Politiker im Fadenkreuz des iranischen Geheimdienstes – Nicht schwul genug für eine Meldung

Eine Meldung, die es nicht in die gängigen schwulen Medien schaffen wird:

Der SPD-Politiker Reinhold Robbe wurde, davon geht die Bundesanwaltschaft aus, „als mögliches Ziel für ein Attentat vom iranischen Geheimdienst ausspioniert“. Dies zu einem Zeitpunkt, als Robbe noch Präsident der Deutsch-Israelische Gesellschaft war. „Als Motiv für die möglichen Anschlagsplanungen vermuten Sicherheitsbehörden, dass Iran im Falle von israelischen Luftschlägen gegen iranische Atomanlagen mit Anschlägen auf Institutionen und Personen, die Israel eng verbunden sind, Vergeltung geübt hätte“, heißt es im Bericht der „S.Z.“

Reinhold Robbe ist schwul. Ein Umstand, den er selbst lange nicht öffentlich machte, der dann aber im Zuge seiner Verpartnerung publik wurde. Seitdem hat Robbe beherzt Partei u.a. für die Ehe-Öffnung ergriffen. Wenn also ein offen schwuler Politiker Ziel eines Attentats war, könnte man vermuten, dass wenigstens eine Zeile darüber in den schwulen Medien verloren wird, selbst wenn der Grund für das Ausspionieren nicht primär sein Schwulsein gewesen sein wird. Aber dem ist nicht so: Hierzulande interessiert eher, was das schwule Promi-Paar aus Hollywood dem Nachwuchs zur Halloween-Feier angezogen hat. Wer Botox spritzt und mit Schauspieler XY im Bett war, schafft es zum Aufmacher. Wer seinen nackten Hintern am Strand in Tel Aviv auf Instagram postet, kann sich tags drauf auf der Internetseite eines männlichen Magazins wiederfinden.

Aber im Falle der Meldung über Robbe …

Das Argument wird lauten, dass es nichts mit dessen Homosexualität zu tun hatte, als er ins Fadenkreuz des iranischen Geheimdienstes geriet. Es ging ja um dessen Haltung zu Israel. Da erscheint es dann schon als kosmopolit-liberale Haltung des Geheimdienstes, dass er Menschen ganz unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung umbringen lassen würde.

Die selektive Wahrnehmung schwuler Medien nimmt eine erstaunliche Normierung vor, wer wann und weshalb es wert ist, dass über ihn berichtet wird, wer als Teil der „Community“ wahrgenommen wird und wer rausfällt. Es sei an den Fall Bradley Manning erinnert, als der sich noch schwul wähnte und wegen Geheimnisverrat gefoltert wurde. Damit wollten schwule deutsche Medien nichts zu tun haben. Erst als aus Bradley Chelsea wurde, kam ein exotisches Apercu hinzu, dass die Person interessant machte. Schwul & Whistleblower sein, reicht nicht für Berichterstattung. Das Geschlecht zu wechseln dagegen schon. Auch die diversen Terroranschläge im letzten Jahr sind den schwulen Medien egal, solange nicht explizit ein LGBT unter den Opfern ist. Das ist eine bedauerliche Verengung des Blicks, denn in fast allen Fällen schloss das diffuse Feindbild der Terroristen immer auch die Homosexuellen und ihren vermeintlich hedonistischen Lebensstil ein. Hier nun lautet das Argument, dass über solche „allgemeinen“ Anschläge genug in den „allgemeinen“ Medien berichtet würde. Damit entsteht eine absurde Realitätsferne der schwulen Medien (auch schwuler Blogs!) und eine rigide Zielgruppen-Norm, die es auch nach Jahrzehnten nicht geschafft hat, homosexuelle Lebenswelten in einem ganzheitlichen Fokus und auch hinsichtlich ihres Betroffenseins von gesamtgesellschaftlichen Umbrüchen zu thematisieren, sondern als „special interest“ auch nur den „special“ Homo in Blick nehmen kann. Die schwulen Medien werden – auf eigene Weise, aber analog zu den Mainstream-Medien – zum Richter, wann Schwulsein eine Rolle spielen darf und wann nicht. Sie zementieren damit die Sicht, dass Homosexualität lediglich ein Teilaspekt einer Person ist, der jederzeit als „nicht relevant“ zum Verschwinden gebracht werden kann.

