Wir gehören zum Wir … sagt eine Studie

Wen schließen die Bundesbürger ein, wen schließen sie aus, wenn sie von „wir“ reden? In einer repräsentativen Befragung, die von der „Zeit“ in Auftrag gegeben wurde und die jetzt auf „Zeit“ online vorgestellt wurde, äußerten 80%, dass für sie Homosexuelle dazugehören. 18% von 1.500 Befragten fanden, dass Lesben und Schwule nicht dazugehören.

Ebenfalls als Teil der Gesellschaft sehen 82% „Menschen anderer Religionen“. 73% „Menschen mit einem ganz anderen Lebensstil“; für 72% zählen Ausländer/Migranten“ und für 71% „Flüchtlinge“  zum kollektiven „Wir“.

Ein „Wir“, unter dem allerdings auch recht unterschiedliche Bezugsgruppen verstanden werden. So meinen 92% die Familie, wenn sie „wir“ sagen, fast ebenso viele (91%) den Freundes- und Bekanntenkreis. 78% meinen Deutschland, 68% Europa und immerhin noch 54% umschließen die ganze Welt mit ihrem „wir“. „Viel inklusiver“, so das Fazit der „Zeit“, „kann eine Gesellschaft kaum sein.“

Unter der Überschrift „Kosmopolitischer Liberalismus“ findet sich 66% Zustimmung zu der Aussage, dass es wichtig sei, „sozial Benachteiligten und gesellschaftlichen Randgruppen“ zu helfen. Nur 35% empfinden die Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturen als Bereicherung für das Zusammenleben. Ein weiteres großes Thema der Studie ist der Rechtspopulismus.

Eine solche Studie wünscht man sich auch für die Community der Homosexuellen und Transgender! Wer gehört zu „unserem Wir“? Schon der Klassiker, ob Homosexuelle „nur“ Schwule meint oder ob wir Schwulen damit auch Lesben mitmeinen (und vice versa), ist unverändert aktuell. Es wäre gut zu wissen, wie real die Buchstabengemeinschaft der LGBTIS samt Sternchen und Unterstrichen wirklich ist bzw. wahrgenommen wird. Auch angesichts der lauter werdenden Rassismus-Debatte innerhalb der eigenen Reihe scheinen Antworten auf die Frage, wen „wir“ zum „Wir“ der Community zählen, dringlicher denn je. Auch die Reichweite des „Wir“ könnte Aufschluss über das Engagement innerhalb der Community geben. Ist das „Wir“ das des Freundeskreises oder kosmopolit gedacht das „Wir“ der Homosexuellen weltweit?

(Das „Wir“ ist übrigens wieder populär geworden in der Community. Unablässig rufen Kampagnen-Blogger und -Magazine dazu auf, „wir“ müssten uns gegen dieses und für jenes engagieren. Es sind, ironischerweise, zum Teil dieselben Leute, die noch vor zehn Jahren jeden geißelten, der es wagte, von den positiven Aspekten eines Gemeinschaftsgefühls zu sprechen.)

Eine Studie, die der Frage nach dem „Wir“ der Homosexuellen nachspürt, wäre eine gute Momentaufnahme. In der Studie, so wie sie von der „Zeit“ referiert wird, bleibt der temporär-fragmentarische Charakter des „Wir“ unterbelichtet. „Wir“ ist – ebenso wie „Community“ – möglicherweise kein dauerhaftes Gefühl oder eine dauerhafte Haltung/Überzeugung, sondern eine Vergemeindung, die stets ad hoc, also anlassbezogen, realisiert wird. Entsprechend erfolgen bestimmte Ein- und Ausschlüsse spontan, während andere auf längerfristigen Haltungen/Wahrnehmungen basieren. Man nehme nur CSD-Paraden: Hier wird das „Wir“ zelebriert, selbst wenn wir uns in Wahrheit und schon am nächsten Tag einander abgrundtief verachten. Im „Wir“ steckt eben – im guten wie im schlechten – immer auch eine Sehnsucht. Ihr nachzuspüren könnte sich lohnen.

Link: „Wie tolerant sind die Deutschen?“ Studie auf „Zeit“ online.

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