Märchenhafte Ernüchterung – Michael Cunninghams „Ein wilder Schwan“

„Die meisten von uns“, heißt es gleich zu Beginn von Michael Cunninghams Erzählungsband Ein wilder Schwan, „führen ihr Verderben recht zuverlässig selbst herbei.“ Man mag zwar von Seiten Dritter noch überlegen, ob durch Flüche und Beschwörungen nachgeholfen werden kann, aber eigentlich ist das längst obsolet. So heißt der einleitende Text nicht zufällig „Ent. Zaubern“, und er umreißt in gewisser Weise das Schreibspiel, das der Autor sich und den Lesern anhand einiger Beispiele aus dem (westlichen) Kanon von Märchen gönnt.

Nun ist es nichts wirklich Neues, alte Märchen gegen den Strich zu lesen oder als Folie bzw. literarischen Steinbruch für heutige Themen und Handlungen zu verwenden. Michael Cunninghams letzer Roman rief schon im Titel Hans Christian Andersens Schneekönigin auf, um eine eigene Geschichte von Kreativität und Drogen, von Absturz und Erstarren sowie vom Ringen um Lebendigkeit zu erzählen.

Es ist zu vermuten, dass die nun erschienenen kurzen Erzählungen im Kontext des Romans entstanden oder ihm zumindest programmatisch verbunden sind. Dabei wird der traditionelle Kern eines Märchen meist in wenigen Sätzen geklärt. Cunningham nimmt Perspektivwechsel vor, erzählt das unerwähnt gebliebene Davor und Danach, rückt einzelne Gestalten, meist die Außenseiter, ins Zentrum, gibt den bekannten Verläufen eine unerwartete Wendung oder zumindest die Ahnung einer anderen Deutungsmöglichkeit.

So etwa in der titelgebenden Geschichte „Ein wilder Schwan“, die von den zwölf Brüdern aus Andersens Märchen jenen in den Blick nimmt, bei dem die Rückverwandlung unvollständig geblieben ist: „Hier in der Stadt lebt ein Prinz, dessen linker Arm aussieht wie der eines gewöhnlichen Menschen, der rechte aber ist ein Schwanenflügel.“ Versehrt, wie auch der standhafte Zinnsoldat, wiederum eine Figur aus einem Andersen-Märchen, bei dem das Zinn nicht für das zweite Bein reichte. Eine knappe Notiz bei Andersen wird bei Cunningham eine kurze, aber berührende Szene, in der der Mann der Frau, mit der er Sex haben will, seine Beinprothese zeigen muss.

Cunninghams ‚Märchen‘ handeln von Sehnsüchten, Hoffnungen, Enttäuschungen und dem Kampf von Außenseitern mit den Widrigkeiten, die ihnen das Schicksal auferlegt hat. Das wird lakonisch, knapp – mitunter zu knapp – und mit einer eigenartigen Ernüchterung auf der Folie alter Märchen erzählt. Das Märchenhafte ist ihnen abhanden gekommen. Gleichwohl sind die ‚Neu‘-Erzählungen nicht ohne poetische Momente. Und wenn es, wie ihm Falle von „Biester“, zunächst scheint, als könne selbst Cunningham den Zuckerguss, den Disney über das französische Volksmärchen „La belle et la bête“ gelegt hat, nicht sprengen, dann hält der Schluss noch die jähe, gruselige Wendung parat. Wer auf das „und sie lebten glücklich“ wartet, hat hier die Rechnung sprichwörtlich ohne das Biest im Manne gemacht.

Dem versöhnlichen Märchenschluss widmet sich Michael Cunningham erst am Ende seiner Sammlung, gerade so, als müsse bei aller Ernüchterung wenigstens anstandshalber noch ein Mal die die Zeiten überdauernde Anziehungskraft der Märchen aufgerufen werden.

Michael Cunningham: Ein wilder Schwan. Übersetzt von Eva Bonné. Mit Illustrationen von Yuko Shimiz. Luchterhand Verlag 2017, 160 Seiten, 19 Euro, ISBN: 978-3-630-87491-3


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