Zur Kritik am Berliner LSVD

Der LSVD Berlin-Brandenburg, geführt von Jörg Steinert, steht nach der Gedenkfeier am Brandenburger Tor für die Opfer des Massakers im Pulse-Club in Orlando in der Kritik. Was wie eine kleinliche Detailfrage erscheint, ist leider ein generelles Problem der queeren Hauptstadt, deren Vielfältigkeit zu lange durch einen einzigen Verband monopolisiert und ausgebeutet wird. Und nur um diesen Punkt geht es im Folgenden:

Nachdem der LSVD selbst einige Tage zuvor, montags, ein stilles Gedenken organisiert hatte, war die Veranstaltung am Samstag von Ryan Stecken und Margot Schlönzke „privat“ gestemmt worden. 5.000 Menschen zu vereinen und den Toten, den Verwundeten und denen, die sie geliebt haben und lieben, auf eine schlichte, aber bewegende Weise zu gedenken, das ist eine tolle Leistung. Dafür muss man den beiden und ihren Unterstützerinnen und Unterstützern danken. Und keine Debatte im Nachgang kann diese Gedenkfeier in ihrer Wirkung im geringsten schmälern!
Gleichwohl bedauerlich, dass in zahlreichen Medienberichten über die Veranstaltung am Samstag und über das in Regenbogenfarben erleuchtete Tor trotzdem der LSVD als Veranstalter genannt wurde. Eine Kritik lautet nun – in Kürze -, der LSVD Berlin-Brandenburg habe nichts getan, diesen falschen Eindruck zu verhindern bzw. habe diesen sogar wissentlich befördert.

Die Kritik am LSVD-Verein der Hauptstadt ist nicht neu. Es entspricht der langjährigen Taktik des LSVD Berlin-Brandenburg, stets abzugreifen, was andere tun bzw. jedes Agieren von eigenverantwortlichen Teilgruppen der Szene durch seine vernetzte Übermacht im Keim zu ersticken oder zu verhindern, um sich selbst ins Licht und an die Geldtöpfe zu setzen. Johannes Kram hat auf seiner privaten Facebook-Seite zurecht moniert, dass solches Platzhirschverhalten (mein Wort!) „die Entfaltung und die Wahrnehmung unterschiedlicher Aktivitäten und Schwerpunkte innerhalb der Szene“ erschwere und sie dadurch letztlich schwäche.

Nun ist es ja nicht so, als ob man mit dem LSVD (und nun ist der Verband allgemein gemeint) zentrale Ziele und Forderungen nach Gleichstellung, nach Rehabilitation der aufgrund des §175 Verurteilten etc. nicht teilen würde! Es ist nicht so, dass die Arbeit des LSVD in dieser Hinsicht nicht für uns alle gut und wichtig ist! Gleichwohl hat sich der LSVD Berlin-Brandenburg zu einem von der LGBT-Community völlig unabhängigen Netzwerk entwickelt. Das ist das eigentlich schlimme: Der Berliner LSVD vertritt ein Elite-Denken. Er sieht sich selbst als höherwertiger als die gemeinen Schwulen und Lesben an. Es ist ihm wichtiger, aufs nächste Pressefoto mit einem Politiker zu kommen, als seine Aktionen in die Community hinein zu vermitteln. Kritik wird vom LSVD Berlin-Brandenburg seit Jahren beharrlich ignoriert. Wowereits Lieblinge sind fest verankert in den Geldströmen des Berliner Senats. Darum brauchen sie die engagierte Community nicht und auch nicht den gemeinen, „nur“ die Kneipen besuchenden Homo. Projekte, die auf finanzielle Unterstützung allein der Community zählen würden, wären wohl auch schnell am Ende.

Die geringe Bindungskraft des Berliner LSVD kompensiert er mit dauerhafter Struktur. Er kalkuliert eiskalt, dass ein auf die Belange von Politikern und Politikerinnen nach guter Presse ausgerichteter Termin (etwa um 12 Uhr tagsüber) letztlich medial Wirkung entfaltet. Da reicht es, wenn 50 Leute rumstehen. Mahnwachen, wie die von zwei Privatleuten organisierte, entfalten große Bindung, aber sie bleiben singuläre Ereignisse. Sie beleben – und ich finde das wichtig – ein Gefühl von / eine Sehnsucht nach Community. Nachhaltig ist das, strukturell gesehen, letztlich aber nicht.

Dabei wäre das einzige, was gegen das selbstherrliche Agieren des LSVD Berlin-Brandenburg helfen würde, eine andere, weitere Interessensvertretung, die es besser bzw. anders machen würde. Und das ist meilenweit nicht in Sicht. Es ist eine Arbeit, die anscheinend niemand machen kann oder machen will. Sie braucht Ressourcen wie Zeit, Energie, Geld – am besten eine Bundestagspartei im Hintergrund, denn der LSVD ist ja maßgeblich ein Instrument der Grünen und von Volker Beck gewesen und als solches aufgebaut worden. Ein neuer Verband würde aber auch dieselben grundlegenden Probleme des LSVD haben: zahlende und sich engagierende Mitglieder und wie er sich – inhaltlich – zu anderen Gruppen positioniert. Das Gemaule über den LSVD allein führt sehr wahrscheinlich nicht dazu, dass die Leute scharenweise einen Konkurrenzverband unterstützen würden.

Jede Kritik am LSVD Berlin Brandenburg muss sich die Frage nach den Alternativen gefallen lassen. Das Fehlen solcher Alternativen macht die Kritik nicht überflüssig. Sie sollte sich aber der traurigen Tatsache bewusst sein, dass es „die“ „deutsche“ „Schwulen- und Lesbenbewegung“ in Jahrzehnten nicht geschafft hat, eine bundesweite Struktur der Verständigung zu finden. Unsere Geschicke – bundesweit wie in Berlin – werden letztlich von einer kleinen Zahl von vereinzelten Interessensgruppen bestimmt: mal gut, mal weniger gut, mal in zufälliger Abstimmung mit anderen Gruppen, mal elitär-solipsistisch.

Es kann in unserer pluralistischen Gesellschaft auch nicht mehr darum gehen, eine Gruppe als alleinige Vertretung zu etablieren, sondern tragfähige Kooperationen und arbeitsteilige Vorgehensweisen verschiedener Akteure einzuüben (zum Teil diese Akteure erst zur Teilnahme zu befähigen) und verantwortlich und mit Respekt füreinander zu koordinieren. Es gab und gibt keine monolithische Masse von Schwulen und Lesben und Unterstützerinnen. Es gibt aber eine vielfältige Community, die zu ihren vielfältigen Akteuren stehen sollte, und es braucht Verantwortung, diese Vielfalt nicht als Konkurrenz zu missbrauchen, sondern als Grundbedingung für unsere Stärke zu sehen. Der LSVD Berlin-Brandenburg lässt eine solche Verantwortung vermissen. / ©RH


Das Buch zum Blog

Archiv

Kreuz-und-queer-Blog