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Jetzt gibt es dieses Blog allen Ernstes seit zehn Jahren. Einen Hinweis von wordpress vor ein paar Tagen habe ich noch weggeklickt, ohne nachzuschauen. Aber tatsächlich, am 13. September 2007 habe ich den ersten Beitrag gepostet, nicht mehr als eine Ankündigung, inspiriert von Stefan Niggemeier, mit dem ich kurz davor ein Interview für „hinnerk“ zum Thema schwule Blogs gemacht hatte.

Viele „Posts“ sind in den unermüdlichen Mahlstrom des Internets (hauptsächlich wahrscheinlich in die Lücken zwischen den Stricken des Netzes) getippt und gespült worden. Unzählige ungefragte Kommentare meinerseits, wegweisende Besinnungsaufsätze, besserwisserische Bemerkungen, ab und an ganz passable, halbwegs analytische Gedankengänge zu aktuellen Themen, Meinungen zu Debatten, anfangs Versuche, Vorfälle in der Welt, im TV kritisch zu rekonstruieren, später dann auch vom genervten Zeitgeist geprägte Schnellschüsse, Versuche, sich in Diskussionen einzubringen, eine Haltung einzunehmen. Zeitfüller, Selbstfindung, Buhlen um Aufmerksamkeit, gelegentlich ein bisschen Privates. Aber wenig, vielleicht zu wenig. Ein klein wenig Werbung für meine zwei Bücher war es auch, wobei das Blog strategisch ganz unvorteilhaft zwei Jahre nach dem Erscheinen des ersten, namensgebenden, im Querverlag veröffentlichten Bandes „Samstag ist ein guter Tag zum Schwulsein“ online ging. Die Erträge aus über das Blog generierten Verkäufe halten sich in sehr, sehr überschaubaren Grenzen. Selbst zu Zeiten, da Blogbeiträge viel geklickt, viel verlinkt wurden.

Und heute? Wenig Beiträge, wenig Klicks und seit mindestens drei Jahren die Endlosschleife in meinem Kopf und in gelegentlichen Gesprächen, jetzt aber mal ganz offiziell das Ende des Blogs zu vermelden. Und dann mache ich es doch so wie mit alten Hemden. Anstatt sie wegzuwerfen, hänge ich sie in Schrank und denke: „Man weiß nie, ob man’s vielleicht doch noch mal anziehen möchte.“

Nachfolgend noch ein wenig Grübelei, wie sich das Bloggen, mein Bloggen gewandelt hat, ein bisschen Lamento, dass ich müde geworden bin und was mir in meinem Blog und anderen Medien fehlt hinsichtlich der schwulen Welt …

Die Zeiten haben sich gewandelt, Blogs, zumal die schwulen, hatten in Deutschland eine kurzlebige Popularität, eine tapfere Handvoll bloggt sich noch durch die Wirrnisse der schwulen, ab und an auch schwul-lesbischen Welt. Einen letzten kleinen Höhepunkt gab es, soweit ich das sehe, mit der Nominierung des „Nollendorfblogs“ von Johannes Kram für den Grimme-Preis. Unermüdlich ist einer der Urväter deutscher Blogs, „BILDblog“-Gründer Stefan Niggemeier, aber der macht ja eher was mit Medien – auf seiner Seite und bei Übermedien und da rutscht das Schwule halt immer wieder – und in gewisser Weise auch leider immer wieder – rein. Ulli „Ondamaris“ Würdemann hat sein wichtiges und prägendes HIV/Aids-Blog 2012 nach sieben Jahren beendet und bloggt seitdem zusammen mit seinem Mann auf „2mecs“. Ende des kurzen Abrisses mit Bitte um Nachsicht für alle, die unerwähnt blieben.

Blogs, sofern sie diesen Namen noch verdienen, sind heute selbstverständlicher Bestandteil der Internetseiten von Nachrichtenmagazinen, etwa der „Queerspiegel“ vom „Tagesspiegel“. Ich selbst schreibe seit März 2016 für „kreuz & queer“ auf evangelisch.de. Diese Entwicklung markiert so etwas wie die Ankunft in der Mehrheitsgesellschaft, zugleich wird dadurch auch viel unabhängige Energie absorbiert und – bei allem Wohlwollen – nichts ist so schnell wieder raus aus dem Sortiment wie ein Blog für diese oder jene Zielgruppe. Netzwerk-Monopole wie Facebook haben zu einem großen Teil die Funktion der schnellen, spontanen Reaktion, Kommentierung wie auch der Nachrichtenverbreitung übernommen. Neben wenigen Einzelpersonen takten Aktivistengruppen wie „Enough is enough“ Nachrichtenlinks und rahmen sie mit ihrem Kampagnenformat. Dabei machen all diese schwulen Blogs, das meine eingeschlossen, kaum noch jene „investigative“ Arbeit, die ganz zu Anfang vielleicht dem einer oder anderen vorschwebte, auch die Funktion der kritischen Begleitung des Zeitgeschehens erfolgt mangels Zeit, Geld, Energie fast immer exemplarisch, spontan, mit großen Pausen zwischen den Veröffentlichungen – alles ist eher kursorisch, selten chronologisch und verpflichtend, wie man es von einem Logbuch erwarten könnte.

