„Die nie vergessene Angst …“ – Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ über Herkunft und Homosexualität

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Über Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ sind schon so viele lobende Rezensionen geschrieben worden, dass sich eine weitere fast erübrigt. Das Buch nicht im Samstag-Blog zu besprechen, wäre allerdings ein echtes Versäumnis. Es hat mich sehr beeindruckt – sowohl auf einer persönlichen Ebene als auch hinsichtlich seiner politisch-sozialen Dimension. „Rückkehr nach Reims“ ist einerseits Autobiografie und zugleich Essay und Studie über den Zusammenhang von Herkunft, Homosexualität und aktueller neokonservativer Wende in Frankreich …

Nach dem Tod seines Vaters weigert sich Didier Eribon, zu dessen Beerdigung zu gehen. Gleichwohl kehrt er später nach Reims und zu seiner Mutter zurück, beginnt seine Herkunft zu hinterfragen – und warum er sie lange Zeit verleugnete und seine Familie mied. Das späte „Bekenntnis“ zur Arbeiterklasse, das einen Großteil des Buches ausmacht, erfolgt quasi nach seinem Coming-out als Schwuler – beides ist für ihn mit dem Gefühl der Scham verknüpft und ob bzw. wie sie sich produktiv machen und überwinden lässt. 1953 geboren, gilt Didier Eribon – unter anderem nach einer Biografie über den Philosophen Michel Foucault – in Frankreich als wichtiger Autor und Soziologe.

Der Erfolg des autobiografischen Rückblicks lässt sich sicher nicht mit der homosexuellen Thematik erklären. Auch nicht damit, dass Eribon seiner Herkunft aus der sozial und ökonomisch abgehängten Arbeiterklasse und deren Verleugnung nachspürt. Anschlussfähig für eine breite Leserschaft ist wohl weit mehr die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass sich die Arbeiter nicht länger von den Linken, den Kommunisten vertreten sahen, und nun zu großen Teilen den rechtsreaktionären Front National wählen. In etwa lautet die ernüchternde These, dass die Arbeiterklasse stets homophob und rassistisch war. „Mit der Entscheidung für linke Parteien wählte man gewissermaßen gegen seinen unmittelbaren rassistischen Reflex an, ja gegen einen Teil des eigenen Selbst, so stark waren diese rassistischen Empfindungen […].“

Diese Bindung bestimmt die sechziger, siebziger Jahre, also die Zeit von Eribons Jugend in Reims. Mit dem Schwinden dieser Bindung (befördert von den Linken selbst wie von neokonservativen Kräften) sei „die Eigenschaft, Franzose zu sein“ zu einem zentralen Element geworden, das das „Arbeitersein oder Linkssein“ abgelöst habe. Eine fehlende Selbstwahrnehmung als solidarisch-mobilisierbare Gruppe – also Klassenbewusstsein – habe dazu geführt, dass soziale durch rassistische Kategorien ersetzt worden seien. Wo früher die Forderungen gegen „die Bosse“ gerichtet waren, richten sie sich nun gegen „die Anderen“, denen man die Teilhabe verweigern will. (Ein Aspekt, der sich möglicherweise auch auf Deutschland allgemein wie den derzeitigen Riss innerhalb der Homosexuellen in Deutschland im Speziellen anwenden ließe.)

Interessant ist, dass Eribon auf dezidierte Kapitalismuskritik verzichtet, denn die Unterspülung traditioneller Bindungen verdankt sich ja auch veränderten ökonomischen Rahmenbedingungen. Stattdessen aber attestiert er den Linken, letztlich dem eigenen Mythos aufgesessen zu sein, es gäbe so etwas wie eine „natürliches Band“ zwischen Arbeiterklasse und der Linken. In der Frage, von wem gesellschaftliche Gruppen/Klassen ihre Interessen vertreten sehen, müsse die Linke einen „Resonanzraum“ organisieren, „wo Sehnsüchte und Energien investiert werden können“. Wo dies nicht gelinge, zögen Rechte und Rechtsradikale diese an sich.