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3 Responses to “Politiker im Fadenkreuz des iranischen Geheimdienstes – Nicht schwul genug für eine Meldung”


  1. 1 Ralf Januar 8, 2017 um 11:21 am

    Grundsätzlich stimme ich Deinen Ausführungen zu. Insbesondere darf nicht vernachlässigt werden, dass Israel der einzige Staat im Nahen Osten ist, der Schwule nicht verfolgt und ihnen sogar weitgehende Gleichberechtigung einräumt. Wenn also ein schwuler Politiker einem schwulenfreundlichen Staat nahesteht und einer der schwulenfeindlichsten Staaten der Welt seine Ermordung ins Auge fast, dann kann uns das nicht egal sein und dann hat das auch nicht nichts mit seiner sexuellen Orientierung zu tun. Andererseits: Mich wundert nicht, dass gerade für einen Politiker derjenigen Partei, die die alleinige Verantwortung dafür trägt, dass Deutschland sich aus Westeuropa verabschiedet hat und jede weitere Gleichstellung verweigert -sieht man von ein paar redaktionellen Korrekturen in wenigen abseitigen Gesetzen ab-, Solidarität nur sehr gering auf dem Markt vorhanden ist. Das ist nicht gut, man muss auch mal über den eigenen Schatten springen können, aber nachvollziehen kann ich es, zumal ich (und ich informiere mich schon recht ausführlich) dieser Herr, der sein Schwulsein anscheinend erst mit der eigenen Verpartnerung der Geheimhaltung entzogen hat, nie öffentlich wahrnehmbar für unsere Rechte eingetreten ist. Da sind sogar Männer wie Jens Spahn oder Michael Kauch eher als -wenn auch unglaubwürdige-Unterstützer unserer Gleichstellung bekannt.

      • 3 Ralf Januar 8, 2017 um 5:34 pm

        Ja, den Artikel hab ich (schon vor Deinem Hinweis) gelesen. Was er da schreibt,ist nicht schlecht, dürfte aber wohl seine einzige Äußerung zur Sache sein und eher aus Eigeninteresse entstanden. Jedenfalls hab ich sonst nichts gefunden. Wichtig scheint mir, dass er 2010 seine bundespolitische Tätigkeit (zuletzt als Wehrbeauftragter – nicht ganz unwichtiger Posten) aufgegeben hatte und sich dann 2011 verpartnerte. Der Artikel stammt gar erst von 2015. So lange er aktiver Bundespolitiker war, hielt er sich im Verborgenen. Dabei wäre gerade das Amt des Wehrbéauftragten gut geeignet gewesen, sich für volle Gleichstellung einzusetzen und sich auch mal mit der Situation in der Bundeswehr zu beschäftigen oder mit der Lage von Bundes-, Landes- und Kommunalbediensteten allgemein. Ich selbst z.B. habe damals gerichtlich und außergerichtlch und mich psychisch schwer belastend um meine dienst- und besoldungsrechtliche Gleichbehandlung gekämpft (nicht als Offizier, aber als ziviler Beamter). Deutliche Worte von einem hochrangigen Funktionsträger des Bundes hätten gutgetan. Drei Legislaturperioden war er im Bundestag, für uns getan hat er außer der Zustimmung zum LPartG, die ich hier mal als voraussetzen will, nichts.- Übrigens ist Herr Robbe Honorarkonsul von Ruanda, einem Staat, der zwar Schwule nicht offen verfolgt, in dem aber gleichwohl ein von den Kirchen geschürtes schwulenfeindliches Klima herrscht und in dem erst vor wenigen Jahren versucht wurde, Schwulsein zum Straftatbestand zu machen (der Präsident lehnte das damals ab und im Parlament ging es nicht durch; offenbar ist man dort wenigstens etwas liberaler als in den Nachbarstaaten). Wie hätte Herr Robbe sich verhalten, wenn doch? Alles in allem: nicht der Mann, dem unsere Herzen zufliegen sollten. Ein Hitzelsperger der Politik, und das auch noch auf extremer Sparflamme. Dennoch vielen Dank für Deine Beschäftigung mit dem Fall. Über die Zusammenhänge Homosexualität-Israel-Iran wird aus meiner Sicht nicht genug geredet.,


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