser denken könnte, aha, es geht endlich los – aber dann schläft die Sache sehr schnell wieder ein. Romanheld Arthur Weniger ist ein mittelmäßiger Schriftsteller, mit dem eigentlich niemand was zu tun haben will, der überall fehl am Platze ist, den kaum wer kennt, dessen literarische Erfolge von Mal zu Mal eher Misserfolge werden, bis schließlich ein neuer Roman gar nicht mehr vom Verlag angenommen wird, der zwar weltweit eingeladen wird, aber nirgends wirklich erwünscht oder auch nur bekannt ist und der bestenfalls als Lückenbüßer für bedeutende Autoren dient, die sich zu schade sind, all diese sinnlosen Veranstaltungen zu besuchen. Das kann man witzig oder als Tragödie erzählen. Hier geschieht es leider so schal und phantasielos, dass man meinen könnte, die talentfreie Romanfigur habe es selbst geschrieben. Mein Tipp: Spart Euch das Geld, kauft und lest lieber „Im Dunkeln sieht man weniger“ von Gregorio Ortega Coto. (Der Titel ist Zufall und hat mit Arthur Weniger nichts zu tun.) Das ist ganz große Literatur, verfasst von einem der besten Schriftsteller, die mir je vor die Augen gekommen sind. Eine Reihe von Erzählungen, die einander an literarischer Brillanz übertreffen, so dass man gar nicht mehr weiß, welche die beste ist. Wer dieses Buch nicht liest, begeht einen schweren Fehler.


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