Die vielfältigen politisch-sozialen Überlegungen, geprägt vom französischen Hintergrund, bilden den Mittelteil von „Rückkehr nach Reims“. Erst im Schlussteil vollzieht Eribon den Schwenk von der sozialen Ausgrenzung durch die Herkunft, die er durch Ausgrenzung seiner Familie aus seinem Leben zu überwinden suchte, zur Ausgrenzung als Homosexueller. Im Rückblick erscheint ihm Reims als „Stadt der Beleidigungen“. Homophobe Äußerungen sind an der Tagesordnung. Erst später, als er sich über sein sexuelles „Anderssein“ klar zu werden beginnt, spürt er, dass er stets mitgemeint war. Und sie richten sich schließlich gegen ihn direkt. Zu der Scham über die Zugehörigkeit zu einer sozial niedrigen Klasse gesellt sich die Scham über das eigene Empfinden. Sicher eine der markantesten Passagen:

„Im Grunde schrie die gesamte Kultur um mich herum ‚pédé‘, ‚tapette‘, ‚tantouze‘, ‚tata‘ oder irgendein anderes der Schmähworte, deren bloße Erwähnung in mir noch heute die nie vergessene Angst wachruft, die sie mir eingejagt haben, die Verletzungen, die sie mir zugefügt haben, und das Schamgefühl, das sie in meinen Geist gebrannt haben. Ich bin ein Produkt der Beschimpfung. Ein Sohn der Schande.“

Dem folgt die Festellung: „Reims war aber auch die Stadt, in der es mir gegen alle Widerstände gelang, mein Schwulsein zu konstruieren.“ Später wird Eribon formulieren, dass schwule Lebensweisen und eine schwule Welt nicht allein auf Sexualität basieren, „sondern auch auf einer ganz bestimmten Weise, sich als soziales und kulturelles Subjekt selbst zu erschaffen.“

Tilman Krause hat zu Recht angemerkt, dass Paris, wohin Eribon schließlich zieht, in seiner Bedeutung und seinen Potenzialen für die Entfaltung seiner homosexueller Identität vernachlässigt wird: „Man wird den Verdacht nicht los, dass Eribon hier an einem sozialromantischen Topos festhält: Einmal Paria, immer Paria.“

Zumindest – vielleicht durch den autobiografisch-historisierenden Blick, vielleicht durch den Anspruch, soziologisch zu argumentieren, bedingt – scheint Eribon an den Veränderungen jüngster Zeit weniger Interesse zu haben. Bei allen Fragen des Stigmas, der „Scham“, des unauflöslichen Zwangs zur Differenz in der Phase des Coming-outs, bei allem reaktionären Roll-Back – zumindest in den westeuropäischen Großstädten (aber nicht nur dort) pulsiert ein LGBT-Leben in nie gekannter Öffentlichkeit. Die Chancen, Diskriminierung und Verleumdung mit Aufklärung zu begegnen, sind ganz andere als noch vor zwanzig, dreißig Jahren.

Letztlich ist das Buch diesbezüglich eben keine ‚Kampfschrift‘, auch wenn es in aller Deutlichkeit klar macht, dass Homosexuellen der Kampf um Verortung in einem Geflecht von sozialen Ordnungen und normativen (Macht-)Diskursen niemals erspart bleiben wird. Und dass dieses Ringen eben keineswegs ein theoretisches ist, sondern sich in der Lebenswelt ereignet, die immer auch die Vorgaben gibt, in welcher Form das Ringen stattfinden kann. Die Offenheit, mit der Didier Eribon sich dem gestellt hat, macht „Rückkehr nach Reims“ zu einem der – für unseren Kulturkreis – derzeit wichtigsten Bücher über Homosexualität. / RH

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. edition Suhrkamp, Berlin 2016, 18 Euro.


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