40 Prozent finden küssende Homosexuelle ekelhaft – „Mitte“-Studie konstatiert wachsende Ablehnung von Schwulen und Lesben

Abwertung-von-Homosexuellen

Zahlen, die man nach dem Massaker im Pulse-Club in Orlando nicht wirklich lesen möchte: Laut einer aktuellen, repräsentativen Studie „Die enthemmte Mitte“ finden es 40,1% „eher“ oder „voll und ganz“ ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. 36,2% lehnen die gleichgeschlechtliche Ehe ab. Ein knappes Viertel der Befragten findet Homosexualität „unmoralisch“. Zuflucht kann man höchstens in der Umkehrung suchen: 60% scheinen demnach wenig oder kein Problem mit küssenden Schwulen und Lesben zu haben, weit über 60% keines mit der gleichgeschlechtlichen Ehe. Gleichwohl ist es ein ernüchterndes Ergebnis der Studie. Eine Studie des Bielefelder Forschers Heitmeyer hatte 2014 die Zahl derer, die sich vor einem Kuss von zwei Männern resp. Frauen „ekeln“, mit 20% angegeben. Allerdings weist die „Mitte“-Studie auf unterschiedliche Methoden der Ermittlung hin, so dass der Schluss, die Zahl habe sich innerhalb von 2 Jahren verdoppelt, nur bedingt möglich ist.

Die „Mitte“-Studie wird vom Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig in Kooperation mit der Heinrich Böll-, der Otto Brenner- und der Rosa Luxemburg-Stiftung alle zwei Jahre durchgeführt. Befragt wurden bundesweit 2.420 Menschen (West: 1.917, Ost: 503) zu den Themen Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Chauvinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Die Einstellung zu Homosexualität bzw. Homosexuellen wurde erstmals ermittelt. Die Herausgeber der Studie sind Oliver Decker, Johannes Kiess und Elmar Brähler
Die Pressemeldung zum Erscheinen der Studie gibt als zentrales Ergebnis an: „Die politische Einstellung der deutschen Bevölkerung ist polarisiert. Während eine deutliche Mehrheit der Gesellschaft rechtsextremes Denken und auch Gewalt zum Teil strikt ablehnt und Vertrauen in demokratische Institutionen hat, sind Menschen mit rechtsextremer Einstellung immer mehr bereit, zur Durchsetzung ihrer Interessen Gewalt anzuwenden.“ Die Radikalisierung zeigt sich auch bei der Einstellung zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen. Nicht nur die Ablehnung von Homosexualität scheint gewachsen. Im Kapitel zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit heißt es in der Studie, Islamfeindlichkeit habe stark, die Abwertung von Sinti und Roma leicht zugenommen. So sagten 49,6% der Befragten (gegenüber 47,1% in 2014), Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden. 50% gaben an, sich durch die vielen Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land zu fühlen. 7% mehr als vor zwei Jahren.
Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck kommentierte in einem Tweet: „Die Studie zur enthemmten Mitte zeigt auch: wer politisch nicht gleichgestellt und diskriminiert ist, sieht sich auch gesamtgesellschaftlichem Hass konfrontiert. Das zeigen besonders deutlich die Ablehnungswerte gegenüber Sinti, Roma und Homosexuellen. Würde die Bundesregierung dieses Problem ernst nehmen, würde sie nicht weiter auf eine rechtliche Diskriminierung von Homosexuellen und Ausweisung und Abwertung von Roma setzen. So werden diese Ablehnungen nur verstärkt und politisch legitimiert.“
Die Studie „Die Enthemmte Mitte“ lässt sich kostenlos auf der Seite des Otto Brenner Instituts als PDF herunterladen.
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2 Responses to “40 Prozent finden küssende Homosexuelle ekelhaft – „Mitte“-Studie konstatiert wachsende Ablehnung von Schwulen und Lesben”


  1. 1 Ralf Juni 18, 2016 um 1:54 pm

    Der Witz an der Kussfrage ist doch, dass es sich um eine rein hypothetische handelt. Welche Hete kommt denn wirklich mal dazu, zwei einander küssende Männer in der Öffentlichkeit zu sehen? Die Frage appelliert also an die eigene Phantasie. Nicht ein realer Anblick wird als ekelhaft empfunden, sondern die der eigenen Phantasie entsprungene Vorstellung. Wollte man eine „echte“ Antwort haben, müsste man zweistufig fragen: erst mal, ob der Befragte je zwei einander öffentlich küssende Männer gesehen hat. Da dürften dann gleich mal über 95% der Adressaten ausscheiden. Den Rest müsste man in der zweiten Stufe fragen, was sie bei dem Anblick empfunden haben.

    • 2 RH Juni 18, 2016 um 2:15 pm

      Gute Anmerkung! (Wobei ich noch vermuten würde, dass die Leute sich auf das beziehen, was sie gelegentlich im Fernsehen sehen.)


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