Ist das ein Comic oder kann das weg? Wieso LGBT*-Comics vor LGBT*-Aktivisten gerettet werden sollten

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Dass Comics den Charakter verderben und darum besser verbrannt, als Kindern und Jugendlichen zum Lesen gegeben werden, war bis in die sechziger Jahre hinein fester Bestandteil der Erziehung in anständigen Familien.

Mittlerweile haben sich solche Auffassungen ein wenig geändert und eine entspanntere Haltung gegenüber Comics hat sich durchgesetzt. Sogar in der schwulen Welt. Da darf inzwischen ein Ralf König Comics in einem großen Buchverlag publizieren und das Schwule Museum sogar eine Ausstellung über queere Comics machen.

Gleichwohl lässt es sich die Aktivisten-Gruppe Enough Is Enough nicht nehmen, in ihrem moralischen Rigorismus auch Comics einem Generalverdacht auszusetzen und schon mal die Frage zu stellen, ob wir Comics, die LGBT-Themen aufgreifen, brauchen. Konkret – und Anti-Amerikanismus ist ja immer populär! – geht es um einen für Dezember angekündigten Comic-Band der US-amerikanischen Verlage DC und IDW, der unter dem Titel „Love Is Love“ der Opfer und Betroffenen des Pulse-Massakers in Florida gedenken und Gelder für einen Spenden-Funds sammeln will. Herausgeber des Bandes, so auf queer.de zu lesen, ist Marc Andreyko, der als Autor die Abenteuer der lesbischen Batwoman verantwortet. Zu den Zeichnern zählt u.a. Phil Jimenez, einer der bekanntesten, für Major Companies wie DC tätigen, schwulen Zeichner und Autoren.

Aber genug ist halt nicht genug. Und so fragt Enough Is Enough via Facebook nach: „Eine Comic-Serie in Ehren der Orlando-Opfer. Brauchen wir solche Dinge? Oder ist es wichtiger, seine Traurigkeit und Verletzung zu zeigen und dann für eine Veränderung zu kämpfen?“

Im Komparativ des Wortes „wichtig“ steckt bereits die Verachtung, die man bei Enough Is Enough für das Comic-Projekt über hat. Scheinbar nicht impliziert ist, dass es wichtig sein könnte, Trauer und Verletzung in einem Comic zu zeigen. Comic lesen mag ja okay sein, aber „wichtiger“ ist „für eine Veränderung zu kämpfen“.

Wumm! Päng! Da habt ihr es, ihr faulen a-politischen Couch Potatoes, ihr Chips fressenden, von TV und Internet verblödeten Flachdenker, die ihr euch heimlich abends in den Comic-Laden schleicht und euch dann wahlweise mit schrägen Charakteren, traurigen Transen oder mit muskelbepackten Superhelden amüsiert.

Hoffentlich habt ihr ein ordentlich schlechtes Gewissen dabei!

„Brauchen wir Comics?“, fragt Enough Is Enough, wo es doch “Wichtigeres” gibt. Ein Denkmuster, von dem man dachte, dass dessen rechts-reaktionärer Bestandteil in den fünfziger Jahren zu Ende ging, wie sich auch dessen links-indoktrinärer Bestandteil in den siebziger Jahren hätte verflüchtigen sollen. „Braucht man das?“ ruft die Denkfigur des Überflüssigen auf, des Nicht-Gebrauchten, des Nicht-Brauchbaren. Kurz: Ist das ein Aktivisten-Flugblatt oder kann das weg?

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Die wirklich wichtige Frage wäre, wie LGBT-Charaktere in Comics vorkommen, wie sie thematisiert werden, was sie über den Kontext, in dem sie verortet werden, preisgeben. (Im Falle des angekündigten „Love Is Love“-Comics hieße das, erst einmal abwarten, bis er tatsächlich erschienen ist.) So kann man fragen, was ausgesagt wird, wenn eine lesbische Batwoman eine Flagge hält, die auf der einen Seite US-Flagge , auf der anderen eine Regenbogen-Flagge ist. Patriotisches Klischee? Darüber könnte man streiten. Eine andere wichtige Frage wäre, ob der Comic handwerklich gut gemacht ist.

Es ist dagegen eine seltsame Denkhaltung, das Machen wie das Lesen von Comics gegen politisches Engagement auszuspielen. Nicht jeder Spieler eines Ego-Shooter-Games ist eine potenzieller Terrorist und es soll sogar Comic-Leser geben, die trotzdem (!) an Demonstrationen teilnehmen und sogar möglicherweise für LGBT-Rechte eintreten.

Ob für dieses Engagement allerdings Enough Is Enough der richtige Ort für sie ist? Wer erst eine Gewissensbefragung erdulden muss, wie man es mit LGBT-Comics hält, der bleibt besser auf der Couch und zieht sich einen schönen Comic rein, in dem Lesben, Schwulen, Bi- und Transgender vorkommen, ihre Ängste und Träume thematisiert werden – gezeichnet, geschrieben von engagierten Illustratoren, Künstlerinnen, Autor*innen. Zur Geschichte der Comics gehört ihr widerständiges und widerspenstiges Wesen. Etwas, das man wohl neuerdings gegen die eigene Community verteidigen muss. / ©RH

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2 Responses to “Ist das ein Comic oder kann das weg? Wieso LGBT*-Comics vor LGBT*-Aktivisten gerettet werden sollten”


  1. 1 Ralf September 24, 2016 um 9:15 am

    Wenn Enough is Enough sich jetzt mit solchen Fragen beschäftigt, taucht mir eher der Gedanke auf: Brauchen wir Enough is Enough? – Jeden Morgen knie ich vor meinem Hausaltar nieder und danke dem Herrn des Himmels und der Erde, dass er moralische Besserwisser geschaffen hat, die mich belehren, was gut und was schlecht, was richtig und was falsch ist, da ich selbst doch so dumm und oberflächlich bin, mir nicht selbst durch Gebrauch von Verstand eine Meinung bilden zu können. Gesegnet sei der „Aktivisten“ Selbstgerechtigkeit! Amen!

  2. 2 Alfonso Pantisano September 24, 2016 um 3:35 pm

    Na gut, dass ich im Rahmen meines Jobs gerade echt hart dafür kämpfe, dass LGBT-Comics am Leben bleiben und auch in Zukunft von vielen Menschen weltweit gelesen werden…🙂 Und auch gut, dass meine neuen EiE-Kollegen lernen können, was schnell geschriebene Sätze für eine Wirkung haben können – trotz der guten Absicht. P.S.: Danke an Samstag Ist Ein Guter Tag für die Kritik. Nur so können wir aus Fehlern lernen!


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