Unsere Community als Modell? Nach der Bundestagswahl muss über den Tag hinaus gedacht werden

Es war ein Erschrecken mit Ansage. Die AfD zieht in den Bundestag ein. Sofort ist vom „Rechtsruck“ der Republik die Rede, als ob der nicht längst vor dem Tag der Wahl eingesetzt hätte. Ein „Weckruf“ sei die Wahl … Der wievielte, möchte man nachfragen und den Kopf schütteln, dass es von bestimmten Verantwortlichen wieder nur zu einer „Jetzt tun wir aber wirklich was!“-Rhetorik mit einer Halbwertszeit von 48 Stunden reicht. So verständlich es ist, dass sich nun die Blicke abermals und fast ausschließlich auf eine einzelne Partei richten, so wichtig ist es, sich aus dem Starren zu lösen und den Blick zu weiten. Für die LGBT-Community heißt das, sich verstärkt gesamtgesellschaftlich zu verorten …

Protest sei es gewesen, was die Leute zur Wahl der AfD gebracht habe, keine ideologische Übereinstimmung. Das beruhigt nur bedingt. Was dieser „Protest“ für Homosexuelle und Transgender bedeutet, werden wir sehen, wenn demnächst dann der erste AfD-Redner, die erste AfD-Rednerin vom Pult des Bundestages aus gegen das „Nicht-Traditionelle“ wettert. Zu erwarten ist, dass dies nicht in Form einer direkten Hetze oder gar in Aufrufen zur Gewalt geschieht, sondern dadurch, dass Homo- und Transsexuelle lächerlich gemacht und als „schrille Minderheit“ gebrandmarkt werden, die Sonderrechte gegenüber einer unterstellten „normalen Mehrheit“ (die natürlich vernachlässigt wurde) erhält. Diese Mischung aus menschenfeindlicher Häme und dem Schüren von Neid wurde gern von der NPD in Landtagen benutzt und sie wird auch in den Reihen der AfD gepflegt. Umgarnt werden Homosexuelle ‑ Alice („Schutzmacht“) Weidel hat es vorgemacht ‑ dann, wenn es gegen die Islamisierung geht. Im Grundmuster „Wir gegen die Anderen“ sind Homosexuelle eben auch nur ein Versatzstück, das sich sowohl auf der Seite des „Wir“ als auch auf der Seite „die Anderen“ platzieren lässt.

Bei aller unabdingbar notwendigen Einzel- und Detailkritik an der AfD: eine übertriebene Fixierung auf deren Gebaren übersieht leicht, dass es darum geht, eine Alternative zur vermeintlichen „Alternative“ zu formulieren. Es ist wichtig, dass die LGBT-Community stärker denn je deutlich macht, dass das, was als Sonderrechte verunglimpft wird, Teil einer universellen Auffassung von Menschenrechten ist. Die mag in sich nicht widerspruchsfrei sein, aber ihr Ziel ist die Inklusion, nicht der Ausschluss von Menschen aus der Gesellschaft. Es geht um Gleichberechtigung und Teilhabe. Künftig muss es darum gehen, dies als gesamtgesellschaftlich relevante Position herauszustellen. So richtig der Slogan „Bunte Vielfalt gegen Einfalt“ ist, so diffus ist er. Man meint, eine Heile-Welt-Naivität mitzuhören, die die tatsächlichen Spannungen und Widersprüche ignoriert und zu einer unschönen Nebensächlichkeit erklärt.

Es wäre also an der Zeit, die der lesbisch-schwulen Community einst selbstverständlich inhärente Vision oder Utopie eines besseren Lebens, einer besseren Form der Gemeinschaft zu revitalisieren, d.h. deutlicher auszubuchstabieren und zu benennen. Die Vision einer Gemeinschaft, die „das Andere“ nicht ausgrenzt, sondern ihm/ihr das je eigene Bedürfnis nach Sichtbarkeit, nach Freiheit, nach Glück und einem sinnvollen Dasein zugesteht und es (wenigstens zum Teil) auch ermöglicht.

Der Kampf gegen die AfD im Speziellen und den Rechtsruck im Allgemeinen muss um die Entwicklung eines Gegenmodells für eine gerechtere Gesellschaft ergänzt werden. Spaß allein wird’s nicht tun, auch wenn gemeinsamer Spaß schon mal ein ziemlich guter Anfang für gutes Leben ist.

Vor allem aber muss die Community stärker an sich selbst arbeiten, mehr Diskussion im Geiste eines gemeinsamen Projektes wagen, wieder den Charakter eines offenen, gleichwohl schützenden Raumes stärken, in dem der/die Einzelne das sein kann, was er/sie möchte. Es muss gefragt werden, inwieweit die Kommerzialisierung der letzten Jahrzehnte dafür dienlich war. Lebensfragen wie Pflege, Gesundheit, materielle Absicherung müssen endlich Thema werden, und nicht, wie mittlerweile üblich, auf neoliberale Weise dem Einzelnen zugeschustert und dadurch tabuisiert werden. Die Erkenntnisse und Erfahrung aus Diskriminierung und Verfolgung aufgrund unserer sexuellen Orientierung ebenso wie aus den Zeiten der Aids-Epidemie sind wichtig und können allen, nicht nur unserer Community, heute hilfreich sein. Es wurde und wird dafür gestritten, dass Schwule und Lesben in Alten- oder Pflegeheimen ihre Geschichte nicht verleugnen müssen, sondern sie ganzheitlich wahrgenommen werden. Es ist exakt das, was sich jeder Mensch wünscht.

Was wir exemplarisch für uns erstreiten, beeinflusst das Leben in unserer Gesellschaft insgesamt – und zwar in einem guten und positiven Sinne. Das heißt nicht, dass LGBT an sich ein Ideal ist oder an sich schon die bessere Community wäre, es heißt, dass wir uns einbringen, um etwas für alle besser zu machen. Alle Rückschläge, Widersprüche inklusive. Die LGBT-Community muss sich neu – oder auch: immer wieder – darüber verständigen, nicht nur wogegen, sondern auch wofür sie steht.

Das ist ein hehres Ziel, das ist nicht ohne Pathos formuliert, und vielleicht zeigt schon der nächste Besuch in der hippen Szene-Kneipe, dass die Utopie ohne Ort ist. Das macht das Nachdenken über sie nicht obsolet.

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