Samstag oder Algorithmus? Über das Schwulsein im Datenstrom

Ist Samstag immer noch ein guter Tag zum Schwulsein? Im Zeitalter des Streams ist das natürlich nicht mehr so sicher.

Alles ist jederzeit abrufbar. Und dass die einen sich nur die Flatrate, die anderen das Upgrade leisten können, das war niemals anders. Wenn am Sonntag die Läden zu bleiben sollen, rasten die Konsum-Junkies aus. Wieso real nicht tun dürfen, was online (angeblich) ständig möglich sein soll? Wobei es bei Letzterem ja bereits nur noch um ein Gefühl, einen Affekt, einen Kick aufgrund eines Klicks geht, denn die Ware hat man, nur weil man den Kauf-Button betätigt hat, noch lange nicht. Mit Dating-Apps – aber das nur nebenbei bemerkt – verhält es sich ähnlich. Nur weil man wie wild Bildchen klickt, bewertet und sich Messages schreibt, ist der Sex zu zweit auch noch nicht da. Gleichwohl sind hier Männer immer verfügbar. Eine Präferenz des Samstags als idealer Tag für die Männerwahl und das Wohlfühlen unter Gleichen klingt da reichlich altmodisch. Und passenderweise gibt es das Büchlein „Samstag ist ein guter Tag zum Schwulsein“ auch nur noch im Antiquariat.

Der Titel war eigentlich eine ironische Antwort auf das Bonmot, Schwulsein sei nicht abendfüllend, das stets signalisierte, es gäbe neben der eigenen, klugen, distinguierten sexuellen Orientierung die niedere Klasse derer, die dauernd und nichts als Sex im Kopf haben. Es ist bezeichnend – aber auch das nur als Nebenbemerkung -, dass sich diese Abgrenzung bis heute erhalten hat und das Bonmot immer noch gern zitiert wird, wenn es gilt, sich ein bisschen besser zu machen.

Es ging um die Realisierung des Besonderen des Homosexuellen in seiner Verankerung in der Alltäglichkeit: Schwulsein als Lebens- und Denkweise, als Haltung, die über das Anderssein zur Reflexion in der und über die Gemeinschaft wird; Schwulsein weniger als sexuelle Vorliebe, denn als Moment der Herausbildung einer Community, als Vergesellschaftung gedacht.

Zweifel gab es, ob diese – zugegeben – recht euphorisch und progressiv gedachte Gemeinschaft anders denn als im Gewande der Folklore möglich ist. „Folklore“ lenkte dabei zu sehr vom übergeordneten Begriff der Eventisierung ab und übersah, dass sich nicht nur die Aufmerksamkeit der Mehrheit auf das Spektakel des sattsam Bekannten richtet, sondern auch der Einzelne sich mittlerweile nicht mehr anders denn als Event behaupten kann. Beides – Community und der singuläre Homosexuelle – sind zu Inszenierungen geworden, die versuchen, das Besondere auf Dauer zu stellen. Homosexualität, Queerness, schwule Kultur, lesbische Solidarität, Empowerment von Trans* Personen – alles als exklusiver medialer Stream jederzeit verfügbar, ausgerichtet an den Erfordernissen, die das herrschende Aufmerksamkeitsregime vorschreibt. Statt das Essen zu teilen, werden Fotos vom stil- und liebevoll angerichteten Abendessen geteilt. Bringt mehr Klicks!

Der Schubserei in der Fußgängerzone will man durch den starren Blick auf das kleine Display des iPhones entrinnen. In der totalisierenden Welt eines Apple-Konzerns ist aber der schwule Chef nur ein nettes Aperçu. Für eine digitale Leitkultur, die User (User_*Innen?) möglichst optimal in berechenbare und ökonomisch verwertbare Einheiten verwandelt, ist die sexuelle Orientierung unerheblich, weil längst eingepreist. Sie wird bestenfalls als Folklore reinventisiert, die an der Schnittstelle Buntheit und Selbstbestimmung zelebriert, um die darunter liegende, scheinbar neutrale Rechenoperation zu bemänteln.

Wer Debatten um Identität und hegemoniale Anmaßungen führt, sollte sich des Umstandes bewusst sein, dass es längst Algorithmen sind, die uns identifizieren, klassifizieren und in unserer Performanz von individueller Besonderheit adressieren. Wahrscheinlich werden manche der aktuellen „lebensweltlichen“ Debatten gerade in der LGBT-Community mit einer fundamentalistisch anmutenden Unerbittlichkeit geführt, um der realen Ohnmacht zu entrinnen, die es bedeutet, wenn Google, Facebook & Co lange vor uns wissen, welche DVD wir als nächstes, möglicherweise an einem Samstag, bestellen werden.

Schwulsein ist ein Oberflächenphänomen einer Existenz als auslesbare Datenspur und einer nach Aufmerksamkeit verlangenden Inszenierung gemäß den Vorgaben von Algorithmen, von im Hintergrund ablaufenden Prozessen. (Wobei anzumerken ist, dass es eine Option, nicht um Aufmerksamkeit zu buhlen, längst nicht mehr gibt!) Euphorie und Enttäuschung im Modus der Gleichzeitigkeit: Auch das selbstbewusst fluide Performen heutiger queerer Generationen wird mit dem Buchen des im Vergleichsportal angezeigten günstigsten Flugs nach Gran Canaria abgeschlossen.

Insofern ist es wirklich nichts als gnadenlose Sentimentalität, im digitalen Zeitalter ausgerechnet am Samstag als gutem Tag fürs Schwulsein festzuhalten. It’s a crazy old notion that calls me sometimes … war halt früher so und eigentlich auch ganz schön. Aber wenigstens sollte die Liste der Gründe warum um einen wichtigen Punkt, eine wichtige Bedingung ergänzt werden: Samstag ist ein guter Tag zum Schwulsein, wenn das verfügbare Datenvolumen und die Software-Einstellungen es erlauben.

In diesem Sinne: Ein schönes 2018!
(und eine passende App dazu!)

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