Abgesehen von den privaten Umständen, die die Arbeit fürs Blog erschweren/verhindern (und einen Beitrag für ein Blog schreiben ist Arbeit!), haben sich bei mir auch Einstellungen und Haltungen verändert. Zum Teil bleiben mir manche gängigen, hochkochenden Debatten fremd, zum Teil will ich gar nicht an ihnen teilnehmen. Meine Sprache ist eine andere als die, die heutzutage für Diskurse über Queersein, Rassismus u.ä. vorgeschrieben ist, und ich weigere mich, Philosophiestudium hin oder her, einer Begrifflichkeitsflut zu frönen, die in mir keinen Widerhall findet. Ich denke, auch die Zeit, die Gesellschaft und ganz speziell die schwule Welt haben sich verändert. Es ist nur zum Teil noch meine Welt (was mich auch traurig macht), und nichts bestraft die schwule Welt wohl so sehr, als wenn man nicht mit ihren Moden Schritt hält. Andererseits ist es ja auch gut: Andere Zeiten, andere Antworten auf vielleicht die immer gleichen Fragen. Wobei es ausgerechnet die Frage nach der Liebe ist, die ich in den Veröffentlichungen der schwulen Welt am meisten vermisse. Allein im kleinen Segment der fiktiven Literatur, evtl. der Kunst, mag sie noch auftauchen, ansonsten ist alles nur noch optimierter Vollzug im Lichte des Handy-Displays. Liebe ist ein romantischer Ruf, wenn wieder irgendwo eine Gräueltat verübt wurde. Ansonsten beherrschen politische Debatten im Kampagnensprech das geistige Bild, wird die Welt im queertheoretischen Sprech zergliedert. Queer Therory ist eine gute Denkübung. Die Welt magischer und schöner macht sie nicht.

Früher habe ich versucht, gegen die These, die schwule Welt sei nichts weiter als eine lange Einkaufsliste, anzuschreiben. Heute gebe ich Mark Simpson recht, allerdings ist leider auch seine Hoffnung auf irgendwelche queeren Bündnispolitiken dahin. Jedenfalls kann ich sie nicht sehen, es sei denn als Monstranz, die man auf Paraden, aber noch lieber in klugen Editorials vor sich herträgt.

Mir ist abhanden gekommen, was einst den Reiz der schwulen, auch teilweise der lesbisch-schwulen Welt ausmachte: das Gefühl der unhinterfragten Zusammengehörigkeit. Die schwule Gleichheit, egal aus welcher Schicht und Herkunft … längst obsolet und in einer fein austarierten schwulen Wohlstandshierarchie unangebracht. Möglicherweise schon immer ein Mythos.

Da ist aber auch ein wenig Müdigkeit, die ganz simpel mit der Zahl veröffentlichter Texte zusammenhängt. Es gibt einige Debatten, bei denen ich nur noch den Kopf schüttele, aber es unerheblich finde, viel und oft Gesagtes nochmals zu schreiben. Vorallem, weil es – Achtung: Frust! – ja nur noch dazu dient, in irgendeinen Kampagnenstrom eingespeist zu werden: Ja, nein, weiß nicht – nächstes Thema! Es gibt in den Netzen, den schwulen Medien viel Rechtschaffenheit, gerade auch hinsichtlich der Abgrenzung hinsichtlich menschenfeindlicher Positionen. Zugleich aber operiert sie in einem Feld der Verbissenheit und Hysterie. Und wenn ich selbst dann auch wieder mal einer Empörungswoge erlegen bin, ärgere ich mich im Nachhinein und frage mich, warum ich sie nicht einfach habe an mir vorbeiziehen lassen.

Ich glaube, es ist ein Fehler, dass die schwule, wohl auch die große LGBT-Welt insgesamt, sich medial – sieht man mal von Pornoseiten ab – fast ausschließlich in politischen Debatten repräsentiert sieht. Obwohl ich natürlich weiß, warum es dazu kam, warum es nach wie vor wichtig ist, politisch für Gleichstellung und Menschenrechte weltweit zu kämpfen, bleibt das Humane, das Menschliche auf der Strecke, droht ins Feld der Unausgesprochenheit abzugleiten. Der gesetzliche Rahmen ist entscheidend! Aber spannend ist doch auch, wie er ausgefüllt wird. Ich vermisse in der Endlosschleife von Kampagnen und Demo-Aufrufen die anderen Themen: das Leben, die Liebe, das Altsein, das Jungsein, das Alleinsein, die Einsamkeit, das Lob der schönen Dinge, der trauten Alltäglichkeit. Ich vermisse (auch bei mir selbst) eine Nachdenklichkeit, wie wir leben und was aus unserer Art zu leben erwächst. Früher hätte ich aus voller Überzeugung gesagt, dass die homosexuelle Welt auch die Vision eines gerechteren, besseren Zusammenlebens enthält. Heute würde ich das bezweifeln und mich fragen, ob in der homosexuellen Emanzipation überhaupt noch eine Widerständigkeit herrscht und nicht doch die naive Affirmation einer durchökonomisierten und selbstoptimierenden Gesellschaft obsiegt hat. Da ist viel Vollzug und wenig Ursachenforschung. Vielleicht müsste (m)ein Blog wieder verstärkt der Frage nachgehen, warum und wie wir das tun, was wir tun. Und was es mit uns tut!

Diese Art der Nachdenklichkeit passt nun so gar nicht zum frohen 10-Jährigen! Aber sie will sich vielleicht doch hin und wieder und demnächst äußern. Und dann ist es eigentlich gar nicht so schlecht, auch weiterhin ein Blog zur Hand zu haben. / ©RH

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8 Responses to “10”


  1. 4 Geflügel mit Worten September 18, 2017 um 2:38 pm

    Ich finde mich übrigens in sehr vielen Dingen, die Du beschreibst wieder. Beste Grüße von Langeoog!

  2. 5 Susanne Eren September 18, 2017 um 6:15 pm

    Happy Birthday 🙂

  3. 7 Bert September 18, 2017 um 7:30 pm

    Alles Gute! Und selbstverständlich weitermachen.


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